Liebe Leserinnen, liebe Leser
Einer meiner Lieblingssätze in diesem Heft lautet: «Disputation und Resilienz gehören zusammen.» Er spricht etwas aus, das zunächst nicht auf der Hand zu liegen scheint, aber mit Blick auf die jüdische Geschichte, insbesondere die jüdische Bildungsgeschichte, sehr rasch an Plausibilität gewinnt. Eine solche Studie über die «longue durée» jüdischer Bildungsgeschichte erarbeitet derzeit Zsolt Balkanyi-Guery als von der Theologischen Fakultät der Universität Basel ernannter Research Fellow am Zentrum für Jüdische Studien (ZJS). Der promovierte Historiker ist in der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz aus vielfältigen Tätigkeiten bekannt (unter anderem als Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, als jüdischer Armeeseelsorger und als ehemaliger Rektor der Jüdischen Schule Noam in Zürich). Er entwickelt gemäss einem Konzept, das er als «Grammatik jüdischer Bildung» bezeichnet, einen Forschungsansatz, der zeigen soll, wie die jüdische Bildungstradition über 2000 Jahre, die einerseits durch Vertreibung und Vernichtung, andererseits durch gesellschaftliche und technologische Umbrüche gekennzeichnet war, überlebt und sich weiterentwickelt hat. Neben der globalen Entwicklung nimmt Balkanyi-Guery die Schweiz in den Blick, die insbesondere während der Zeit der Verfolgung und Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden im 20. Jahrhundert ein «verschonter Ort» blieb und so als «Labor» für zukünftige Formen jüdischer Bildung angesehen werden kann.
Balkanyi-Guerys Ansatz verbindet Bildungs- und Religionsgeschichte. Zwei Bücher, die im vergangenen Forschungsjahr in unmittelbarer Verbindung mit dem ZJS publiziert wurden, sind demgegenüber jeweils einer klar umrissenen Fachperspektive verpflichtet. Primär historisch ist der Ansatz in der Festschrift, die pünktlich zum 65. Geburtstag von Erik Petry im März 2026 herauskam, was sich schon in deren Titel spiegelt: «Gedächtnis und Erinnerung in der jüdischen Geschichte». Anhand von zwölf Fallbeispielen zeigen Forscherinnen und Forscher, deren wissenschaftliche Biographien mit Erik Petry verbunden sind, neue Facetten historischen Forschens ihrer jeweiligen Fachgebiete. Die sehr unterschiedlichen Schwerpunkte der Autorinnen und Autoren sorgen für eine besonders bunte Palette an thematischen Fragestellungen, die jeweils von profundem Forschungswissen getragen sind, und einige Beitragende haben die Festschrift auch zum Anlass genommen, ganz neue Projekte zum ersten Mal wissenschaftlich vorzustellen. Catrina Langenegger, die selbst am ZJS mit Auszeichnung promoviert hat und eine der Mitherausgebenden und Autorinnen des Bandes ist, stellt ihn vor.
Die andere vorgestellte Publikation, die von mir als Mitherausgebendem und Beitragendem vorgestellt wird, ist der unmittelbaren Gegenwart gewidmet. Der Band «Ausnahmezustand», diesen August erschienen, behandelt die Entwicklungen an deutschsprachigen Hochschulen seit dem 7. Oktober in rund 60 Beiträgen (in Form von Essays oder Interviews) von Hochschuldozierenden, die grösstenteils selbst jüdisch oder sonst fachlich-thematisch mit jüdischen Fragestellungen befasst sind. Die Wucht, mit der viele von ihnen erlebten, dass Orte, die sie zuvor als ihre geistige Heimat betrachteten, fremd und zuweilen feindselig wurden, wird, gerade durch die grosse Anzahl der Beiträge (von denen ein Teil nur anonym veröffentlicht werden konnte, während zusätzliche Autorinnen und Autoren ihre Beiträge vor der Veröffentlichung aus Angst zurückzogen), sichtbar gemacht. Gleichzeitig machen die Ergebnisse einen auch ratlos. Das Buch versteht sich jedoch auch als Dokument der Selbstermächtigung, indem hier von vielen Einzelnen gemeinsam nicht geschwiegen, sondern die Stimme erhoben wird.
Eine gewisse Nähe zu diesem Buchprojekt, wenn auch von einer anderen, primär wissenschaftlich definierten Warte, hatte die Konferenz mit dem Titel «Zwischen Politisierung und Prävention. Herausforderungen für die Antisemitismusforschung», die das ZJS gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin Anfang Dezember 2025 in Wien durchführte. Laut Laura Alt, einer Master-Absolventin des ZJS, welche die Konferenz besuchte, steht die Antisemitismusforschung vor schwierigen Herausforderungen. Einerseits wird sie von kaum überbrückbar scheinenden Kontroversen über gültige Antisemitismusdefinitionen beherrscht. Andererseits sollte sie, basierend auf in der Regel ja eher zunächst deskriptiv angewandten wissenschaftlichen Methoden, einen Beitrag dazu leisten, den sichtlich zunehmenden Antisemitismus aktiv zu bekämpfen.
Dass auch für unsere Studierenden das abgelaufene Jahr ein inhaltlich wie gesellschaftlich gehaltvolles Jahr war, geht aus dem Beitrag von Lea Levi als Vertreterin der Fachgruppe Jüdische Studien hervor. Laut dem Beitrag kann sich das Studium am ZJS durchaus als Rundumerfahrung verstehen lassen, in der die Beschäftigung mit jüdischer Literatur im nationalsozialistischen Deutschland und der Geschichte jüdischer Sportvereine nahtlos in Gartengestaltung und Pesto-Produktion übergeht.
In eigener Sache gibt es ebenfalls wichtige Neuigkeiten zu vermelden: Seit 2026 hat die Universität Basel die Vollfinanzierung für die Jüdischen Studien übernommen, nachdem ihr Finanzierungsanteil in den vergangenen Jahren zunehmend gewachsen ist. Für diese Absicherung, die auch ein klares Bekenntnis der Universitätsleitung zu unserem Fach ist, sind wir äusserst dankbar.
Auch dieses Jahr soll überdies jenen gedankt sein, die sich für das ZJS einsetzen – allen voran der Stiftung für Jüdische Studien, aber auch anderen Gönnerinnen und Gönnern, Freundinnen und Freunden, der Leitung und dem Sicherheitsdienst der Universität und nicht zuletzt allen unseren Mitarbeitenden und Studierenden, ohne die wir unser numerisch kleines, aber für die Gesellschaft unverzichtbares Fach niemals, und schon gar nicht in diesen Zeiten, so sichtbar und wirkungsvoll in der universitären Landschaft vertreten könnten.
Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel.
editorial
28. Aug 2026
Geschichte und Gegenwart
Alfred Bodenheimer