standpunkt 16. Okt 2020

Reden ist Silber

Zwölf Jahre im Amt des Präsidenten sind eine gewichtige Zeitspanne, kein US-Präsident, kein Staatspräsident Frankreichs kann dies beanspruchen. Seit zwölf Jahren an der Spitze der schweizerischen Judenschaft zu stehen, wäre Anlass zu einem Résumé, dass die Niederungen des Alltags hinter sich lässt, um präsidial Bilanz zu ziehen. Dies zu tun hatte die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) den nun abtretenden Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) Herbert Winter vergangene Woche gebeten. Themen hierfür gibt es, doch sie durften nicht sein. Waren es die Fragen der Journalisten oder vielleicht gar die Antworten des Protagonisten, die aus der Bilanz ein Frage-und-Antwort-Spiel aus der unsäglichen Agenda zum Thema «das wollten wir von den Juden schon immer wissen» machten? Wie halten Sie es mit der Versorgung der Schweiz mit Schächtfleisch, halten Juden daran fest, «die Vorhaut eines Knaben mit gesunden Genitalien wegzuschneiden», und ganz aktuell, «hat die Pandemie besonders für Juden negative Folgen?» Das «Intelligenzblatt» entblösst sich und der scheidende Präsident sucht das rettende Ufer: «Es gibt Leute, die langsam genug haben von Debatten über Koscherfleisch oder Beschneidungen – und sagen: Ich gehe lieber nach Israel.» Mag er nach zwölf Jahren solcher und ähnlicher Abwehrkämpfe dabei auch an sich gedacht haben?

Weiter geht’s mit Fragen nach der Zunahme von Mischehen, nach streng gläubigen Juden, die angeblich «in der Schweiz eine Parallelgesellschaft bilden», und mit der hintergründigen Frage, ob die Juden durch die Netflix-Serie «Unorthodox» einen «Reputationsschaden» erlitten hätten. Das Unheil einer vermasselten Bilanz nimmt seinen Lauf. Herbert Winter – man mag an dieser Stelle Mitleid mit ihm haben – plädiert für Vielfalt, Offenheit und beschwört einmal mehr die gute Integration der Juden in der Schweiz «Die allermeisten gehen normal zur Arbeit. Und sie sprechen Schweizerdeutsch und halten sich an das Schweizer Gesetz.» Wen gilt es hier davon zu überzeugen, dass wir Juden in der Schweiz keine zwielichtigen Schacherer sind? Die Leser der NZZ oder etwa die Schaar der Duckmäuser im SIG? Bilanz ade!

Ihre Fragen zum Thema Holocaust haben sich die Interviewer für den Schluss des Gesprächs aufbewahrt. Nun darf Dankbarkeit für das Zusammensein der Bundespräsidentin mit einigen Überlebenden der Schoah ausgedrückt werden. Zu Beginn seiner SIG-Amtszeit sei solches noch nicht denkbar gewesen. Und wie soll Erinnerung wachgehalten werden? Ein Thema, das den politisch versierten Präsidenten gesprächig machen könnte. Doch das erscheint nur als unverbindliche Position in der Bilanz. «Es ist erschreckend, dass weltweit immer weniger Menschen wissen, was der Holocaust war.» Dass sich engagierte Kreise sich seit einigen Jahren für einen nationalen Erinnerungs- und Lernort «gegen das Vergessen» engagieren, dass der interreligiöse Dialog gut vorankommt, dass der SIG als Mediator an den Ferienorten frommer Juden auftritt, dass der Dachverband sich bemüht, redet, vorankommen will. Nicht bilanziert! Ganz zum Ende hin Klartext, als ob der scheidende Präsident am kommenden Sonntag nun zur Wahl stünde: «Ein wichtiges Ziel ist es für mich, dass alle Juden in der Schweiz aus allen Richtungen unter dem Dach eines einzigen gemeinsamen Verbandes vereint werden.» Das hätte eine sehenswerte Bilanz werden können. Doch die Erkenntnis von heute kommt zwölf Jahre zu spät. Ziele taugen nicht für Bilanzen. Was zählt, ist nicht das Soll, sondern nur das Haben.

Gabriel Heim ist Journalist, Autor und Regisseur und lebt in Basel.

Gabriel Heim