Sidra Korach 19. Jun 2026

Milch und Honig

«Da begehrtest du leiblich, wirklich, mit Füssen zu betreten ein unwirkliches Land, wo Milch und Honig fliesst.» So tadelt Moses den Aron gegen Ende von Arnold Schönbergs Oper «Moses und Aron» nach der Episode des Goldenen Kalbs, die bei Schönberg als von Sex und Blut beherrschter Exzess dargestellt ist. Während Schönbergs Gottsucher Moses Gott als Unfassbaren, Unaussprechlichen, als Inbegriff der höheren Wahrheit sucht und seine Mission darin sieht, das Volk in diese Form von Gottesbeziehung hineinzubringen, ist Aron, von Gott ausersehen, Moses’ «Mund» zu sein, in der Oper derjenige, der den vergeistigt-abstrakten Gottesbegriff für das Volk in eine Nachricht transponiert, die den Weg zu Gott als Weg in ein auch irdisches Wohlergehen schildert, wofür symbolisch das Versprechen eines Lands steht, in dem Milch und Honig fliessen.

Natürlich sind die Sätze, die Schönbergs Aron dem Volk übermittelt und die diesem letztlich ein Gottesbild vermitteln, das vom Erreichen von Wohlstand und materieller Sicherheit nicht zu trennen ist – was Schönbergs Moses nicht als Übersetzen, sondern als Verfälschen seiner Botschaft versteht –, in der Thora solche, die von Mosche selbst kommen. Ja, genau genommen kommt ja der Ausdruck des Landes, in dem Milch und Honig fliesst, von Gott selbst, der Mosche bei seiner Berufung am brennenden Dornbusch (2. B. M. 3,8) verkündet hat, er würde das Volk aus der Knechtschaft Ägyptens in ein Land führen, in dem Milch und Honig fliesst – und ihm gleich noch aufträgt, mit genau diesem Versprechen in Ägypten vor das Volk zu treten (2. B. M. 3, 18). Entsprechend wird dies dann zu einem entscheidenden Leitbegriff, der den Auszug aus Ägypten motiviert und Gottes Beistand für das Volk symbolisiert.

Vergleicht man dieses Versprechen mit Gottes einstiger Aufforderung an Abraham, «in das Land, das ich dir zeigen werde» zu gehen, was dieser sofort und ohne weitere Nachfrage befolgte (um dann bald nach Ankunft in Kanaan mit einer Hungersnot konfrontiert und zum vorübergehenden Weggang nach Ägypten gezwungen zu sein), so hat sich hier offensichtlich etwas Grundsätzliches verändert. Der herausragende Gläubige Abraham handelte aus der für ihn selbstverständlichen Beziehung zu Gott heraus – doch um ein ganzes Volk von Durchschnittsmenschen dazu zu bringen, sich auf das Abenteuer eines Auszugs aus Ägypten in eine für sie unklare Zukunft einzulassen, braucht es einen tragfähigen Pull-Faktor, das Versprechen einer materiell gesicherten Zukunft.

Im 4. B. M. beginnt sich zu zeigen, dass das Versprechen, das hinter dem Begriff des Landes von Milch und Honig steckt, sich auch als problematisch erweisen kann. Als die Kundschafter aus dem Land in die Wüste zurückkehren, bestreitet niemand von ihnen, dass das Land diesem Bild entspricht. Doch die Mehrheit der Kundschafter, die das bestätigen (4. B. M. 13,27), sieht das Problem darin, dass das Land aufgrund der Übermacht seiner Bewohner nicht einnehmbar sei, während Jehoshua und Kalev, die diesen Begriff ebenfalls erwähnen (14,8), diesen letzten Punkt bestreiten – bekanntlich ohne Erfolg, sodass das Volk sich resigniert und verzweifelt vom Plan der Eroberung abwendet.

Doch den Gipfel der Polemik erreicht die Verwendung des Begriffs, als in der Sidra Korach dessen beide Mit-Rädelsführer tückischerweise die Diktion kurzerhand umdrehen und Mosche vorwerfen «Ist es noch zu wenig, dass du uns aus dem Land, in dem Milch und Honig fliesst, herausgeführt hast, um uns in der Wüste umkommen zu lassen?»

Hier zeigt sich in extremis das Problem, das Arnold Schönberg in seiner Oper durch die Aufspaltung der Moses-Figur thematisierte: Im Gegensatz zu Abraham, der aus seiner reinen Verbindung mit Gott heraus handelte und keine Fragen stellte (ausser wenn es um die Frage einer möglichen Rettung Sodoms ging), lässt sich, wer mit dem Versprechen eines fruchtbaren Landes motiviert ist, rasch darauf ein, seine Beziehung zu Gott an diesem Versprechen auszurichten. Sei das in einer Güterabwägung, ob das militärische Risiko einer Eroberung selbst die Aussicht auf das schöne Land wert sei, oder wie Datan und Abiram in einer Absage an den Glauben, dieses Land je zu erreichen, wodurch selbst die Sklavenexistenz in Ägypten nachträglich sarkastisch verklärt wird.

Die Überzeugung, dass es eine Verbindung zwischen Israels Verhalten und der Fruchtbarkeit des Landes gibt, ist fester Bestandteil des Judentums, bis in die Halacha hinein (etwa was die Ansetzung von Fasttagen bei anhaltendem Regenmangel betrifft). Zugleich aber soll unsere Beziehung zu Gott gerade nicht eine sein, die von materialistischen Zielen unterfüttert ist. Restlos aufgelöst werden kann dieses Problem nicht. Da wir nie zur Grösse Abrahams gelangen werden, sollten wir zumindest darauf achten, nicht zu zynischen Nachfolgern Datans und Abirams zu werden.

Alfred Bodenheimer