Israel ist für Juden gefährlich, gerade weil es sich seit Generationen als Vertreter des jüdischen Volkes präsentiert. Wenn es gemeinsam mit den Vereinigten Staaten den Iran bombardiert und den Libanon zermalmt, wodurch Hunderttausende Menschen gezwungen werden, aus ihrer Heimat zu fliehen, tut Israel dies im Namen des jüdischen Volkes, nicht nur im Namen seiner jüdischen Bürger.
Während es einen Vernichtungs- und Rachekrieg – derzeit in einer Phase geringerer Intensität – gegen die palästinensische Bevölkerung fortsetzt, die auf 48 Prozent des Gazastreifens beschränkt ist, und die Palästinenser als Glied einer historischen Kette von Erzfeinden darstellt, agiert es als Botschafter für Juden überall.
Wenn Israel seinen Siedlern und den «mistaaravim», verdeckten Einheiten, deren Mitglieder sich als Palästinenser tarnen, freie Hand lässt, Palästinenser zu töten, dann tut es dies mit Blick auf Juden in der Diaspora, die sich dort niederlassen oder zumindest ihr Vermögen in das Territorium investieren sollen. Wenn das Land die Vertreibung der Palästinenser aus weiten Teilen des Westjordanlands in kleine Enklaven beschleunigt, tut es dies mit dem Gedanken an Millionen von Juden, die möglicherweise noch gezwungen sein werden, zu fliehen und dorthin auszuwandern, wenn der Antisemitismus in ihren eigenen Ländern zunimmt.
Vom 3. bis zum 14. März wurden mindestens sieben Gewalttaten gegen Synagogen in Europa und den Vereinigten Staaten und eine ultraorthodoxe jüdische Schule in Kanada gemeldet, die zu keinen Todesopfern führten. Die Wahl religiöser Einrichtungen als Ziele für Sprengstoffanschläge, auch mit einem selbstgebauten Sprengkörper, riecht nach Antisemitismus. Diese Einrichtungen werden mit einer bestimmten Gruppe identifiziert und dienen daher als klare und bequeme Ziele für Gewalttaten. Hätte es Opfer gegeben, wären diese höchstwahrscheinlich Juden gewesen, die eindeutig nichts mit den eigentlichen Beweggründen für die Attentate zu tun hatten. Ein Angriff auf eine Synagoge, selbst wenn er symbolischer Natur ist, signalisiert den Wunsch, Angst zu schüren und Juden überall Schaden zuzufügen. Ein Angriff auf eine Synagoge in der Diaspora ist insbesondere das Spiegelbild des Anspruchs Israels, alle Juden zu vertreten, und ist daher äusserst töricht. Er könnte Menschen dazu ermutigen, in das Land zwischen dem Meer und dem Fluss auszuwandern – das Gegenteil dessen, was den palästinensischen Interessen dient.
Doch die Angriffe sind auch Ausdruck eines Verlangens nach Rache. Für eine ausgelöschte Familie, für ein Wohnviertel, das verschwunden ist, für Kinder, die zitternd aus den Trümmern gezogen wurden. Wer könnte das Verlangen nach Rache besser verstehen als Israel und seine jüdischen Bürger? Seit dem 7. Oktober 2023 ist sadistische Rache das Leitmotiv für allzu viele Gefängniswärter, Soldaten, Siedler und Informanten, die Facebook-Beiträge durchkämmen, und Polizeibeamte.
Unsere Politiker und Diplomaten werden behaupten, dass diese zwei Ausdrucksformen der Rache nicht vergleichbar sind. Und sie hätten damit Recht. Denn die israelische Rache dient einem uralten geopolitischen Zweck, nämlich das Land von all seinen Arabern zu säubern. Rache gegen uns ist Rache um der Rache willen, ohne strategische Planung oder Logik.
Zwischen Freitag und Samstag, 13. und 14. März, wurde ein Sprengkörper in der Nähe einer Aussenmauer einer jüdischen Schule in Amsterdam gezündet; das Foto zeigt Russspuren an einem Rohr und einigen Ziegelsteinen. Etwa 24 Stunden zuvor, am 12. März, wurde ein ähnlicher Sprengkörper in der Nähe einer Synagoge in Rotterdam gezündet, wobei die Eingangstür beschädigt wurde. Ein weiterer Sprengsatz wurde am 9. März im Morgengrauen vor der Tür einer Synagoge in Lüttich, Belgien, gezündet; deren Fenster und die eines nahegelegenen Gebäudes wurden zertrümmert. Zuvor, am 6. März, wurden Schüsse auf eine Synagoge in North York, Kanada, abgefeuert. In den Fenstern wurden Patronenhülsen und Einschusslöcher gefunden.
Und am vergangenen Donnerstag, 12. März, rammte ein bewaffneter Mann mit seinem Fahrzeug Temple Israel, eine grosse Reformsynagoge in einem Vorort von Detroit. Polizeibeamte erschossen den Fahrer, bei dem es sich um einen libanesischen Mann handelte, dessen Familie bei israelischen Bombenangriffen ums Leben gekommen war. In allen Fällen reagierte die Polizei schnell. In einigen Fällen bekannte sich eine schiitische Organisation zu den Anschlägen.
Auf der Plattform X schrieb Aussenminister Gideon Saar: «In Rotterdam wurde gestern eine Synagoge angegriffen. Doch die Niederlande hielten es für wichtiger, sich in Südafrikas frei erfundenen Fall gegen den Staat Israel einzumischen. Eine Schande!» Auch seine Stellvertreterin Sharren Haskel wandte sich auf X an die Niederlande, wenn auch mit einem milderen Ton: «Die europäischen Staats- und Regierungschefs stehen vor einem historischen Entscheidungspunkt: zwischen radikalem Islamismus und den Werten der westlichen demokratischen Zivilisation (...). Europas Staats- und Regierungschefs müssen entscheiden, auf welcher Seite sie in diesem Kapitel der Menschheitsgeschichte stehen. Ich werde mich niemals dafür entschuldigen, das jüdische Volk zu verteidigen – in Israel und in der gesamten Diaspora. Für mich ist das eine moralische Pflicht.»
Laut dem israelischen Präsidenten Izchak Herzog brachte er in einem Gespräch mit Vertretern der jüdischen Gemeinden in Amsterdam und Rotterdam Israels Solidarität mit den Juden in den Niederlanden zum Ausdruck.
Haben die drei jemals die israelische Polizei aufgefordert, gegen das «radikale Judentum» vorzugehen, das täglich nicht symbolische Pogrome im Westjordanland entfacht? Natürlich nicht. Sie und andere israelische Vertreter, die sich beeilen, Europäer zu tadeln und bei jedem Graffiti auf einem Friedhof «Antisemitismus» zu schreien, brechen alle Rekorde an Heuchelei und Doppelmoral. Das Gleiche gilt für die allzu offiziellen jüdischen Führungspersonen in der Diaspora, die Israel weiterhin bedingungslos unterstützen und nicht einmal öffentlich die tödliche Gewalt der Siedler verurteilen, die im Namen ihres Gottes und ihrer Geschichte wütet.
Dies macht es leicht, jedem Juden in der Diaspora Mitschuld an und Unterstützung für jede Gräueltat zuzuschreiben, die von Israel und den Soldaten und Siedlern begangen wird, die es dafür rekrutiert.
Amira Hass ist Palästina-Expertin bei «Haaretz».
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20. Mär 2026
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Amira Hass