standpunkt 15. Jul 2022

Wie im «bet hamikdasch»

«Das sieht ja aus wie im bet hamikdasch», rief mein damals sechsjähriger Sohn Leon aus. Damals vor 15 Jahren, als er verblüfft und entzückt erstmals im Opernhaus Zürich Platz genommen hatte, um eine Kinderoper in Zürichs Musentempel zu geniessen. Ohne eine blasse Ahnung von diesem Ausdruck zu haben, hatte Leon mit kindlichem Gespür den Nagel auf den Kopf getroffen: Die mitunter mit schweren Kronleuchtern, bunten Deckenmalereien oder venezianischem Stuck üppig ausgestatteten Konzert-, Theater- und Opernhäuser firmieren tatsächlich als Musen-Tempel.

Den jüdischen Tempel, das «bet hamikdasch», das geheiligte Haus, gibt es seit genau 1952 Jahren nicht mehr. Herodes, König von Roms Gnaden, hatte den Bau des zweiten jüdischen Tempels noch vor der Zeitrechnung initiiert. Die römische Armee zerstörte den Tempel im Jüdischen Krieg. Übrig geblieben ist einzig die Westmauer, die das Vernichtungswerk überdauert hat.

Die «kotel hamaarawi», die westliche Mauer, spielt als Klagemauer im jüdischen Selbstverständnis eine überragende Rolle. Als einzig sichtbares Relikt des demolierten Tempels dient sie als reale Projektionsfläche von Wünschen und messianischer Hoffnungen. Wer weiss denn, wie viele «Quitlechs», Zettelchen mit persönlichen Anliegen, in die Ritzen der Mauer gesteckt wurden, seit die Altstadt Jerusalems Juden wieder zugänglich ist?

Solange Moschiach noch nicht auf Erden ist, so lange wird es auf dem umstrittenen Jerusalemer Tempelberg kein drittes «bet hamikdasch» geben. Seit dem 7. Jahrhundert stehen dort Felsendom und Al-Aqsa-Moschee. Juden werden einstweilen weiter den beiden Tempelzerstörungen nachtrauern. Am neunten Aw, 586 Jahre vor der Zeitrechnung, haben die Babylonier den ersten salomonischen Tempel geschliffen. Am gleichen Kalendertag, 70 Jahre nach der Zeitrechnung, waren es die Römer. Diese haben nicht nur den zweiten, herodianischen, Tempel zerstört. Drei Jahre danach haben sie auch Jerusalem erobert. Das jüdische Exil endete im Jahr 1948 nach fast 2000 Jahren.

Tischa Beaw ist ein rabbinisch angeordneter Fasttag. Er dauert wie der Versöhnungstag mehr als 24 Stunden. Am Tischa Beaw, der dieses Jahr am Schabbatabend am 6. August beginnt, geht es im Gegensatz zu Jom Kippur weniger um persönliche Entsühnung und Kasteiung. Das jüdische Kollektiv steht im Vordergrund, man fastet in Trauer über eine national-religiöse Katastrophe, über den Verlust des Tempels und damit das Ende des Gott geweihten Opferdienstes.

Gebete als Ersatz haben zwei Jahrtausende lang dafür gesorgt, das Judentum am Leben zu erhalten. Die Rückkehr nach Zion, die Sehnsucht nach dem Tempel sind wichtige, identitätsstiftende Bestandteile der jüdischen Liturgie. Kein Wunder, sind gerade diese Themen in jüdischen Kindergärten und jüdischen Schulen von allem Anfang an präsent. Die ersten Hebräisch-Lehrerinnen meines Sohnes Leon hatten das «bet hamikdasch» offenbar derart anschaulich und eindrücklich vermittelt, dass er beim Anblick des prächtigen Innenraums des Opernhauses unmittelbar an den jüdischen Tempel denken musste. Hie und da ist er unterdessen als Statist auf der Bühne dieses Zürcher Musentempels zu sehen. Ohne sich deswegen aber als Tempeldiener zu fühlen.

Roger Weill war in den 1990er-Jahren Redaktionsleiter des «Israelitischen Wochenblatts» und der «Jüdischen Rundschau».

Roger Weill