standpunkt 16. Okt 2020

Schweizer Judentum oder SIG?

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) ist, was er ist. Er ist im Kern geblieben, was er seit seiner Gründung war: die Interessenvereinigung jüdischer orthodoxer und Zentrumsgemeinden. Vertrat er bei seiner Gründung noch weit über zwei Drittel der Juden in der Schweiz, sind es heute je nach Berechnung noch etwas über ein Drittel (vgl. Seite 12). Eigentlich ist der SIG heute der Verband der übrig gebliebenen orthodoxen und Kleingemeinden. Die grossen Einheitsgemeinden in Basel, Bern, Genf, Lausanne, Zürich benötigen ihn nicht oder selten. Bisher haben Wahlen und somit neue Köpfe kaum zu wesentlichen Reformen im Verband geführt. Die letzten nachhaltigen Reformversuche gehen auf Michael Kohn (SIG-Präsident 1988–1992) zurück und sind frontal gescheitert. Wenn am Sonntag Erneuerungswahlen anstehen, dann wird das vor allem eine in Sachen neue Namen sein. Ausrichtungsdebatten werden im Dachverband tunlichst vermieden. Doch eigentlich darf der Stillstand nicht zum Leistungsausweis werden. Zwar wünscht sich der abtretende SIG-Präsident Herbert Winter im Interview mit der NZZ, dass künftig alle Juden in der Schweiz Mitglied im SIG wären, doch hat er während den zwölf Jahren seiner Amtszeit keine einzige diesbezügliche Diskussion angeregt oder einen Antrag eingebracht. Leider. Denn der SIG ist viel überalterter als die jüdische Gemeinschaft der Schweiz. Und damit ist auch klar, wo die Zukunft der Schweizer Juden liegt.

Schlagzeilen machte der Verband jeweils, wenn die Gesellschaft die jüdische Gemeinschaft mit Themen wie Schächten, Beschneidung, Antisemitismus konfrontierte. Und genau diese Art von Reaktionsthematisierung aus einer wenig selbstbewussten Defensive führte zu einem öffentlichen Bild der Schweizer Juden, das wenig mit dem gelebten Alltag zu tun hat. Schade. Denn die Schweizer Juden tragen viel mehr zum Schweizer Alltag im Bereich Gesellschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft bei, als das nicht nur partiell falsche öffentlich Bild aufzeigt. Das hat auch viel damit zu tun, wie der Dachverband Medien und Redaktion hinter den Kulissen mit Informationen und Themen «füttert». Es hat auch viel damit zu tun, wie sich solche Redaktionen instrumentalisieren lassen. Und es hat auch viel damit zu tun, mit welcher Agenda dies getan wird. Der SIG hat in den letzten Jahren mit viel personellem und finanziellem Aufwand ein Bild der Schweizer Juden in der Öffentlichkeit zementiert, das mit der gelebten Realität wenig zu tun hat: Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit, Antisemitismus, Antisemitismus, Antisemitismus, Antisemitismus. Manchmal Israel. Hinzu kommt eine klischierte Schönfärberei von jüdischem Tourismus orthodoxer Provenienz, der in den letzten Monaten der Pandemie nochmals Lügen gestraft wurde. Denn ein Grossteil des internationalen orthodoxen jüdischen Tourismus entstammt jenen Gemeinschaften und Gebieten, die in Israel, Europa und USA mit massiven Verletzungen der Pandemieverordnungen zu einer historischen Situation mit einer der höchsten Todesraten in der jüdischen Gemeinschaft seit dem Holocaust führte.

Das Schweizer Judentum ist längst nicht mehr der SIG und der SIG nicht das Schweizer Judentum. Wenn die Schere allerdings zu weit aufgeht, werden die Legitimität des Verbands und die enormen finanziellen Mittel zur Disposition stehen. Wer immer am Sonntag gewählt wird, muss den SIG aus dem Korsett der 100 Jahre alten Strukturen befreien und Reformen einleiten, die den Verband auf Augenhöhe mit den Juden in der Schweiz bringen. Konkret: soziale und Herausforderungen für jüdische Familien, Bildung, Kultur gehören als Kür und Lebensrealität ins Zentrum gestellt, Antisemitismus oder Sicherheit bleiben leidige Pflicht, die nicht zum Selbstbild der jüdischen Gemeinschaft werden sollen, solange sie es nicht sind. Der SIG und der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen sollen endlich nach jahrelanger Separation Hand in Hand programmatisch Themen angehen, vorhandene Mittel optimieren und vor allem die tagtägliche Basisarbeit der Gemeinden unterstützen und stärken. Die politische Agenda in Bern soll jüdische Kernkompetenzen einbringen: friedliches Zusammenleben, konfessioneller und kultureller Frieden, Integration und Emanzipation von vermeintlichen Minderheiten. Der SIG muss keinen PR-Wettbwerb bestreiten, in dem die Aussensicht auf Juden – meist noch falsch – mit sterilem Hochglanz abgefeiert wird, sondern die Vielfalt der jüdischen Stimmen aus der Mitte der Gesellschaft sollten eingebracht werden. Denn Öffentlichkeitswirksamkeit ist kein primäres Ziel, sondern nötige Pflicht. Das jüdische Leben in der Schweiz ist eigentlich eine kleine Erfolgsgeschichte. Es reicht, wenn diese öffentlich abgebildet wird, ohne dass alles immer auf Öffentlichkeit ausgerichtet wird. Dann finden Selbst- und Aussenbild vielleicht ebenso zusammen wie Dachverbände und Juden in der Schweiz es sollten.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann