65. Geburtstag von Erik Petry 04. Sep 2026

Gedächtnis und Erinnerung

Der Sammelband zeigt das Panorama jüdischer Erinnerungskultur und wie unterschiedlich sich diese erforschen lässt. Die Abbildung zeigt eine polnisch-jüdische Familie aus der Gemeinde Staszów in Polen…

Zum 65. Geburtstag von Erik Petry widmet sich ein Sammelband seinem zentralen Forschungsschwerpunkt – der jüdischen Erinnerungskultur.

Was bleibt von der Vergangenheit? Wie erinnern wir sie und welche Funktion übernimmt dieses Erinnern? Diese Frage beschäftigt Historikerinnen und Historiker ebenso wie Gesellschaften insgesamt. Erinnerungen prägen Identitäten, schaffen Zugehörigkeit und beeinflussen die Art und Weise, wie Menschen ihre Gegenwart verstehen. Der Sammelband «Gedächtnis und Erinnerung in der jüdischen Geschichte», herausgegeben von Alfred Bodenheimer, Catrina Langenegger und Judith Müller, widmet sich genau dieser Frage. Entstanden ist er als Festschrift für den Basler Historiker Erik Petry zu dessen 65. Geburtstag. Doch das Buch will weit mehr sein als eine persönliche Würdigung: Es versteht sich als Spiegel eines wissenschaftlichen Lebenswerks, das sich über Jahrzehnte hinweg mit Erinnerungskultur, jüdischer Geschichte und gesellschaftlicher Verantwortung auseinandergesetzt hat und viele Kolleginnen und Kollegen sowie Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs gefördert und geprägt hat.

Die Entstehungsgeschichte des Bandes ist selbst ein kleines Kapitel jüngerer Zeitgeschichte. Ursprünglich sollte bereits 2021 zu Petrys 60. Geburtstag ein Symposium an der Universität Basel stattfinden. Die Corona-Pandemie machte die Pläne zunichte. Eine Verschiebung schien zunächst die Lösung zu sein, doch kurz vor dem neu angesetzten Termin erkrankte Erik Petry selbst an Covid-19. Erst mehrere Jahre später konnte die ursprünglich geplante Würdigung in Form dieser Publikation verwirklicht werden.

Ein Brückenbauer
Erik Petry hat seit der Gründung des damaligen Instituts für Jüdische Studien an der Universität Basel im Jahr 1998 die Entwicklung des Fachs in der Schweiz entscheidend geprägt. Seine Arbeit beschränkte sich dabei nie auf Forschung und Lehre. Vielmehr ist er einer jener Wissenschaftler, die den Austausch mit der Öffentlichkeit suchen und fördern. Seine Präsenz in den Medien, sein Engagement gegen Antisemitismus sowie seine Mitarbeit in zahlreichen Gremien und Kommissionen haben dazu beigetragen, jüdische Geschichte und Kultur in der Schweiz sichtbar zu machen. Er belässt wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm, sondern bringt sie aktiv in öffentliche Debatten ein. Als Referent an Schulen, in Vereinen und auf zahlreichen anderen Plattformen versucht Petry immer wieder, Vorurteile abzubauen und differenzierte Perspektiven zu vermitteln. Erinnerung versteht er nicht als rein wissenschaftliches Forschungsfeld, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.

Dass der Sammelband den Titel «Gedächtnis und Erinnerung» trägt, ist kein Zufall. Erinnerung bildet einen zentralen Schwerpunkt von Erik Petrys wissenschaftlicher Arbeit und war auch sein Wunschtitel für das 2021 geplante Symposium. Bereits seine Habilitationsschrift beschäftigte sich mit diesem Themenfeld, das seither in seiner Forschung und Lehre einen wichtigen Schwerpunkt einnimmt. Neben langjährigen Weggefährtinnen und Weggefährten kommen ehemalige Doktorierende zu Wort, die unter seiner Betreuung gearbeitet haben. Ergänzt wird der Kreis durch Freundinnen und Freunde aus Wissenschaft und Kultur. Diese Auswahl bildet auch eine wichtige Eigenschaft Erik Petrys ab. Sein Engagement in der Lehre und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie seine Rolle als Brückenbauer in die breite Öffentlichkeit.

Die Bandbreite der einzelnen Beiträge zeigt, wie weit das Thema Erinnerung gefasst wird. Die Autorinnen und Autoren nähern sich ihm aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Epochen. Dadurch entsteht ein Panorama jüdischer Geschichte, das von religiösen Traditionen bis in die Gegenwart reicht.

Bewahren und Deuten
Den Auftakt bildet eine Untersuchung von Susanne Talabardon, die sich mit dem Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen beschäftigt. Erinnerung erscheint hier nicht als einfaches Bewahren von Wissen, sondern als dynamischer Prozess, in dem Identität überhaupt erst entsteht. Sie zeigt die verschiedenen Seiten der jüdischen Erinnerungskultur und folgt dafür den «sechs Erinnerungen» der Zusammenstellung aus dem sephardischen Siddur, die am Schabbat ihren Beginn haben und dort wieder zusammenlaufen. Ausgehend vom Dissens der beiden dominierenden sephardischen Gelehrten Maimonides und Nachmanides über das Wesen der Erinnerung führt Talabardon, anhand von Schabbat, Pessach, transgenerationaler Aktualisierung und Amalek, in die verschiedenen Dimensionen der jüdischen Erinnerungskultur ein.

Der Beitrag von Gerhard Langer verfolgt die Geschichte des berühmten rabbinischen Satzes: «Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt; wer eines zerstört, zerstört die ganze Welt.» Die Untersuchung zeigt, wie solche Texte über Jahrhunderte hinweg weitergegeben, interpretiert und neu verstanden werden. Erinnerung erscheint hier als fortlaufende Auseinandersetzung mit überlieferten Quellen und führt von der rabbinischen Zeit bis hin zu Soma Morgenstern.

Auch religiöse Literatur steht im Fokus der Beiträge. So analysiert Miri Rubin «das Hohelied», eines der faszinierendsten Bücher der hebräischen Bibel. Sie konzentriert sich dabei insbesondere auf Vers 1,5: «Ich bin schwarz und gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos.» Im Zentrum steht dabei besonders die Rezeptionsgeschichte – von frühjüdischen Auslegungen über mittelalterliche Kommentatoren bis hin zu modernen afroamerikanischen Interpretationen.

Flucht, Migration und Zugehörigkeit
Mehrere Beiträge richten den Blick auf Migration, Flucht und gesellschaftliche Integration. Dabei wird deutlich, dass jüdische Geschichte immer auch eine Geschichte von Mobilität ist. Heiko Haumann widmet sich den sogenannten «Betteljuden» in der Markgrafschaft Baden-Baden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Lebenswege dieser Menschen, ihre Wanderungen und die Unterstützung durch lokale Gemeinschaften zeigen, wie eng soziale Solidarität und Erinnerung miteinander verbunden sein können.

Besonders stark vertreten ist die Schweizer Perspektive. So untersucht Andreas Berger die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in Basel während der Sundgauer Unruhen Ende des 18. Jahrhunderts. Die Stadt erscheint dabei als Ort pragmatischer Lösungen und sozialer Aushandlungsprozesse. Die Geschichte wird nicht als lineare Erfolgserzählung präsentiert, sondern als komplexes Zusammenspiel von Offenheit, Interessen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Patrik Süess wirft einen neuen Blick auf die Emanzipationsgeschichte jüdischer Menschen in der Schweiz. Der entsprechende Beitrag verfolgt den langen Weg bis zur rechtlichen Gleichstellung und beleuchtet die politischen Prozesse, die diesen Wandel ermöglichten oder auch aufhielten. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die direkte Demokratie gelegt.

Das Buch überschreitet jedoch immer wieder nationale Grenzen, wie der Beitrag von Frithjof Benjamin Schenk zeigt. Er präsentiert das Leben des amerikanischen Beamten Philip Cowen, der unter anderem eine Reise ins zaristische Russland unternahm. Seine Erinnerungen publizierte er 1932 unter dem Titel «Memories of an American Jew» («Erinnerungen eines amerikanischen Juden»).

Julia Richers' Beitrag ist der Region der Karpaten von den 1920er Jahren bis in die 1940er Jahren gewidmet. Sie untersucht die Grenze als Lebenswelt und liefert mit einem biografischen Ansatz und der Analyse von Kindheitserinnerungen neue Einblicke in die Geschichte einer vordergründig entlegenen Grenzregion. Mehrere Beiträge widmen sich zudem der Schweiz während der Zeit des Nationalsozialismus und individuellen Lebensgeschichten geflüchteter Menschen. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und biografischen Dokumenten macht Barbara Häne die Geschichte von Leon Sternbach sichtbar, der 1938 als Emigrant in die Schweiz kam, dort blieb und 1957 eingebürgert wurde.

Catrina Langenegger setzt sich mit dem Sänger Joseph Schmidt, dessen Tod in der Schweiz zu einem Symbol für den Umgang mit Flüchtlingen während des Zweiten Weltkriegs wurde, auseinander. Die Untersuchung fragt nicht nur, was geschah, sondern auch, wie sich die Erinnerung an dieses Ereignis entwickelt hat.

Auch die psychischen Folgen von Verfolgung und Flucht werden thematisiert. Anhand einzelner Biografien macht Hanno Loewy sichtbar, wie Angst und Unsicherheit das Leben von Geflüchteten prägten und wie die staatlichen Institutionen der Schweiz auf diese Belastungen reagierten.

Erinnerungen in Bewegung
Den Abschluss bildet ein ungewöhnlicher Beitrag, in welchem Sarah Werren jüdische Geistesgeschichte mit einer Motorradtour verbindet. Die Verbindung mag zunächst überraschend wirken, verdeutlicht aber einen wichtigen Gedanken: Erinnerung ist kein statischer Zustand, sondern ein Prozess der Bewegung. Vergangene Diskussionen, Texte und Erfahrungen werden immer wieder neu aufgegriffen, interpretiert und in aktuelle Kontexte eingebettet. Die Vielfalt der vorgestellten Beiträge spiegelt sowohl die Breite des Fachs als auch den in der Festschrift gewürdigten Wissenschaftler Erik Petry wider, der mit seiner Offenheit und seinem Engagement viele und vieles erreichen konnte.

Catrina Langenegger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Basel und der Pädagogischen Hochschule St. Gallen sowie Fachreferentin für Jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universitätsbibliothek Basel. 2024 wurde sie mit einer Arbeit zu den Schweizer Flüchtlingslagern im Zweiten Weltkrieg am Zentrum für Jüdische Studien promoviert.

Catrina Langenegger