«Ein Fünftel der britischen Juden erwägt, das Land zu verlassen», so lautete Anfang dieser Woche eine Schlagzeile in den Tamedia-Zeitungen. Als Grund nannte Grossbritannien-Korrespondent Peter Nonnenmacher, der sich dabei auf einen Bericht des Institute for Jewish Policy Research berief, mehrere versuchte Brandanschläge, konstante Einschüchterungen und eine organisierte «Kampagne der Gewalt» gegen jüdische Gemeinden in den letzten Wochen. Für diese sei eine Gruppe mit Verbindungen in den Iran verantwortlich. Die Organisation stecke laut neuesten Erkenntnissen auch hinter mehreren kürzlichen Anschlägen und Anschlagsversuchen in ganz Europa. Dies alles geschehe vor dem Hintergrund des Anschlags auf eine Synagoge in Manchester mit zwei Toten am letzten Jom Kippur.
Die jüdische Gemeinschaft Grossbritanniens, die mit rund 300 000 Personen nach Frankreich die zweitgrösste Europas ist, zeigt sich erschüttert und beunruhigt. Weltweit beherbergt Grossbritannien übrigens die fünftgrösste jüdische Gemeinschaft.
Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich derzeit breit und dies nicht nur auf den Britischen Inseln. Laut der vom Ipsos Research Institute im Herbst 2025 durchgeführten Untersuchung fühlen sich nur noch 45 Prozent der europäischen Jüdinnen und Juden in ihren Ländern sicher. In Israel sind es immerhin 71 Prozent und dies trotz Krieg und Raketenbeschuss.
Europas Befindlichkeit sei der antisemitischen Welle zuzuschreiben, die den Kontinent seit nunmehr zweieinhalb Jahren heimsuche. So haben laut einem letzten Montag veröffentlichten Bericht der Jewish Agency for Israel rund 43 Prozent aller Jüdinnen und Juden in Europa direkt Antisemitismus erfahren. Am schlimmsten sei die Situation in Frankreich. Dort geben nur noch 22 Prozent der Jüdinnen und Juden an, sich sicher zu fühlen.
Der allenthalben spürbare äussere Druck geht einher mit demografischer Schwäche. «Europa verlor im letzten halben Jahrhundert 60 Prozent seiner jüdischen Bevölkerung», titelten die linksliberalen Tageszeitungen «Guardian» und «Haaretz» vor fast sechs Jahren. Damals wurde die Zahl der Jüdinnen und Juden noch auf knapp 1,3 Millionen Seelen geschätzt. 1968 waren es noch vier Millionen, vor der Schoah rund 10 Millionen.
Aktuell bewegen sich die Schätzungen und Hochrechnungen zwischen einer Million und 1,2 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa. Sicher ist, es werden schnell weniger. So etwa zählt die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in ihrer letzten jährlichen Statistik für 2024 in den 106 Gemeinden des Zentralrats der Juden in Deutschland noch rund 89 000 Jüdinnen und Juden. Es waren auch schon mal um die 108 000. Insgesamt sollen in Deutschland zwar noch 130 000 Jüdinnen und Juden leben, wobei da die Frage ist, wie Judentum definiert wird.
Die Demografen und Statistiker verwenden heutzutage gerne den Begriff der «Core Jews». Dieser ist nicht halachisch, also religionsrechtlich definiert, sondern bezeichnet im soziologischen Kontext jene Gruppe, die sich selbst primär und explizit nach innen und aussen als jüdisch identifiziert und ihr Leben aktiv an jüdischer Religion, Kultur oder Gemeinschaftsleben ausrichtet. Sie bildet laut den Demografen den «Kern» («core») der aktiven jüdischen Bevölkerung. Andere, erweiterte Definitionen schliessen auch Personen mit jüdischen Wurzeln ein, die sich jedoch nicht primär mit Judentum identifizieren.
Nun werden die Juden Europas nicht nur weniger, sondern auch älter. Rund 40 Prozent sind über sechzig Jahre alt. In Deutschland sind es mit 48 Prozent sogar fast die Hälfte der statistisch Erfassten. Zum Vergleich: In Israel lebten am Vorabend des israelischen Unabhängigkeitstages Jom Haazmaut rund 7,2 Millionen Jüdinnen und Juden. Rund 34 Prozent sind unter 16 Jahre alt. Nur 13 Prozent sind älter als 65.
Was bedeutet das alles für die Zukunft des Judentums in Europa? Nun, die Zeiten, als man unter dem Eindruck der Einwanderung der Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland von einer jüdischen Renaissance in Europa sprach und den Kontinent als drittes Standbein neben den grossen jüdischen Bevölkerungszentren USA und Israel sah, sind wohl endgültig vorbei. Wir unterliegen einem Schrumpfungsprozess, den übrigens der Historiker Bernard Wasserstein in seinem Buch «The Vanishing Diaspora» schon vor über 20 Jahren vorausgesagt hatte. Der Prozess akzentuiert und beschleunigt sich nun wegen der aktuellen antisemitischen Welle.
Eine kleinere jüdische Bevölkerung bedeutet auch eine abnehmende kulturelle und politische Bedeutung des Judentums. So wird es in Zukunft weniger jüdische Wählerinnen und Wähler geben, auf deren Interessen und Befindlichkeit Europas Politiker Rücksicht nehmen müssen. Das ist in Frankreich, Grossbritannien und Deutschland schon zu spüren. Weniger Gemeindemitglieder bedeuten auch weniger materielle Ressourcen. Es wird künftig schwieriger werden, die Strukturen für ein jüdisches Gemeindeleben aufrechtzuerhalten. Diesem forcierten Wandel und dem Bedeutungsverlust müssen sich Europas Jüdinnen und Juden entgegenstemmen, indem sie Ressourcen bündeln, gemeinsame Interessen definieren und diese auch mutig nach aussen verteidigen, statt sich in den ewig gleichen inneren Grabenkämpfen zu verzetteln. Nur so kann die europäische jüdische Gemeinschaft überleben.
Sie wird künftig zwar kleiner sein, aber auch kleine jüdische Gemeinden, die untereinander und mit den grossen jüdischen Zentren ausserhalb Europas gut vernetzt sind, können ein reiches jüdisches Leben entwickeln und aufrechterhalten (vgl. S. 12 und 18).
Simon Erlanger ist Historiker und Journalist und lebt in Basel.
standpunkt
24. Apr 2026
Zu wenige Juden in Europa
Simon Erlanger