Sidra acharej mot/kedoschim 24. Apr 2026

Gentechnologie und Halacha

Im Jerusalemer Talmud (Pea 2, 4) findet sich eine äusserst erstaunliche Aussage: «Sogar das, was ein langjähriger Schüler irgendwann in der Zukunft vor seinem Lehrer erklären (oder entscheiden) wird, wurde schon dem Mosche auf dem Berg Sinai mitgeteilt.»

Der Gaon von Wilna ist der Ansicht, dass der Text sogar so lauten sollte: «Sogar wenn ein langjähriger Schüler irgendwann in der Zukunft vor seinem Lehrer etwas Neues erklären wird, wurde es schon dem Mosche auf dem Berg Sinai mitgeteilt.»

Es gibt Interpreten, die diese Talmud-Stelle wörtlich verstehen. Sie erklären, Mosche sei damals wirklich schon alles mitgeteilt worden, er habe aber nur einen Teil davon seinen Schülern und dem Volk übergeben. Und wenn nun etwas scheinbar Neues in der Thora entdeckt wird, so ist es Mosche doch schon offenbart worden.

Diese Interpretation hat aber etwas sehr Problematisches an sich. Sie beachtet nicht, dass sich die Thora im Laufe der Zeit entwickelt. Die sozialen und politischen Umstände verändern sich, Technik und Wissenschaft entwickeln sich, es entstehen neuartige, nie dagewesene Situationen, und damit kommen neuartige Fragen auf, auf welche die Halacha Antworten finden muss. So wird Mosche auf dem Sinai wohl kaum etwas von der Erfindung der Glühbirne mitgeteilt worden sein.

Die Talmud-Stelle wird deshalb anders zu interpretieren sein. Sie will sagen, dass Gott dem Mosche alle Informationen und Überlegungen mitgeteilt, ihm alle Mittel an die Hand gegeben hat, die notwendig sind, um alle Fragen, die zu irgendwelcher Zeit aufkommen werden, zu beantworten. Auch das, was alle jüdischen Gelehrten irgendwann einmal in der Zukunft erklären, entscheiden oder gar neu in der Thora entdecken werden, wurde dem Mosche potenziell schon auf dem Sinai mitgeteilt. Die Antworten zu allen zukünftigen Fragen können aus dem, was Mosche beim Sinai offenbart wurde, abgeleitet, deduziert werden.

Die hauptsächliche Methode, mit welcher neuartige halachische Fragen beantwortet werden, ist der Analogie-Schluss. Als die elektrische Glühbirne erfunden wurde, kam die Frage auf, ob es zu erlauben sei, am Schabbat Licht mit der Glühbirne anzuschalten. Die meisten Rabbiner der Zeit waren der Ansicht, dass das Anzünden der Glühbirne dem am Schabbat verbotenen Entfachen von Feuer analog sei, da ein Metallstück in der Birne so erhitzt wird, dass es zu glühen und Lichtstrahlen abzugeben beginnt, und dass es deshalb nicht zu erlauben sei, diese neue Art Licht am Schabbat anzuzünden.

Eine der neuesten und aktuellsten halachischen Fragen unserer Zeit ist durch die Entwicklung der Gentechnologie entstanden. Diese vollkommen neuartige Technologie ermöglicht es, das Erbgut von Lebewesen, auch von Menschen, zu verändern. Für die Halacha ist die Frage aufgekommen, ob die Anwendung dieser Technologie grundsätzlich zu erlauben sei.

Die halachischen Autoritäten stehen da vor einem grossen Problem, da zu eruieren ist, ob diese ganz neue Technologie denn mit irgendeiner schon existierenden halachischen Frage verglichen, analog geschlossen werden kann; und wenn ja, mit welcher.

Einige Rabbiner sind der Ansicht, dass die Antwort auf die Frage in unserer Parascha zu finden ist. Die Thora verbietet hier, verschiedenartige Tiere miteinander zu paaren und verschiedenartige Pflanzen miteinander auf einem Feld zu säen. (3. B. M. 19, 19) Nachmanides (ca. 1194–1270), der grosse, von der Kabbala sehr beeinflusste Exeget und Talmudist, erklärt, dass der Grund für dieses Verbot darin zu finden ist, dass Mischen von verschiedenartigen Tieren oder Pflanzen im Gegensatz zur göttlichen Schöpfung steht. Gott hat bei den Tieren und Pflanzen voneinander verschiedene Spezies geschaffen. Wer die Spezies nun miteinander vermischt, «verändert und leugnet die von Gott geschaffene Weltordnung» und drückt damit aus, «dass er sich denkt, Gott habe die Erschaffung der Welt nicht ganz abgeschlossen, und dass er ihm bei der Erschaffung der Welt helfen wolle, indem er durch die neue Mischung etwas Neues erschafft» (Thora-Kommentar des Ramban zur Stelle).

Gestützt auf diese Erklärung des Ramban sind nun einige heutige Rabbiner der Ansicht, dass die Gentechnologie nicht zu erlauben sei, da auch mit ihr die von Gott geschaffene Weltordnung, die Genetik des Menschen, verändert und ganz Neues erschaffen werde.

Andere Rabbiner sind da aber anderer Meinung. Sie stützen sich auf eine andere Stelle in der Thora und argumentieren, dass Gott dem Menschen ausdrücklich den Auftrag gegeben habe, «die Welt zu beherrschen» (1. B. M. 1, 28). Dazu gehöre auch, ganz Neues zu schaffen, und folglich auch, mit Gentechnologie das Erbgut des Menschen zu verändern.

Die grosse Frage ist hier also, ob wir Menschen nur den Auftrag haben, die bestehende Weltordnung zu bewahren, oder ob wir auch das Recht, wenn nicht gar die Pflicht, haben, Neuartiges zu schaffen.
 

David Bollag