Israel muss sich gegen externe Bedrohungen verteidigen und gleichzeitig sicherstellen, dass sich alle Bürger gleichermassen geschützt und geschätzt fühlen.
Die iranischen Raketen sind nicht die einzige Herausforderung, vor der Israel derzeit steht. Kriege stellen nicht nur Luftabwehrsysteme und militärische Fähigkeiten auf die Probe, sondern auch die Grenzen der Staatsbürgerschaft.
In Notfällen wächst die Macht des Militärs – und manchmal schrumpft der Raum der zivilgesellschaftlichen Zugehörigkeit. Allmählich schleicht sich ein anderer Diskurs ein: einer, der Zweifel sät, Beweise verlangt und impliziert, dass manche Bürger ihren Platz mehr rechtfertigen müssen als andere. Für arabische Bürger Israels ist dieses Gefühl nicht theoretisch.
Wenn Raketen auf die Zivilbevölkerung abgefeuert werden, hat ein souveräner Staat die Pflicht, seine Bürger zu verteidigen. Militärische Massnahmen zur Beseitigung einer solchen Bedrohung sind keine ideologische Position, sondern eine grundlegende Verantwortung. Doch die Verteidigung des Landes vor äusseren Gefahren entbindet uns nicht von der Verantwortung, die Demokratie von innen heraus zu schützen.
Die Frage ist nicht nur, wie Israel auf den Iran reagiert. Die Frage ist, wie wir miteinander umgehen.
Als jemand, der in der arabischen Gesellschaft Israels lebt und arbeitet, sehe ich zwei parallele Prozesse: echte Angst vor einer Eskalation und klare bürgerliche Verantwortung. Lokale Führungskräfte rufen zur Zurückhaltung auf und lehnen Aufwiegelung ab. Kommunen organisieren geschützte Räume. Bürgerinitiativen versorgen ihre Gemeinden mit Informationen und Dienstleistungen. Das ist keine Entfremdung, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Schicksals.
Und doch gewinnt neben dieser Verantwortung ein anderer Diskurs an Boden – einer, der die Grenze zwischen äusserer Bedrohung und innerer Identität verwischt. Ein Diskurs, der suggeriert, dass in Kriegszeiten bestimmte Bürger ihre Loyalität unter Beweis stellen müssen.
Einige nutzen Momente der Sicherheitskrise schnell, um die Spaltung der Gesellschaft zu verschärfen – nicht im Namen einer nüchternen Sicherheitsanalyse, sondern für kurzfristige politische Vorteile. Eine ganze Gemeinschaft zu Verdächtigen zu machen, ist keine Sicherheitsstrategie. Es ist eine Strategie der Polarisierung.
Eine Rakete unterscheidet nicht zwischen einer jüdischen und einer arabischen Stadt. Die vergangenen Tage haben dies schmerzlich deutlich gemacht.
Raketen kennen keine Gnade – weder in Beit Shemesh noch in Ostjerusalem. Das Sicherheitsinteresse ist ein gemeinsames. Wenn arabische Bürger immer wieder ihre Zugehörigkeit bekunden müssen, um als legitime Teilnehmer am öffentlichen Leben angesehen zu werden, wird das Prinzip der gleichen Staatsbürgerschaft ausgehöhlt – und mit ihm die Sicherheit selbst.
Sicherheit bedeutet nicht nur Abfangsysteme und hochwertige Geheimdienstinformationen. Sicherheit bedeutet auch zivile Stabilität. Es ist die Gewissheit, dass der Staat seine Bürger schützt, ohne einigen von ihnen von vornherein Misstrauen entgegenzubringen.
Als Mutter weiss ich, dass Kinder, die in Schutzräumen sitzen – arabische wie jüdische –, nicht fragen, wer seine Loyalität beweisen muss. Sie wollen zu einem sicheren Alltag zurückkehren. Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir ihnen nicht nur physischen Schutz bieten können, sondern auch einen zivilgesellschaftlichen Raum, der nicht von ihrer Identität abhängig ist.
Die aktuelle Konfrontation stellt eine doppelte Bewährungsprobe dar: Israels Fähigkeit, einer externen Bedrohung zu begegnen, und seine Fähigkeit, seine demokratischen Prinzipien auch in Kriegszeiten aufrechtzuerhalten.
Somaya Bashir ist Therapeutin, Gründerin des Volksforums zur Bekämpfung der Kriminalität in der arabischen Gesellschaft und Aktivistin in den Bewegungen «We Have No Other Land», «Women Wage Peace» und «Ogen laatid».
standpunkt
13. Mär 2026
Zwei Herausforderungen für Israel-Araber
Somaya Bashir