geschichte 04. Sep 2026

Zwischen «galut» und «golus»

Ansprache von Rabbiner Lothar Rothschild bei der Einweihung des jüdischen Friedhofs in Laupheim.

Auch nach 90 Jahren hat Rabbiner Lothar Rothschilds Rosch-Haschana-Predigt um die Frage nach Diaspora und Heimatland nichts an Aktualität eingebüsst.

Bevor Lothar Rothschild zum renommierten Rabbiner der jüdischen Gemeinde in St. Gallen wurde, trat er seine erste Stelle als Rabbiner der Synagogengemeinde in Saarbrücken an. Der 1909 in Karlsruhe geborene Rabbiner hatte seine Studienzeit in Basel verbracht, wo er seine Dissertation über Johann Caspar Ulrich und dessen Sammlung jüdischer Geschichten in der Schweiz verfasste. Seine Stelle in Saarbrücken übernahm er 1934, kurz nachdem er sein Studium am berühmten Rabbinerseminar in Breslau abgeschlossen hatte.

Eine Predigt für die Zerstreuten
Bereits im zweiten Jahr seiner Tätigkeit sah sich Rothschild gezwungen, eine Predigt für Rosch Haschana zu schreiben, in der er von den grossen Veränderungen berichtete, die sich innerhalb eines Jahres in der Saarbrücker jüdischen Gemeinde vollzogen hatten. Diese Predigt wurde später gedruckt und als Broschüre an alle ehemaligen Mitglieder der Saarbrücker Gemeinde verschickt. Ein seltenes Exemplar davon befindet sich in der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Sie war all jenen gewidmet, die Deutschland aufgrund der unerträglichen Zustände im «Dritten Reich» entweder gezwungenermassen oder aus freien Stücken verlassen hatten: «Beseelt von dem Wunsch, den Glaubensbrüdern, die uns im vergangenen Jahr verliessen, zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen haben, und durchdrungen von der Überzeugung, dass jeder einzelne, der nicht mehr unter uns sein konnte, in Gedanken bei uns war, übergeben wir die nachfolgende Predigt vom Vorabend des Rosch-Haschana-Festes. (…) Möge das Jahr 5696, das jetzt seinen Anfang genommen hat, uns allen wieder Heimat bringen.»

In dieser faszinierenden Predigt versucht Rothschild, den unlösbaren Konflikt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Weggehen und Bewahren, zu schlichten. Er spricht vom «Ende einer Epoche», der Emanzipation der deutschen Juden, aber auch vom Beginn einer neuen. Er muss mit ansehen, wie seine einst so grosse Gemeinde, die noch vor einem Jahr die Synagoge füllte, immer kleiner wird. «Unsere Gemeinde hat sich in dem entschwindenden Jahr nicht aufwärts entwickelt; Aufstieg war ihr nicht vergönnt. Letztes Jahr mussten wir, um die Teilnahme an dieser Feierstunde allen zu ermöglichen, einen grossen Nebengottesdienst einrichten, jetzt fasst dieses Gotteshaus, das einst viel zu klein zu werden drohte, für die rasch und stetig aufstrebende Gemeinde, heute an diesem Abend alle Beter.» Dennoch hegt Rothschild keinen Groll gegen diejenigen, die gegangen sind. Er hofft, dass sie ein neues Zuhause finden, das ihnen zur Heimat wird. Für ihn ist die Verbindung zwischen den Weggegangenen und den Gebliebenen das Wichtigste: Sie tragen gegenseitig die Verantwortung, sich zu beschützen und füreinander zu sorgen. «‹Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt, den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie schweigen.› Das ist unsere Aufgabe, das Wachtamt zu übernehmen, für die Zukunft unserer Gemeinde und unseres Volkes, das Wachtamt um Jerusalem, hier und dort.»

Zwischen zwei Aussprachen
Besonders eindrucksvoll und innovativ ist Rothschilds Analyse der beiden Begriffe «galut» und «golus». Was uns wie dasselbe erscheint – «Diaspora» –, ist für ihn nicht nur eine unterschiedliche Aussprache, sondern signalisiert einen entscheidenden Moment im Verlauf des jüdischen Lebens durch die Geschichte hindurch. «Wir sind von der ‹Galut› ins ‹Golus› gewandert. ‹Galut› bedeutet uns in der sephardischen Aussprache Zerstreuung unseres Volkes über die ganze Welt, das Hingeworfensein über die Oberfläche der ganzen Erde. Aber es ist ein unbelasteter Begriff, die Feststellung eines Zustandes, die wir ohne zu werten treffen. Aber der Begriff ‹Golus› in der aschkenasischen Aussprache ist belastet, er verbindet unsere Vorstellung gleich mit dem zugehörigen Begriff der Nacht, der Dunkelheit, in der wir nur bestehen können durch das Licht der jüdischen Lehre, und des jüdischen Lebens, des einzelnen, der in der Gemeinschaft wurzelt und dadurch die Gemeinschaft selbst erhellt und Hoffnung ausströmt, die wir aus unserer geistigen Substanz noch nähren können.» Für Rothschild war es eine Zeit des Übergangs: vom neutralen Begriff «galut» – der blossen, objektiven Tatsache, dass Juden über die ganze Welt verstreut sind –, hin zum vielschichtigen Begriff «golus» – den subjektiven, unerträglichen Aspekten des Jüdischseins. Er ruft zu einem aktiven jüdischen Leben auf und bietet einen Ausweg aus der Passivität und Hilflosigkeit einer blossen Lebensform hin zu einem engagierten jüdischen Leben, das diese Lebensform erträglich macht.

Die Mauer und der Garten
Dazu verwendet er die Analogie von der Mauer und dem Garten von Franz Rosenzweig. «‹Die Mauer steht ohne unser Zutun. Ob wir in der Mauer unbebautes, verkommendes Erdreich bewohnen wollen oder einen schönen Garten, das steht bis zu einem gewissen Grad bei uns.› Liebe Freunde, das steht bis zu einem gewissen Grad bei uns. Vergessen wir, hinter unserer Mauer einen Garten anzulegen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir uns in verkommendem Erdreich wiederfinden! Wir haben die Möglichkeit, in dem Gärtlein, das uns bleibt, Blumen zu pflanzen; gross werden sie nicht werden, aber uns dennoch erfreuen, weil es unsere Blumen sind, gewachsen aus dem kulturellen Eigenbestand unseres Stammes.» Damit verdeutlicht Rothschild den Unterschied zwischen «Aufgeben» und «Aufgaben». Er weist jede pessimistische Sichtweise auf das aktuelle Geschehen zurück und ruft sowohl diejenigen, die gegangen sind, als auch diejenigen, die geblieben sind, zum Handeln auf. «Vor lauter Aufgaben dürfen wir nicht an Aufgeben denken, denn noch zu viele sind da, die uns brauchen und denen wir Halt und Stütze sind.» Mit eindringlichen Worten fordert er die auswandernden Gemeindemitglieder dazu auf, solidarisch zu sein, ihre armen, isolierten und überwiegend alten Brüder, die zurückbleiben, nicht zu vergessen und nicht aufzugeben. Das Gleiche verlangt er von den Zurückgebliebenen. Sie sollen nicht aufgeben, insbesondere nicht gegenüber denjenigen, die bleiben müssen, wie den Armen, Älteren und Kranken. Sie sollen aber auch für die Kinder und die nächsten Generationen das Erbe bewahren. «Die Jungen und die Armen sind ewige Wahrzeichnung von Leben unseres Stammes, ihnen Lenker und Helfer zu sein, sie die Aufforderung der Zeit auf uns.»

Zwei Wege, eine Verantwortung
Die Tragödie der deutschen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus zwang viele von ihnen zu einer unmöglichen Entscheidung: Bleiben oder gehen? Selbsterhaltung oder Erhalt der Gemeinschaft? Rothschild, der 1938 selbst zur Flucht gezwungen war, nachdem er mehrfach von der Gestapo verhört worden war, versuchte einen Mittelweg zu finden, bei dem das eine nicht schwerer wog als das andere, sondern das eine das andere ergänzte. Während die meisten den Schwerpunkt auf den zionistischen Traum legten, richtete er sein Augenmerk auch auf diejenigen, die zurückblieben, und auf die weniger glamouröse Aufgabe, die Gemeinschaft zu bewahren. «Spricht uns auch aus dem Begriff Golus der Hauch von jahrhundertealtem jüdischem Leid an, von schmerzhafter Ausstossung untermalt, fassen wir doch Hoffnung aus der Erkenntnis, dass wir neben dem Niedergang hier in der aufblühenden Heimstätte unseres Volkes ein Aufsteigen erkennen dürfen, und beugen uns demütig vor dieser wunderbaren Doppelheit der gegenwärtig-historischen Erscheinung.»

Rothschild, der mit seiner Predigt selbst eine kleine Blume im Gärtlein neben der Mauer gepflanzt hat, steht uns bis heute zur Seite. Auch in diesem Rosch Haschana, in dem die Frage nach der Verbindung und Verantwortung zwischen Diaspora und Heimatland erneut aufgeworfen wird, gibt er uns eine Antwort, die über eine einzige Perspektive hinausgeht.

Oded Fluss