Talmud heute 30. Apr 2021

Zwischen Platon und Rabbi Schimon

Das Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon (427–347 v. d. Z.) gilt als eines der herausragendsten Gleichnisse der westlichen Philosophie. In seinem siebten Dialog «Politeia» lässt Platon seinen Lehrer Sokrates (469–399 v. d. Z.) von einer Höhle erzählen, in welcher Menschen mit dem Rücken zum Höhlenausgang sitzen, angekettet an den Füssen und am Nacken, so dass sie lediglich die innere Höhlenwand erblicken können. Erhellt wird ihre Behausung von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Die Gefangenen sehen jedoch nur das von ihm ausgehende Licht, das die Wand beleuchtet, nicht aber dessen Quelle. Hinter den Höhlenbewohnern tragen andere Menschen, ohne des Wissens der Ersteren, verschiedene Gegenstände hin und her, deren Schatten auf die innere Höhlenmauer projiziert werden. Die Gefangenen in der Höhle nehmen nun alles, was sich auf der Wand abspielt, als gesamte Wirklichkeit wahr. Sie beginnen sogar, die verschiedenen Gestalten der Schatten zu analysieren und versuchen, in deren Bewegungen Gesetzmässigkeiten festzustellen und daraus Prognosen abzuleiten. Nun bittet Sokrates seine Dialogpartner, sich vorzustellen, einer der Höhlengefangenen könne sich aus den Ketten befreien und sich erstmals umdrehen. Plötzlich würde er realisieren, dass die Gestalten, die er bis anhin als unanfechtbare Wahrheit wahrnahm, nichts anderes als armselige Schatten gewesen seien. Er würde aber vom echten Feuer geblendet sein und sich wieder zur Höhlenwand umkehren, denn er wäre überzeugt, dass die wahre Wirklichkeit nach wie vor lediglich auf der Höhlenwand zu finden sei. Wenn jedoch eines Tages ein Befreier auftauchen und unseren Gefangenen wider Willen aus den Tiefen der Höhle herauszerren würde, würde sich Letzterer zuerst dagegen sträuben, denn der Gang zum Höhlenausgang macht ihn noch verwirrter und das Sonnenlicht blendet ihn sehr. Es würde eine längere Zeit der Gewöhnung benötigen, bis er begreifen würde, dass die Sonne Schatten erzeugt und dass er sein ganzes Leben in einer Scheinwelt gelebt hat. Schlussendlich hätte der «Geheilte» kein Bedürfnis mehr, in die Höhle zurückzukehren und dort «Schattenwissenschaft» zu betreiben. So weit Platons Höhlengleichnis.

Auch in der jüdischen Überlieferung nimmt eine Höhle einen populären Platz ein. Heute Freitag ist «Lag baomer», der 33. Tag der Omer-Zählung, an welchem der Todestag des berühmten Mischna-Gelehrten Rabbi Schimon bar Jochai aus dem 2. Jahrhundert begangen wird. Rabbi Schimon war während der römischen Besatzung Judäas den Römern gegenüber sehr feindlich gesinnt. Dies kommt in der folgenden talmudischen Anekdote deutlich zum Ausdruck: «Rabbi Jehuda sprach: ‹Wie schön sind die Handlungen der römischen Nation: Sie haben Plätze, Brücken und Badeanstalten gebaut. (...) Da entgegnete Rabbi Schimon: ‹Alles, was sie gebaut haben, haben sie nur für sich selbst gebaut. Die Plätze, um dort Prostituierte aufzustellen, Badeanstalten, um ihre Körper dort zu pflegen, und Brücken, um dort Zölle zu erheben›» (Schabbat 33b). Rabbi Schimon legt also gegenüber der römischen Besatzungsmacht ein deutliches Misstrauen an den Tag. Insofern überrascht es nicht, dass die Römer diese jüdische Führungspersönlichkeit auf ihre Fahndungsliste nahmen. In der Folge versteckte sich Rabbi Schimon mit seinem Sohn Elasar zwölf Jahre lang in einer Höhle, in welcher Zeit sie sich gemäss der Überlieferung ausschliesslich von Wasser und einem Johannisbrotbaum ernährten. In dieser Periode widmeten sich Rabbi Schimon und sein Sohn ausschliesslich dem Thora-Studium, insbesondere den verborgenen, mystischen Aspekten. Der Talmud erzählt, dass ihnen nach zwölf Jahren der Prophet Elijahu erschien und ihnen verkündete, dass die Gefahr gebannt sei und sie die Höhle nun verlassen könnten. Als jedoch der nun völlig vergeistigte Rabbi Schimon nach dem Verlassen seiner Höhle Menschen sah, die Felder pflügten und säten, war er ob des Anblicks dieser irdischen Tätigkeiten geschockt. Er rief aus: «Die lassen das ewige Leben beiseite und befassen sich mit Vergänglichem!» Jeder Ort, auf den er hinschaute, verbrannte. Daraufhin kam eine Stimme vom Himmel und sprach: «Ihr kamt, um meine Welt zu zerstören?! Geht zurück in die Höhle!» (Schabbat ibid.).

Der Graben zwischen dem Höhlenparadigma Platons und jenem Rabbi Schimons könnte nicht grösser sein. Beim griechischen Philosophen liegt die Scheinwelt tief in der Höhle, der Gang ans Sonnenlicht symbolisiert die Erkenntnis der wahren Welt. Beim jüdischen Gelehrten ist die reale physische Welt «unter der Sonne» nichts als ein bedeutungsloser Hort der Vergänglichkeit, während sich die ewigen Wahrheiten lediglich tief in der Höhle beim Studium der göttlichen Weisheit finden lassen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der griechische Hellenismus für das schöne und visuell Ästhetische steht, während das Judentum Äusserlichkeiten stets argwöhnisch betrachtete. Die göttliche Schönheit liegt nicht im Sonnenlicht, sondern im Verborgenen, in der wesentlichen Essenz, die nicht sichtbar ist.

Man muss die ziemlich extreme Lebensphilosophie Rabbi Schimons nicht vollkommen adoptieren. Sein Todestag aber, dessen am heutigen «Lag Baomer» gedacht wird, wäre eine willkommene Einladung an uns alle, in einer Welt, in welcher ausschliesslich das – physisch und virtuell! – Sichtbare geschätzt wird, uns auf vergessene und verborgene geistige Essenzen zurückzubesinnen.

In diesem Sinne «Lag sameach»!

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn