Sidra Schofetim 14. Aug 2026

Verantwortung ohne Schuld?

«Was bedeutet Verantwortung?», lautete die Überschrift eines Artikels, den der Journalist Herb Keinon im März 2024 in der «Jerusalem Post» veröffentlichte. Anlass war die Veröffentlichung des Untersuchungsberichtes zu der Katastrophe in Meron, wo drei Jahre zuvor 45 Menschen bei einer Massenpanik anlässlich der jährlich von Tausenden besuchten Lag-Baomer-Feiern gestorben und viele andere verletzt worden waren. Doch natürlich liess sich der Bericht kaum lesen, ohne der noch viel grösseren Katastrophe des 7. Oktober zu gedenken, die sich fünf Monate vor seinem Erscheinen ereignet hatte und zu deren Untersuchung bis heute keine Kommission einberufen worden ist.

Keinon macht darauf aufmerksam, dass, obwohl der Bericht einer langen Reihe von Amtsträgern Mitverantwortung für die Katastrophe von Meron zuschreibt, nur eine einzige Person (lange vor Erscheinen des Berichts) als Folge dieses Ereignisses ihr Amt niedergelegt hatte, nämlich der Leiter des zuständigen Polizeidistrikts. Demgegenüber sassen andere genannte Mitverantwortliche, bis hinauf zum Premierminister, immer noch (beziehungsweise nach dem Intermezzo der «Regierung des Wechsels» wieder) im Amt und machten auch nach dem 7. Oktober keine Anstalten, persönliche Konsequenzen aus dem Desaster zu ziehen. «Verantwortung bedeutet nicht Schuld», war ein Satz, der von den Kritisierten immer wieder zu hören war.

Diese Haltung erzürnt Keinon. «So unschön es klingt», schreibt er, «manchmal müssen Köpfe auch für unbeabsichtigte Fehler und Unterlassungen rollen. Nicht wegen eines primitiven Bedürfnisses, jemanden zu strafen, sondern vielmehr, um ein Zeichen zu senden, dass Aufmerksamkeit und Sorgfalt von jenen gefordert sind, die an den sensibelsten Positionen des Landes sitzen.»

Am Ende der Sidra Schoftim geht es um genau diese Frage. Der Fall ist ein etwas anderer: ein getöteter Mensch, der auf freiem Feld zwischen zwei Ortschaften gefunden wird. Die Ältesten des am nächsten gelegenen Ortes gehen zu einem Bachbett, wo ein Kalb geköpft wird. Die Kohanim segnen das Volk, worauf sich die Ältesten die Hände über dem toten Kalb waschen und sagen: «Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen» (21, 7).

Dieser Akt ist an psychologischer Wirkung kaum zu überbieten. Was daherkommt wie die definitive Herauslösung der Ältesten aus der Verantwortung, ist faktisch das klare Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Hier rollt wirklich ein Kopf, und das Kalb lässt sich klar stellvertretend für jene sehen, die ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben: die Ältesten, die den Toten «nicht gesehen, nicht mit Essen und mit Begleitung ausgestattet haben», wie Raschi erklärt. Wäre das denn ihre Pflicht gewesen? Juristisch kann man sie nicht belangen, moralisch müssen sie diesen Akt vollziehen, um «die Blutschuld zu versöhnen» (21,9), denn wenn in der Nähe einer Stadt ein Mensch ermordet wird, dann sind notwendigerweise Bedingungen vorhanden, die auf ein Versagen der Verantwortlichen hinweisen.

Der in Israel weithin anerkannte Rabbiner und Psychologe Rafi Feuerstein hat vor knapp 20 Jahren das Szenario des geköpften Kalbes (abzüglich des Kalbes) einmal für unsere Zeit durchgespielt – nicht einmal anhand grosser Katastrophen wie in Meron oder am 7. Oktober, sondern mit Bezug auf alltägliche Unglücksfälle und Verbrechen. Er schreibt: «Stellen Sie sich vor, bei jedem Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang kämen der Bürgermeister, der zuständige Verkehrsrichter, der Stadtrabbiner und der Polizeipräsident zusammen und erklärten öffentlich, sie hätten alles getan, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Zugleich würden sie versprechen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, die Lage zu verbessern.

Stellen Sie sich vor, nach jeder Ermordung einer Frau träten die Leiter der Sozialdienste, der zuständige Familienrichter, Pädagogen, Rabbiner und andere führende Persönlichkeiten der Öffentlichkeit auf und riefen laut: «Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen.»

Erscheint Ihnen ein solcher Ritus befremdlich? Dann gibt es eine Alternative: Vielleicht könnte diese ganze hochrangige Runde zur Beerdigung des Opfers kommen, sich dort die Hände waschen und erklären: «Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen.»

Auch das erscheint Ihnen unpassend? Dann denken Sie sich etwas anderes aus – vielleicht eine Untersuchungskommission für jeden Fall von «unschuldig vergossenem Blut».

Die Untersuchungskommission von heute, erklärt Feuerstein, entspricht dem geköpften Kalb von einst. Und auch die Ältesten in der Thora werden nicht explizit aufgefordert, ihr Amt aufzugeben. Doch angesichts des biblischen Szenarios und seiner Exegese stellt sich die Frage: Was bedeutet moralische Verantwortung von Amtsträgern, zumal bei Katastrophen, die über den Tod eines einzelnen Menschen noch weit hinausgehen und für welche die Verantwortung noch viel klarer benennbar ist?

Verantwortung beginnt dort, wo der juristische Aspekt nicht mehr greift. Köpfe rollen (im übertragenen Sinne) dann, wenn diese Verantwortung übernommen wird. Doch dieses Köpferollen wäre eben auch dazu da, das Vertrauen in die Verantwortlichen, die dann nicht nur so heissen, sondern sich auch so verhalten, zu stärken.

Alfred Bodenheimer