International 23. Okt 2026

Auf dem Schachbrett des Schreckens

Die Weichenstellung in Brasilien bringt die Menschen auf die Strasse.

Ein Sozialdemokrat mit zweifelhaftem Leumund in Sachen Nahost oder ein rechtsextremer Evangelikaler, dessen Anhänger gerne Israel-Fahnen schwenken – vor der Stichwahl ist die jüdische Bevölkerung Brasiliens gespalten

Lula oder Bolsonaro? Einmal mehr ist dies die zentrale Frage, wenn in Brasilien, dem grössten Land Südamerikas, gewählt wird. Am Sonntag entscheidet die Stichwahl darüber, wer der nächste Präsident wird: Luiz Inácio Lula da Silva, der Amtsinhaber vom sozialdemokratischen Partido dos Trabalhadores (PT), inzwischen 80 Jahre alt, der in seine vierte Amtszeit gehen würde, oder sein Herausforderer Flávio Bolsonaro. Der 45-jährige Senator, Sohn des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro und wie dieser den Partido Liberal (PL) vertretend, kandidiert erstmals.

Bei der ersten Runde vor drei Wochen hatte Bolsonaro mit 47 zu 45 Prozent einen knappen Vorsprung vor Lula. Dieser wuchs in Umfragen unmittelbar danach, doch nach Massenkundgebungen und einer engagierten Social-Media-Kampagne des Lula-Teams liegt er kurz vor dem entscheidenden Wahlgang bei unter einem Prozent. 2022 gewann Lula gegen Bolsonaro senior ebenfalls mit hauchdünnem Vorsprung. Kurz nach seiner Amtseinführung marodierte ein Mob aus Bolsonaro-Anhängern durch das Regierungsviertel in Brasília. Jair Bolsonaro wurde 2025 wegen seiner Rolle in diesem gescheiterten Putschversuch zu 27 Jahren Haft verurteilt.


Wie ein Fussballspiel
Die Ausgangslage bietet also einiges an Brisanz. Das Land ist tief gespalten, die Kluft zwischen Lulistas und Bolsonaristas prägt die brasilianische Gesellschaft seit Jahren. Mittendrin in vielfacher Hinsicht: die rund 100 000 jüdischen Brasilianerinnen und Brasilianer, von denen die meisten in den Metropolen São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Alegre leben. «Dieser Wahlkampf fühlt sich an wie ein Fussballspiel», sagt Daphne Klajman, die als akademische Koordinatorin für Hillel in Rio de Janeiro tätig ist und als Lehrerin an einer jüdischen Ganztagsschule arbeitet.

Der Fussball-Vergleich ist gerade in den letzten Jahren mit der emblematischen Rivalität zwischen Lula und den Bolsonaros nicht neu. Sie hat sogar eine entsprechende farbliche Dimension: Rot gegen Grün-Gelb, wobei an Veranstaltungen der Bolsonaristas tatsächlich Jerseys des Nationalteams zum optischen Standard gehören. Daphne Klajman, die das Telefonat mit tachles mit den Worten «Es ist ein Chaos hier» beginnt, fügt dem Vergleich noch hinzu: «Ein sehr, sehr wichtiges Fussballspiel, wo die Leute nicht auf der Grundlage von Fakten oder Gesetzgebung argumentieren, sondern wo es darum geht, welches Team gewinnen soll.»

Klajman lebt in Rio de Janeiro. «Hier heisst das Team, das gewinnen soll, mit Sicherheit Lula», erklärt sie. «Überall, wohin du schaust, siehst du Rot: Aufkleber, Leute mit Fahnen und Lula-Parolen.» Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft freilich seien die Gefühle viel gemischter. «Ich sehe nicht, dass einer der Kandidaten unbedingt der Populärere ist. Aber ich sehe eine krasse Gespaltenheit und dass Leute nicht mehr miteinander reden – auch innerhalb jüdischer Kreise.»


Gespaltene Gemeinschaft
In gewisser Weise haben jüdische Communitys mit der sozialen Sprengkraft dieses Konflikts schon länger zu tun als die meisten anderen Brasilianer. Schon vor den Wahlen 2018 entstand in Rio und São Paulo eine erhitzte Debatte um die Frage, ob der damals aufkommende Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro, ein Ex-Militär, der die Diktatur von 1964 bis 1985 verherrlichte, in den Hebraica genannten Gemeinschaftszentren der Metropolen auftreten sollte. In Rio liess man es zu, dem Grundsatz folgend, jedem Kandidaten zumindest zuzuhören. In São Paulo war Bolsonaro senior nicht willkommen.

Heute gibt es auf der Linken Kollektive wie die Judias e Judeus com Lula, also Jüdinnen und Juden, die Lula unterstützen, oder Judias e Judeus pela Democracia. Letztere sammelten Unterschriften für ein Manifest, in dem sie sich «auf der Seite der Demokratie und der jüdischen ethischen Werte» verorten. Lula stehe demnach für «soziale Gerechtigkeit und die Gewährleistung des demokratischen Rechtsstaats».


Wer ist schlimmer?
Mit Lula verbinden viele seit dem 7. Oktober 2023 aber auch eine Reihe von Auftritten und Aussagen, die Daphne Klajman «extrem kontrovers bis eklatant antisemitisch» nennt: der Rückzug Brasiliens aus der IHRA mit der Begründung, diese diene dem Ziel, Kritik an Israel zu schwächen; Behauptungen, Beschwerden über Antisemitismus entsprängen einer Opfer-Mentalität und Antisemitismus sei nicht real; seine Weigerung, die Hamas als Terror-Organisation einzustufen; der halbherzige Einsatz für die ermordete brasilianische Geisel Michel Nisenbaum gegenüber dem entschiedenen Eintreten für den in Israel inhaftierten Flotilla-Aktivisten Thiago Ávila, neben Lulas bekannt guten Beziehungen nach Teheran.

Die Diskussion um Antisemitismus und Israel, so Klajman, sei zu einem Schachbrett geworden, auf dem um die Frage gespielt werde, welcher Kandidat schlimmer sei und vor wem sich Brasiliens Juden mehr fürchten sollten. «Die Linke sagt, natürlich gebe es Antisemitismus, aber sie spielt ihn herunter oder sagt, dass er auf der Rechten noch schlimmer sei. Die Rechte hält dagegen, der Antisemitismus sei nie schlimmer gewesen als in den letzten vier Jahren.» Klajman selbst stören vor allem Versuche, die jüdische Gemeinschaft für oder gegen einen Kandidaten zu vereinnahmen. «Alle können wählen, was sie wollen, aber eine Gemeinschaft kollektiv mit einem Kandidaten zu verknüpfen, ist extrem problematisch.»


Zuerst als Juden wählen
Ganz grundsätzlich, und diese Auffassung hört man viel in der hektischen Zeit zwischen den Wahlgängen, haben all diese Diskussionen dazu geführt, dass viele ihre Wahlentscheidung zuerst als Juden treffen. Laut Ricardo Berkiensztat, Exekutiv-Präsident der Federação Israelita do Estado de São Paulo, ist das ein Novum und eine Folge des 7. Oktober, den er «eine Trennmauer in unserer Geschichte» nennt. Zufällig erreicht ihn tachles am Jahrestag des Hamas-Angriffs.

Berkiensztat ist ein Mann mit Auge für Nuancen. Er nennt Brasilien «noch immer eine Oase in der Welt» und betont, man könne ohne Weiteres mit Kippa und Davidstern über die Strasse laufen, und zuletzt seien die hohen Feiertage ohne jedes Problem in den Synagogen begangen worden. Andererseits gab es am Vortag einen Zwischenfall bei einer Gedenkfeier im Stadtparlament von São Paulo. «Fünf Leute von linken Parteien begannen während einer Rede Radau zu machen. Die Polizei musste eingreifen. Die fünf hatten palästinensische Fahnen dabei und begannen Dinge über Genozid und ‹From the river to the sea› zu rufen. Das macht uns keine Angst, aber wir sind müde davon.»

Zugleich zeigt sich in diesem aufgeheizten Wahlkampf, dass die Jüdinnen und Juden Brasiliens in eine unbequeme Position geraten. Berkiensztat berichtet von einem Juden, der kürzlich in einem Supermarkt in Porto Alegre als Völker- und Kindermörder angeschrien wurde. Der Präsident ordnet dies in den weltweiten Konflikt zwischen politischen Extremen ein. «Darin wird die jüdische Gemeinschaft oft der extremen Rechten zugeordnet, weil Zionismus angeblich Genozid bedeutet. Solche Aufmerksamkeit rückt unsere Gemeinschaft von 100 000 Personen ins Zentrum eines ganzen Wahlkampfs. Dabei können wir zahlenmässig nicht mal einen einzigen Abgeordneten wählen.»


Politische Waisen
Die Dynamik, wonach jüdische Akteure auf der Rechten eingeordnet werden, ist nicht aus der Luft gegriffen: Inzwischen, so Berkiensztat, entfielen von den Stimmen jüdischer Brasilianer wohl 60 bis 70 Prozent auf Bolsonaro. «Es ist wie in den USA, wo die grosse Mehrheit eigentlich die Demokraten wählte. Nun sind sie politische Waisen. Trump ist nicht ihr Traum, aber weil die Demokraten sich gegen Israel kehren, wenden sie sich ihm zu.» Berkiensztat berichtet von jüdischen Whatsapp-Gruppen, entweder für Lula oder für Bolsonaro. In der Summe setze sich aber die Ansicht durch, Letzterer sei die bessere Lösung, weil Lula als Antisemit und Israel-Hasser gelte.

«Die jüdische Gemeinschaft ist politisch sehr divers. Aber ich denke, dass die meisten nach dem 7. Oktober sehr wütend und enttäuscht von Lula sind», bringt es André Lajst auf den Punkt. Der Exekutiv-Präsident von Stand With Us Brasil unterstreicht, dass viele Wähler nicht unbedingt mit Bolsonaro übereinstimmen, aber vor allem gegen die Arbeiterpartei und Lula sind. Auf die Frage, ob die Angst vor Antisemitismus damit grösser sei beziehungsweise schwerer wiege als jene vor einer Wiederholung jenes 8. Januar, als der bolsonaristische Mob in Brasília wütete, zögert Lajst kurz und antwortet dann: «Wahrscheinlich.»

Es gibt einen weiteren Aspekt, den Präsident Lajst charakteristisch für die gegenwärtige Lage nennt. «Nach dem 7. Oktober war es so, als habe ein Pfeil viele Blasen durchstossen. Viele jüdische Personen, die sehr weit von der Gemeinschaft entfernt waren, nicht religiös, gemischt verheiratet mit nicht jüdischen Kindern, kamen zurück und wollten teilnehmen, sich engagieren oder spenden. Es ist eine Transformation als Folge eines Traumas, das uns alle betrifft.»

Eine Frage, die sich anhand dieser Entwicklungen stellt, ist, was brasilianische Juden von den israelischen Flaggen halten, mit denen sich der stark evangelikal geprägte Anhang Bolsonaros gerne zeigt. Vor Jahren empfanden viele dies als befremdlich, nicht zuletzt, weil sie es gefährlich fanden, als Gruppe mit einem rechtsextremen Kandidaten assoziiert zu werden. Auch heute, so Lajst, löse dies gemischte Gefühle aus. «Die Leute wissen, dass dahinter Evangelikale und ihre religiösen Motive stecken.» Neben Reserviertheit gebe es inzwischen aber auch Erleichterung darüber, dass ein grosser Teil der brasilianischen Bevölkerung proisraelisch ist und sich so zeige. «Linke protestieren ja auch mit Hamas- oder Palästinaflaggen.»


 

Tobias Müller