Israel ist seit zweieinhalb Jahren, seit der Hamas-Attacke am 7. Oktober 2023, im Krieg. Nun gibt es Skeptiker, die meinen, nichts Wesentliches habe sich im Nahen Osten verändert: Die Hamas, wenn auch geschwächt, regiere immer noch im Gaza-Streifen. Die zerstörerische Kraft der Hisbollah im Libanon sei noch längst nicht unterbunden. Und was den Terrorstaat Iran anbelangt, so konnte dessen unmittelbare Gefahr für Israel zwar gebannt werden, es scheine jedoch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die nächste Runde dort losgeht, es sei denn, das Wunder eines Regimewechsels trete doch noch ein. Diese ziemlich deprimierende Perspektive ist verständlich, verfehlt jedoch meines Erachtens die Hauptsache: Die wesentlichste Änderung seit dem 7. Oktober ist für mich die Erkenntnis Israels, die Drohungen unserer Feinde ernst zu nehmen und der von ihnen ausgehenden Gefahr aktiv entgegenzuwirken.
In den letzten beiden Jahrzehnten ist es allen israelischen Regierungen, den Entscheidungsträgern im Militär sowie dem Grossteil der Bevölkerung – beschämt schliesse ich mich dabei mit ein – eine angenehme Lösung gewesen, die sich anbahnende Gefahr aus Gaza, aus dem Libanon oder aus dem Iran zu ignorieren. Problemlos nahm man alle paar Monate einen Schusswechsel oder alle paar Jahre einen Mini-Krieg in Kauf, aber die Ruheperioden, gesponsert durch katarisches Schutzgeld, trügten. So beschreibt der Talmud, wie das Böse (symbolisiert durch «jetzer hara», den bösen Trieb) wächst, wenn man es gewähren lässt: «Der böse Trieb gleicht anfangs dem Faden des Spinngewebes, zuletzt aber gleicht er Wagenseilen» (Sukka 52a). Mit anderen Worten: Eine kleine Bedrohung lässt sich anfangs leicht beseitigen, wie ein leicht zu zerreissender Spinnwebfaden. Wenn man sich der Bedrohung jedoch nicht annimmt, kann sie schliesslich so dick wie ein Seil werden, mit welchen ein Lasttier einen grossen Wagen zieht, das heisst eine massive, schwer zu besiegende Kraft. Die Spinngewebe von Israels Feinden entwickelten sich inzwischen zu gefährlichen Wagenseilen. Der Talmud warnt hier eindringlich vor der Illusion, man könne eine kleine Bestie neben sich heranwachsen lassen. Wahre Weisheit bestehe darin, den Faden zu zerreissen, solange er noch dünn ist.
Leider bezahlte Israel für dieses jahrelange Ignorieren der anwachsenden Gefahr am 7. Oktober auf brutalste Weise einen hohen Preis. Das Umdenken, das in israelischen Köpfen seit jenem vermaledeiten Tag stattgefunden hat, versinnbildlicht für mich die wesentlichste Änderung, die der Grossteil der Bürger Israels, vom Premierminister bis zum einfachen Mann auf der Strasse, durchgemacht haben: Man ist nicht mehr bereit, Feinde in der Nachbarschaft zu akzeptieren, die sich schwer bewaffnen und dabei die Zerstörung Israels stolz auf ihr Banner schreiben. Auch scheinbar überschaubare Bedrohungen, wie etwa Raketenabschussrampen im Südlibanon oder in Gaza, werden heute ohne Zögerung beseitigt, und dies, während sie noch «Spinnengewebe» sind.
Dasselbe Prinzip kommt in folgendem Midrasch zum Ausdruck: «Ein Dorn – wenn er klein ist, spürst du ihn nicht. Aber wenn er gross wird, sticht er dir die Augen aus» (Midrasch Bereschit Rabba 82:8). Bis zum 7. Oktober nahmen viele Israelis an, man könne eine Terrorgruppe «managen» oder ignorieren. Doch das Wesen des Bösen ist, wie Unkraut, zu wachsen. Wenn man den Dorn nicht entfernt, solange er klein ist, verliert man später die Fähigkeit, ihn überhaupt noch zu bekämpfen, weil er die eigene Sicht (die «Augen») zerstört. Leider benötigte Israel den grausamen Weckruf des 7. Oktober, um den Umgang mit seinen Feinden grundsätzlich zu überdenken. Diese Erkenntnis führt zu einer weiteren talmudischen Quelle, die einen Vers im Bibelbuch «Mischle» interpretiert. Dieser lautet: «Glücklich ist der Mensch, der sich beständig fürchtet, wer aber sein Herz verhärtet, stürzt ins Unglück» (Sprüche 28:14). Der Talmud versteht diese Maxime so: «Wohl dem Menschen, der beständig auf der Hut ist!» Das Verb «fürchten» bedeutet hier also nicht Feigheit, sondern vielmehr Wachsamkeit. Die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems geschah laut den Talmudweisen, weil man Anzeichen ignorierte und sich in falscher Sicherheit wog. Wer Bedrohungen als «unbedeutend» abtut («sein Herz verhärtet»), provoziert seinen Sturz (Gittin 55b).
Die einleuchtendste Lehre, die aus dem gegenwärtigen Krieg zu lernen ist, liegt wohl in folgendem talmudischen Grundsatz: «Wenn jemand kommt, um dich zu töten, steh früh auf und töte ihn zuerst» (Sanhedrin 72a). Gemäss der jüdischen Ethik soll man nicht warten, bis der Feind abdrückt oder Atomwaffen baut. Die Absicht und die aktive Vorbereitung des Feindes reichen aus, um präventiv zu handeln. Die «Absicht», sprich die Zerstörung Israels, wurde von Hamas, Hisbollah und dem Iran stets stolz herausposaunt. Und die stete «Vorbereitung» dieser terroristischen Gebilde äusserte sich in ihrer massiven und für Israel lebensgefährlichen Aufrüstung.
Eines ist klar: Israels sicherheitspolitische Selbstwahrnehmung hat sich seit dem 7. Oktober schlagartig und aufs Fundamentalste verändert. Die Bedrohungen der Feinde werden ernst genommen und frühmöglichst unterbunden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Änderung langfristig zu einer grösseren Sicherheit Israels führt und hoffentlich auch zur Einsicht seiner Feinde, von bösen Absichten und kriegerischen Vorbereitungen abzulassen. Gerade in der Woche des Gedenktags gefallener israelischer Soldaten und Terroropfer sowie dem Unabhängigkeitstag wäre eine solche Aussicht zu begrüssen.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
24. Apr 2026
Spinnenfaden oder Seil
Emanuel Cohn