zur lage in europa 24. Jun 2022

Wo sollen Europas Juden leben?

Antisemitische Stimmungen sind laut mehreren Umfragen in Italien und Ungarn besonders weit verbreitet. Ein erstmals erstellter Index, der verschiedene Massstäbe für jüdische Erfahrungen kombiniert, hat jedoch ergeben, dass diese Länder auch die besten Länder in Europa sind, in denen Juden leben können.

Der am Montag vorgestellte Index basiert auf einer Studie, die Umfragedaten und politische Informationen kombiniert, um einen einzigen Massstab für die Lebensqualität von Juden in den zwölf Ländern der Europäischen Union mit grös-seren jüdischen Gemeinden zu schaffen, so Daniel Staetsky, ein Statistiker des in London ansässigen Institute for Jewish Policy Research, der den Bericht für die European Jewish Association in Brüssel erstellt hat.

«Das Ziel dieses Berichts ist es, die hervorragenden Daten, die wir bereits darüber haben, wie sich Juden fühlen und wie verbreitet Antisemitismus ist, mit messbaren Daten der Regierungspolitik zu kombinieren», sagte Staetsky auf einer Konferenz der European Jewish Association in Budapest.

Er sagte, die Ergebnisse könnten Vorurteile darüber widerlegen, welche EU-Länder am gastfreundlichsten gegenüber Juden sind. Zum Beispiel schneidet Deutschland bei der Regierungspolitik gegenüber Juden gut ab. Allerdings berichten Juden dort von einem schwachen Sicherheitsgefühl, was zu einem insgesamt mittelmässigen Ergebnis führt.

Der Index ist in erster Linie ein Instrument, «um von den europäischen Staats- und Regierungschefs konkrete Massnahmen zu fordern», so Rabbiner Menachem Margolin, Leiter der European Jewish Association. «Wir begrüssen Erklärungen gegen Antisemitismus von europäischen Politikern. Aber wir brauchen mehr als Erklärungen.»

Die European Jewish Association werde jedem befragten Land individuelle Empfehlungen geben, fügte Margolin auf der Presseveranstaltung hinzu. Die Veranstaltung war Teil einer zweitägigen Veranstaltung, die von mehreren jüdischen Organisationen, darunter dem Consistoire in Frankreich, der Jewish Agency und der israelischen Regierung, gesponsert wurde und bei der es um die Frage ging, wie die europäischen jüdischen Gemeinden den Menschen in der Ukraine helfen können.

In der Studie mit dem Titel «Europa und die Juden, ein Länderindex für Respekt und Toleranz gegenüber Juden» erhalten Belgien, Polen und Frankreich mit 60, 66 bzw. 68 von 100 Punkten die niedrigsten Werte. Die drei führenden Länder haben 79, 76 und 75 Punkte, gefolgt von Grossbritannien und Österreich (75), den Niederlanden, Schweden, Deutschland und Spanien (74, 73, 72, 70).

Um die Rangliste zu erstellen, bewertete Staetsky jedes untersuchte Land anhand mehrerer Kriterien, darunter das jüdische Sicherheitsgefühl, die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber Juden und die Zahl der Juden, die angaben, Antisemitismus erlebt zu haben. Die Noten basieren auf grossen Meinungsumfragen der letzten Jahre, einschliesslich derjenigen, die vom Aktions- und Schutzbund, einer Gruppe, die Hassverbrechen gegen Juden in mehreren europäischen Ländern beobachtet, und der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte durchgeführt wurden.

In der Studie wurden diese Ergebnisse mit den Bewertungen kombiniert, die der Autor für die Regierungspolitik der Länder vergab, einschliesslich der Finanzierung der jüdischen Gemeinden, der Frage, ob sie eine Definition von Antisemitismus angenommen haben, und dem Status der Holocaust-Erziehung und der Religionsfreiheit.

Nach diesem Punktesystem erhielt Deutschland eine Gesamtnote von 72, obwohl es die beste Bewertung (89) für die Leistung der Regierung in Bezug auf Juden und eine solide 92 für die Verbreitung von Antisemitismus erhielt. Aber eine relativ niedrige Punktzahl für das jüdische Sicherheitsgefühl (46) beeinträchtigte neben anderen Faktoren die Gesamtbewertung.

«Im Falle Ungarns spiegelt die Bewertung die Realität vor Ort wider», so Shlomo Koves, Leiter des Chabad angegliederten Dachverbands der jüdischen Gemeinden in Ungarn. «Juden können hier herumlaufen, in die Synagoge gehen, ohne die geringste Angst vor Belästigung zu haben», sagte er.

Aber das Vorherrschen antisemitischer Gefühle in der ungarischen Gesellschaft – eine Umfrage der Anti-Defamation League aus dem Jahr 2015 ergab, dass etwa 30 % der Bevölkerung solche Gefühle hegen – «zeigt, dass auch hier noch einiges an Aufklärungs- und Informationsarbeit zu leisten ist», so Koves.

Cnaan Lipschitz ist Journalist und lebt in Israel und Holland.

Cnaan Lipschitz