USA 17. Jul 2026

Das jüdische Selbstverständnis 2026

Eine neue Umfrage aus Milwaukee zeigt: Immer weniger amerikanische Juden identifizieren sich als Zionisten – auch wenn ihre Verbundenheit mit Israel bestehen bleibt.

Immer mehr jüdische Verbände befragen Juden, ob sie sich als Zionisten verstehen – und setzen sich mit den Ergebnissen auseinander.

Eine Umfrage in den USA hat schon wieder ergeben, dass sich weniger als die Hälfte der Juden in einer amerikanischen Stadt als Zionisten identifizieren – diesmal in Milwaukee, der Heimatstadt von Golda Meir, der zionistischen Ikone und ehemaligen israelischen Ministerpräsidentin.

Die Umfrage, die letzte Woche von der Milwaukee Jewish Federation veröffentlicht wurde, ergab, dass 43 % der jüdischen Erwachsenen angaben, sich als Zionisten zu identifizieren, während 42 % angaben, dies nicht zu tun. Ein deutlich höherer Anteil von 69 % gab an, sich «emotional» etwas oder sehr mit Israel verbunden zu fühlen. Gleichzeitig stimmten 52 % der Befragten der Aussage zu, dass «Israel regelmässig die Menschenrechte des palästinensischen Volkes verletzt».

Ein allgemeiner Trend
Die Ergebnisse reihen sich in eine wachsende Zahl ähnlicher Erhebungen von jüdischen Organisationen ein, die auf sich wandelnde und bisweilen scheinbar widersprüchliche Ansichten über Israel unter amerikanischen Juden hinweisen. Eine im Februar von der Dachorganisation Jewish Federations of North America (JFNA) veröffentlichte Umfrage ergab, dass sich 37 % der Juden als Zionisten identifizierten, während 88 % der Meinung waren, dass «Israel das Recht hat, als jüdischer, demokratischer Staat zu existieren». Die Ergebnisse sind über nordamerikanische jüdische Gemeinden unterschiedlicher Regionen und Grössen konsistent und veranlassen jüdische Führungskräfte dazu, ihre Annahmen in einer Zeit zu überdenken, in der Israel bei Amerikanern unterschiedlicher Herkunft an Unterstützung verliert.

«Vor einem Jahr hätte ich wirklich reflexartig auf dieses Wort reagiert und mich daran festgebissen, weil ich Zionistin bin», erklärte Miryam Rosenzweig, Präsidentin und Geschäftsführerin der Milwaukee Jewish Federation, gegenüber der «Jewish Telegraphic Agency» zu ihrer Sicht auf die Umfrage. «Was ich überwinden und verstehen musste, ist, dass dieser Begriff nun negative Konnotationen mit sich trägt.» Das Wort, so sagte sie, «ist belastet». Dennoch, so betonte Rosenzweig, seien für ihre jüdische Gemeinde «die Werte nach wie vor vorhanden». Im Grossraum Milwaukee leben schätzungsweise 27 500 Juden, die mehr als ein Dutzend Synagogen und sechs jüdische Schulen besuchen. Der örtliche Verband betreibt eine Reihe von Programmen direkt und unterstützt eine breite Palette an Bildungs-, Kultur-, Religions- und Sicherheitsinitiativen, die darauf abzielen, die jüdische Gemeinde zu stärken.

Die Erhebung
Die lokale Umfrage, an der 980 Familien teilnahmen, wurde zwischen Dezember 2024 und März 2025 durchgeführt, zu einer Zeit, als die Kritik an Israels Umgang mit dem Krieg im Gazastreifen stark zunahm. Mehr als 100 Geiseln, die bei dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 – der den Krieg auslöste – entführt worden waren, befanden sich zu Beginn der Umfrage noch in Gefangenschaft. Im Laufe des Umfragezeitraumes wurden Dutzende freigelassen.

Die von Forschern der Brandeis-Universität und des Sozialforschungsinstituts National Opinion Research Center der Universität Chicago durchgeführte Umfrage ist die erste umfassende Untersuchung der jüdischen Bevölkerung durch den Verband seit 2011. Sie wurde per E-Mail, Post und Telefon durchgeführt, wobei die Möglichkeit bestand, den Fragebogen online oder telefonisch auszufüllen, und weist eine Gesamtfehlerquote von 6,5 Prozent auf. Die Umfrage befasste sich mit einer Vielzahl von Themen und hat laut Rosenzweig einzigartige Herausforderungen für den Verband aufgezeigt, darunter die alternde jüdische Bevölkerung der Region und ihr im Vergleich zu ähnlich grossen jüdischen Gemeinden relativ niedrigeres durchschnittliches Einkommen. Die Daten zeigten aber auch positive Aspekte, wie zum Beispiel ein hohes Mass an dem, was Rosenzweig als jüdische «Beteiligung» bezeichnete. So werden beispielsweise drei Viertel der jüdischen Kinder in interkonfessionellen Haushalten der Region jüdisch erzogen, und fast jedes vierte jüdische Kind in Milwaukee besucht eine jüdische Tagesschule oder eine Jeschiwa – ein Anteil, der über dem nationalen Durchschnitt liegt. Jedoch ist es die Frage nach dem Zionismus, die das öffentliche Interesse auf sich gezogen hat – zum Teil schon allein deshalb, weil sie überhaupt gestellt wurde.

Der Zionismus als Testfrage
Laut Matthew Boxer, einem Forscher am Cohen Center for Jewish Studies der Brandeis-Universität, der die Milwaukee-Studie leitete und an vielen anderen Studien mitgearbeitet hat, fragten lokale Verbände, die Bevölkerungsstudien durchführten, jahrzehntelang nach Themen wie der emotionalen Verbundenheit mit Israel – verzichteten jedoch weitgehend darauf, die Mitglieder ihrer Gemeinden direkt zu fragen, ob sie sich als Zionisten identifizierten.

Das änderte sich mit der Umfrage des Verbands in Chicago aus dem Jahr 2020, die ebenfalls von Boxers Team geleitet wurde und die ergab, dass sich 40 % der erwachsenen Juden in der Region als Zionisten identifizierten, während 80 % der Aussage «Es ist wichtig, dass Israel ein jüdischer Staat ist» zustimmten.

Seitdem, so Boxer, hätten sich etwa ein Dutzend Verbände dafür entschieden, in ihren Umfragen eine Variante der «Zionismus-Frage» zu stellen. Kürzlich veröffentlichte Resultate der Verbände in Boston und St. Louis ergaben ähnliche Ergebnisse wie die aus Chicago und Milwaukee; neue Umfrageergebnisse aus Austin, Texas, und Orange County, Kalifornien, werden noch in diesem Jahr erwartet. Einige haben sich dagegen entschieden, die Frage aufzunehmen.

Die Ergebnisse haben für amerikanische Juden wie eine Art Rorschach-Test gewirkt. Diejenigen, die Israel zutiefst kritisch gegenüberstehen, argumentieren, dass die Tatsache, dass sich nur eine Minderheit der amerikanischen Juden als Zionisten identifiziert, beweise, dass amerikanisch-jüdische Gruppen ihre Unterstützung für Israel und ihr Engagement für das Land zurückfahren sollten. Diejenigen, die die historische Beziehung bewahren wollen, drängen darauf, über das Label hinwegzuschauen und sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass eine deutliche Mehrheit der Juden die traditionellen Grundsätze des Zionismus unterstützt.

Ein Rorschach-Test für die Gemeinschaft
In einem Essay für «JTA», welches nach der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse publiziert wurde, kam Mimi Kravetz, Chief Impact Officer von JFNA, zu dem Schluss, dass die meisten Juden nach wie vor an der «historischen Definition» des Zionismus festhalten, sie räumt jedoch ein, dass der Begriff eine «Definitionsverschiebung» durchlaufen habe. Sie forderte die Verbände auf, «Wege des Lernens und der Zugehörigkeit zu eröffnen» und es zu vermeiden, «mit Wut anstelle einer besonnenen Führung zu reagieren».

Für Rosenzweig, die 2019 nach Milwaukee kam, nachdem sie jahrelang bei dem Verband in Detroit mit jungen jüdischen Berufstätigen gearbeitet hatte, war eine Umfrage in ihrer Gemeinde zum Thema Zionismus eine Selbstverständlichkeit, bereits als die Umfrage vor dem 7. Oktober erstmals konzipiert wurde. «Wir müssen diese Frage stellen», sagte sie. «Die demografische Studie soll nicht die Antworten liefern, die wir hören wollen», sagte sie. «Wir müssen wissen, wo sie stehen – in welchen Punkten stimmen die Menschen überein und in welchen nicht?»

Während die Umfrage eine Spaltung hinsichtlich der Identifikation mit dem Zionismus ergab, zeigte sich bei anderen Themen ein breiter Konsens – manchmal sogar bei Themen, die im Widerspruch zueinander stehen. So stimmten beispielsweise 84 % der Juden in Milwaukee der Aussage «Ich halte es für wichtig, dass Israel ein jüdischer Staat ist» eher oder voll und ganz zu. Gleichzeitig stimmten 88 % der Aussage zu, dass «Israel ein demokratischer Staat für alle seine Bürger sein sollte, unabhängig von ihrer religiösen Identität».

Rosenzweig sagte, sie glaube, dass diese beiden Vorstellungen nebeneinander bestehen könnten. «Unsere Gemeinde kann Israel unterstützen und Israels Existenzrecht sowie seinen Status als jüdischer Staat befürworten, und gleichzeitig Sorge um die Menschenwürde der Palästinenser haben. Das ist kein Entweder-Oder», sagte sie. «Und ich denke, das ist wirklich eine wichtige Botschaft darüber, wer die amerikanischen Juden sind.»

Stimmen aus der Gemeinde
Rabbiner Noah Chertkoff, der die reformierte Gemeinde Shalom im Vorort Fox Point leitet, sagte, er sei von den Umfrageergebnissen zum Zionismus nicht überrascht, warnte jedoch davor, daraus zu viele Schlussfolgerungen zu ziehen. «Ich bezeichne mich stolz als Zionist, aber ich erkenne auch an, dass der Begriff selbst stark verzerrt und manchmal absichtlich diffamiert wurde – von Menschen, die mehr daran interessiert sind, Juden zu verunglimpfen, als sich ernsthaft mit der jüdischen Geschichte, dem jüdischen Glauben und dem Selbstverständnis des jüdischen Volkes von unserer Geschichte auseinanderzusetzen», schrieb er in einer E-Mail an die «JTA».

Chertkoff fügte hinzu, dass seine eigenen Gemeindemitglieder sowohl «echte Verzweiflung» über den 7. Oktober als auch Besorgnis um die Demokratie in Israel und «das Leid der Zivilbevölkerung auf allen Seiten des Konflikts» zum Ausdruck gebracht hätten. Er fügte hinzu, dass die Umfrage als «Auftrag» verstanden werden sollte: «Wenn wir wollen, dass die nächste Generation eine dauerhafte Verbindung zu Israel und zum Zionismus erbt, können wir uns nicht nur auf überlieferte Labels verlassen.» Rabbiner Lex Rofeberg aus Milwaukee, der von seinem derzeitigen Wohnort in Rhode Island aus das alternative jüdische Netzwerk Judaism Unbound («Entfesseltes Judentum») leitet, sagte, er glaube, dass die Umfrage mehr als nur Verwirrung über den Begriff «Zionismus» zutage bringe. «Als jemand, der sich selbst als ‹kein Zionist› bezeichnen würde, hoffe ich, dass jüdische Organisationen in Milwaukee und darüber hinaus auf dieses Ergebnis reagieren, ohne zu versuchen, meine Überzeugungen zu ändern, oder darauf zu bestehen, dass ich nicht wirklich weiss, wogegen ich mich wende», schrieb er in einer E-Mail. «Ich würde mir stattdessen wünschen, dass sie die Tatsache anerkennen, dass ‹Ich bin kein Zionist› für viele Juden auf der ganzen Welt eine aufrichtige, tief verwurzelte Überzeugung ist – und dazu gehören auch etwas mehr als 40 Prozent der Juden im Grossraum Milwaukee.»

Jüdische Institutionen, so schlug er vor, «sollten auf die geringere Unterstützung für den Zionismus nicht mit der Frage reagieren: ‹Wie können wir den Zionismus neu positionieren?›, sondern vielmehr mit der Frage: ‹Wie können wir sinnvolle jüdische Erfahrungen für Menschen schaffen, die sich aktiv nicht als Zionisten verstehen?›» Der Verband Jewish Milwaukee, welchen Rofeberg als «grossartig» bezeichnet und dem er zuschreibt, ihn «als Mensch und als Jude geprägt zu haben», könnte dies erreichen, betont er. Was der Verband mit diesen neuen Erkenntnissen anfangen wird, steht noch nicht fest. Rosenzweig arbeitet derzeit an «einem sehr umfassenden Strategieplan», wie sie gegenüber «JTA» erklärte, fügte jedoch hinzu, dass es noch zu früh für Einzelheiten sei. Sie hofft, den Fokus auf Gemeinsamkeiten zu legen, anstatt zu versuchen, die Hälfte der lokalen Juden davon zu überzeugen, dass sie Zionisten sind oder sein sollten.

Ein Blick zurück
Als Inspiration hat Rosenzweig die Gemeindeumfrage von Milwaukee von vor genau einem Jahrhundert wieder hervorgeholt. Meir war zu diesem Zeitpunkt bereits über Denver nach Palästina gezogen. Damals, so sagte sie, war die Gemeinde ungefähr so gross wie heute, und ihre jüdischen Förderorganisationen sammelten inflationsbereinigt einen ähnlichen Geldbetrag ein.

«Damals, im Jahr 1926, war von der ‹Kampagne für Palästina› die Rede, weil die Juden Osteuropas nirgendwo hin konnten», sagte Rosenzweig. «Sie machten sich darüber Sorgen. Und so reagieren wir heute auf die aktuelle Lage. Und ja, es sieht düster aus. Es gab düstere Tage, und wir haben überlebt, weil wir zusammengehalten haben. Wir wissen, wie das geht.»

Andrew Lapin