Sidra Pessach 01. Apr 2026

Vom Luftschutzkeller zur Königstafel

Die Thoravorlesung des ersten Tages von Pessach endet mit «chukat hapessach», den Gesetzen, die das Pessachlamm betreffen. Darunter heisst es: «In einem Haus soll man es essen. Ihr sollt vom Fleisch nichts aus dem Haus hinaustragen» (2. B. M. 12:46). Dieses Gebot erweckt den Eindruck, das Pessachlamm sei im engen Familienkreis zu verzehren. Die Energie hier ist zentripetal. Der Schwerpunkt scheint auf dem inneren, geschlossenen Familienkern zu liegen. Dieses Gebot korrespondiert jedoch mit der Richtlinie, die bereits zu Beginn des Kapitels geäussert wird: «Saget der ganzen Gemeinde Israel und sprechet: Am zehnten Tage dieses Monats verschaffe sich jeder Hausvater ein Lamm, ein Lamm für jede Haushaltung; wenn aber die Haushaltung zu klein ist für ein Lamm, so nehme er es gemeinsam mit seinem Nachbar, welcher in der Nähe seines Hauses wohnt» (12:3–4). Die Botschaft hier ist grundverkehrt: Nicht im kleinen, abgeschotteten Familienkreis soll das Pessachlamm gegessen werden, vielmehr soll man Nachbarn von aussen miteinbeziehen. Der Eindruck des anfangs erwähnten Verses war also falsch. Die Tatsache, dass man das Fleisch in einem Haus essen und dessen Überreste nicht aus dem Hause tragen soll, bedeutet nicht, dass man niemanden ins Haus herein und am Mahl teilhaben lassen soll.

Gott war sich sehr wohl bewusst, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, ein Lamm in einem Haushalt allein zu vertilgen, zumal man bis zum nächsten Morgen nichts vom Fleisch übrig lassen soll (12:10). Mein arabischer Freund Ayed, dessen Grossfamilie bei feierlichen Anlässen gern ein Lamm schlachtet und verzehrt, erklärte mir, dass ein Durchschnittslamm ungefähr 50 Kilogramm wiege, von welchen rund die Hälfte, also 25 Kilogramm, verzehrbares Fleisch sei. Jedes Kilo, sagt mir Ayed, sättige vier Personen. Mit anderen Worten: Ein Lamm würde die kulinarischen Bedürfnisse von hundert Personen decken! Selbst in einem riesigen Haushalt mit viel Nachwuchs wäre die Menge, die ein Pessachlamm «auf den Tisch» bringen würde, zu viel. Der Schöpfer, der auch die Fauna erschuf, erliess demnach ein taktisches Gesetz, wonach man für den Fall, dass «die Haushaltung zu klein ist», den «Nachbar, welcher in der Nähe seines Hauses wohnt», auch einladen soll. Wohl wissend, dass dies in 99 Prozent der Fälle notwendig sein wird!

Von diesem Gesetz, welches das Pessachlamm betrifft, lernen wir eine wichtige Grundlage: Die Freiheit kann man nur erlangen, wenn man die Menschen «von aussen» mit einbezieht. Es macht keinen Sinn, die fesselnden Stadtmauern Ägyptens im Befreiungsakt aus der Sklavenschaft zu durchbrechen, wenn die Mauern innerhalb unserer Gesellschaft weiter bestehen. Das Durchbrechen unserer gesellschaftlichen Mauern, das Einbeziehen und Einladen des Nächsten an unseren Tisch, sind die Bedingung für den Auszug aus Ägypten.

Dies erklärt auch, weshalb die Pessach-Haggada mit einer Einladung beginnt: «Wer hungrig ist, komme und esse. Wer in Not ist, komme und feiere Pessach. Dieses Jahr sind wir hier – im nächsten Jahr im Land Israel. Dieses Jahr sind wir Sklaven – nächstes Jahr freie Menschen.» Dies ist keine Floskel. Diese Deklaration zu Beginn des Sederabends, den wir zum Eingang des Pessachfestes begehen, verschärft die Erkenntnis, dass die Einladung des Nächsten an unseren Tisch die Grundlage und Legitimation für die Freiheitserlangung ist. Es macht keinen Sinn, wenn man am Ende des Sederabends dem Propheten Elijahu symbolisch die Tür öffnet, wenn man sie nicht vorher dem physischen Nächsten auf Erden auch geöffnet hat.

Wieso durfte man aber das Pessachlamm nicht aus dem Hause tragen? Der Verfasser des «Sefer hachinuch» gibt dazu eine interessante Erklärung: «Da wir freie Herren geworden sind, wurde uns befohlen, es am Ort der Gruppe zu essen und es nicht nach aussen zu bringen, in der Art der Könige der Erde, die alles, was für sie bereitet wird, in ihrem Palast inmitten ihres Gefolges essen. Wenn hingegen die armen Bürger des Landes ein grosses Mahl bereiten, senden sie ihren Freunden Portionen nach aussen, da es für sie ein seltenes Erlebnis ist» (Mizwa 15). Wenn wir Pessach feiern, und insbesondere am Sederabend, sollen wir uns wie Könige fühlen. Könige werden bedient und brauchen sich nicht um die Reste des Mahls zu kümmern. Bedürftige jedoch würden alles tun, um die Essensreste nach aussen zu schaffen, um auch ihre armen Freunde an diesem besonderen Festessen teilhaben zu lassen. Am Pessach nun sollen wir uns nicht nur wie Könige betrachten, vielmehr sollen wir auch alles tun, damit niemand das Bedürfnis hat, Essensreste «nach aussen» schaffen zu müssen. Dies aus dem einfachen Grund, weil es «draussen» keine Bedürftigen hat! Denn alle jüdischen Menschen aller Gesellschaftsschichten sollen irgendwo an einem Sedertisch sitzen, sollen Teil eines «königlichen Gefolges» werden. Nur durch diese Einbeziehung des Nächsten wird der Sedertisch zu dem, was er wirklich sein sollte: eine Königstafel.

Gerade dieses Jahr, wenn sich in Israel seit mehreren Wochen verschiedenste Nachbarn mehrmals täglich und nächtlich im gemeinsamen Luftschutzkeller treffen, ist die obige Richtlinie mehr als einleuchtend: Gemeinsam erdulden wir die Attacken unserer Feinde, gemeinsam kämpfen wir für unsere Freiheit und gemeinsam sollen wir diese nach Kriegsende zum Guten gestalten. Chag sameach!

Emanuel Cohn