literatur 04. Sep 2026

Die Sicherheit ist weg

Was einst geistige Heimat war, wird für viele jüdische Hochschuldozierende zunehmend zum Ort der Ausgrenzung.

Ein neuer Sammelband zeigt, wie jüdische Hochschuldozierende ihren Alltag an Universitäten seit dem 7. Oktober erleben.

Die Berichte über und Bilder von amerikanischen Elite-Universitäten, die nach dem 7. Oktober 2023 von aggressiven Demonstrationen, untermalt von unverhohlenem Hass auf alles «Zionistische», erschüttert wurden, gingen um die Welt. Doch auch in Europa veränderte sich der universitäre Raum rapide; jüdische Hochschulangehörige fühlten sich vielerorts praktisch über Nacht an ihren Institutionen marginalisiert, zuweilen auch drangsaliert. Innerhalb kürzester Zeit bildete sich ein Netzwerk jüdischer Universitätsangehöriger im deutschsprachigen Raum, die sich in einer ständig wachsenden WhatsApp-Gruppe und immer wieder auch bei Online-Treffen auszutauschen begannen und schliesslich als eingetragener Verein Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz (NJH) organisierten.

Nun, knapp drei Jahre nach dem Massaker des 7. Oktober, ist, initiiert vom NJH, ein 550 Seiten dickes Buch erschienen, in dem rund 60 Hochschullehrende und -mitarbeitende, die in der Mehrheit selbst jüdisch sind zu einem kleineren Teil nicht jüdisch, sich aber forschungsmässig mit dem Judentum, Israel oder Antisemitismus beschäftigen, in persönlichen Essays oder auch in Interviews beschreiben, was die Ereignisse dieses Tages für sie und ihren Alltag verändert haben. Nebst der Soziologin und Antisemitismusforscherin (und Vorsitzenden des NJH) Julia Bernstein und der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Schilling zähle ich zu den Mitherausgebern des Bandes «Ausnahmezustand. Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober. Zeugnisse von Betroffenen».

Als im vergangenen Jahr der Aufruf an die Mitglieder und die nicht jüdischen Freundinnen und Freunde des Netzwerks erging, an diesem Buch mitzuwirken, war das Interesse riesig. Zugleich wurde mit der Zeit auch erkennbar, dass bei nicht Wenigen der Wille, sich zu äussern, in einem Widerstreit lag mit der Angst, sich damit zu exponieren, im schlimmsten Fall (bei befristet Beschäftigten) die Stelle oder, auch bei Festangestellten, zumindest die letzte soziale Anbindung in der eigenen Hochschule zu verlieren, beziehungsweise der «Nestbeschmutzung» bezichtigt zu werden. Eine ganze Anzahl von Beiträgen wurde deshalb vor der definitiven Einreichung von den Autorinnen und Autoren zurückgezogen, und ein Fünftel der veröffentlichten Beiträge ist unter Pseudonym erschienen. Auf den ersten Blick mag das ihrer Glaubwürdigkeit Abbruch tun, doch bei genauerem Hinschauen betont es die hinter dem Schreiben stehende Not nur noch stärker.

Erinnerungen an die Sowjetunion
Bei der Lektüre dieser Beiträge will man kaum glauben, dass sie von der Gegenwart in den Wissenschaftsschmieden unseres Sprachraums erzählen. Dozierende, die ihre Jugend in der ehemaligen Sowjetunion oder Polen erlebten, sehen sich zurückversetzt in Ausgrenzungsmechanismen dieser totalitär-antijüdischen Staaten, die sie in ihrem Immigrationsland Deutschland nie wiederzufinden glaubten. Andere, die aus Israel stammen und deren Herkunft zuvor bei ihrer Arbeit nie ein Thema war, finden sich plötzlich in bedrohlichen Szenarien zwischen Gewaltparolen und an die Wände gesprayten Davidsternen wieder – im schlimmsten Fall wird gar ihre Forschung als interessengesteuert diffamiert und damit faktisch ihre wissenschaftliche Karriere in Frage gestellt, allein aufgrund ihres Passes. Aufgehängte Geiselporträts werden binnen Minuten von den Wänden gerissen; das Erwähnen der sexuellen Gewalt gegen die am 7. Oktober misshandelten israelischen Frauen wird im sonst gendersensiblen Diskurs mancher Fachbereiche zum Tabu erklärt. Kunstdozierende, die als Regisseure oder Kunstschaffende für Aufführungen oder Ausstellungen plötzlich kaum mehr gebucht werden, erfahren den Boykott als unausgesprochen, aber unverkennbar. Überhaupt ist das halb oder ganz Unausgesprochene, die stillschweigend aufgekündigte Solidarität, die fehlende Empathie vermeintlich vertrauter Kolleginnen und Kollegen auch in Fällen, in denen Dozierende Verwandte oder Freunde unter den Toten oder den Geiseln des 7. Oktober haben, das oft noch Schmerzhaftere als die gewaltsame, offene Beschimpfung oder Beleidigung. Hinzu kommen Gerichtsurteile, die Gewalt in diesem Kontext zwar ahnden, ihr aber den «politischen» oder antisemitischen Charakter absprechen.

Wiedererwachtes Trauma
Bei einigen der Beitragenden kommen nebst persönlichen Erinnerungen an die eigene Jugend auch Erinnerungen an die Verfolgung der eigenen Familie hervor. Natürlich, mit dem Holocaust ist die Situation an Universitäten in Europa heute nicht zu vergleichen. Aber sie weckt bei manchen das Gefühl, dass die für lange Zeit als gewährleistet gesehene Sicherheit, nicht selbst auch wieder vertrieben und verfolgt zu werden, weg ist.

Vielsagend ist deshalb der Bericht des aus Prag stammenden, viele Jahre in Karlsruhe lehrenden Kunstprofessors Michael Bielicky. Dieser fühlte sich in seiner Institution, die zunehmend steril antizionistisch getrimmt wurde, zunehmend unwohl. Auch wurde seine bereits zugesagte Verschiebung der Pensionierung rückgängig gemacht. Er berichtet vom Judenstern, den seine Mutter als Jugendliche in der NS-Zeit tragen musste und den sie ohne sein Wissen nach dem Krieg dauernd mit sich im Geldbeutel trug, den er nach ihrem Tod dann behielt. «Meine Mutter», berichtet er, «trug diesen Stern, als sie damals aus dem Gymnasium gejagt wurde. Und ich habe für mich symbolisch – ich weiss, das ist auch irrational – diesen Stern mitgenommen, als ich am letzten Tag aus der Hochschule gegangen bin, nachdem meine Verlängerung abgelehnt worden war.»

Wer diese Zeugnisse liest, erkennt in ihren Verfasserinnen und Verfassern eine in fast jeder Hinsicht äusserst heterogene Gruppe: herkunftsmässig, von ihrem Verständnis des Judentums, von ihrer politischen Positionierung und von ihren Fachbereichen her. Jedoch nehmen sie alle die Situation, in der sie sich befinden, als Ausnahmezustand wahr. Wohl kam für viele diese Wendung nicht aus heiterem Himmel, aber die Verschärfung und Verstetigung der Ausgrenzung hat für sie ein ganz neues Mass angenommen.

Doch soll dieser Band – und dies heben wir auch in unserem Vorwort als Herausgebende hervor – nicht als Lamentieren und als Demonstration der Wehrlosigkeit verstanden werden, im Gegenteil. Die Menschen, die sich hier äussern, leisten in einer schwierigen Konstellation, in der viele sich in ihrer geistigen Heimat, der Wissenschaft und der Universität, aber letztlich der Gesellschaft um sie herum insgesamt entfremdet fühlen, einen Akt der Selbstermächtigung, indem sie offen über die Missstände im heutigen Hochschulwesen berichten. Für einzelne, etwa den in Polen, unweit des einstigen Vernichtungslagers Auschwitz, geborenen und aufgewachsenen, heute in Jena lehrenden Chemiker und Computerwissenschaftler Marek Sierka, der immer nur einen höchst diffusen Begriff von seinem Judentum hatte, wird die Krise zur eigentlichen Entdeckungsreise zu seinem Judentum. Er begann, in die Synagoge zu gehen, und bekam an einem Chemie-Kongress in Israel 2026 von einem Kollegen, dem er davon erzählte, erstmals im Leben einen Talit und Tefilin geschenkt.

Der Schweizer Kontext
Die Beiträge sind mehrheitlich, doch nicht ausschliesslich von in Deutschland beschäftigten Dozierenden geschrieben. Sie stammen auch aus Österreich und der Schweiz, darunter auch ein Interview mit Erik Petry und ein Artikel meiner selbst. Ein besonders deutliches Bild über die Entwicklungen in der Schweiz, auch über die Universitäten hinaus, zeichnet der Historiker Simon Erlanger von der Universität Luzern. Er fasst die (bekannteren) Ereignisse an Schweizer Universitäten zusammen und verweist zu Recht auf die eigentlichen Hotspots der Hetze in der Schweiz, die Universitäten der Romandie – ein wichtiger Hinweis, sind doch diese aufgrund der Konzentration auf den deutschsprachigen Raum im Band nicht durch eigene Stimmen vertreten.

Eine kaum entbehrliche Lektüre
Ein Zitat, das die erschreckende Atmosphäre in dem Buch recht deutlich wiedergibt, findet sich am Ende des letzten Textes des Bandes, in einem Interview mit einer (unter Pseudonym veröffentlichenden) jüdischen Dozentin: «Eine sehr enge Freundin hat nach dem 7. Oktober, als wir über die Erziehung unserer Kinder sprachen, zu mir gesagt: ‹Hättest du dir das jemals träumen lassen? Wir wollten immer unsere Kinder so erziehen, dass Judentum überhaupt das Coolste, Schönste und Tollste ist, und jetzt stehen wir hier, und wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie schützen wir sie seelisch und natürlich auch physisch. Das war das, was wir nie wollten, was wir auch nie gelebt haben.› Und dieses Zurückgeworfensein auf eine Situation, die vielleicht doch den 1930er Jahren ähnelt, wo Antisemitismus gesellschaftlich ganz anders spürbar war, das führt bei mir zu Überforderung.» Der Band ist keine einfache Lektüre, und bei der Arbeit am Lektorat habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich zuweilen von Frustration und Wut überwältigt wurde. Dennoch – vielleicht gerade deshalb – ist es, denke ich, für alle, die am Zustand unserer Universitäten und insbesondere der Situation ihrer jüdischen Mitglieder interessiert sind, eine kaum entbehrliche Lektüre.

Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer, Elisabeth Schilling: Ausnahmezustand. Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober. Zeugnisse von Betroffenen. Wallstein Verlag, Göttingen 2026.

Alfred Bodenheimer ist Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel.

Alfred Bodenheimer