standpunkt 30. Apr 2021

Machen wir uns zum Affen?

In einem kürzlich veröffentlichten Paper beschreiben Forscher aus den USA und China die Entstehung eines Mischorganismus aus humanen und tierischen Zellen. Dabei wurden menschliche Stammzellen in eine Frühform eines Embryos von Makaken, einer Affenart, injiziert und die weitere Entwicklung des Embryos unter Laborbedingungen («ex vivo») bis zur Bildung der Keimblätter, der Gastrulation, beobachtet. Erstaunlicherweise konnten die verschiedenen Zellarten miteinander kommunizieren und die Embryonen entwickelten sich bis zum Tag 19 nach der Entstehung weiter fort, wobei ein Anteil der menschlichen Stammzellen in der sich bildenden Zellmasse weiter beobachtet werden konnte. Die Begründung für dieses ethisch grenzwertige Experiment war, dass eine Toleranzbildung zwischen Arten zu einer vereinfachten «Produktion» von Organen z. B. für Transplantation führen könnte. Auch die Regenerationsmedizin könnte aus solchen Zelllinien durchaus Gewinne für den Menschen (und die beteiligten Firmen) erzielen.

Diese an sich spannende und auch bemerkenswerte wissenschaftliche Arbeit wirft aber auch altbekannte Fragen nach Grenzen der erlaubten Forschung auf. Denn: Wer kontrolliert genau, was und wo tatsächlich geforscht wird? Vom Moment der Forschung bis zur Publikation dauert es oft viele Monate und bis dahin sind wir bereits in einem Dilemma, dass nicht rückgängig gemacht werden kann. In der medizinischen Ethik wird dieser Prozess auch als «slippery slope» bezeichnet, also eine gefährlichen Rutschbewegung, die, einmal begonnen, nicht mehr aufgehalten werden kann. Wie viele andere denken wir beim Betrachten der in der Arbeit gezeigten Videos an den nächsten Schritt: Wohin führt die In-Vitro-Forschung bei diesen Zellen? Und was würde passieren, wenn dieser Embryo in vivo ausgetragen würde? Wie würde dieses neue Wesen aussehen? Zu was wäre es fähig? Und als jüdische Menschen fragen wir uns natürlich auch, ob eine solche Züchtung von Mischkulturen oder gar Chimären überhaupt mit den Richtlinien der Thora übereinstimmen kann.

Eines ist jedoch klar: Die Idee von Mischwesen ist so alt wie die menschliche Fantasie. Der Begriff Chimäre stammt aus der griechischen Mythologie und beschreibt in der Ilias ein dreiköpfiges Mischwesen aus Löwe, Ziege und Schlange, das eben in Chimaira, einem Ort in Lykien, lebte. Es war ein Kind zweier Ungeheuer, mit halb menschlichem, halb göttlichem Hintergrund. Solche Wesen werden auch in der Thora beschrieben – als Verbindung zwischen den göttlichen Kindern und den menschlichen Frauen in vornoachidischer Zeit. In all diesen Kulturen sind diese Mischwesen meist für den Menschen gefährlich und werden bekämpft oder sie führen – wie in der biblischen Geschichte – zum Untergang einer Zivilisation. Nicht von ungefähr wird daher in der Thora von der artenüberschreitenden Verbindung von Pflanzen und Tieren abgesehen. Dies auch dann, wenn daraus ein Gewinn für den Menschen entstehen würde. Wir sehen dies wohl am bekanntesten beim Verbot von «schatnes», der Mischung von tierischer Wolle mit pflanzlichem Garn, aber auch in vielen weiteren Gesetzen, die das Mischen von Tieren und Pflanzen untersagen. Dennoch sind aus halachischer Sicht embryologische Forschung, ja auch Mischung von Zelltypen oder genetische Manipulation, nicht untersagt. Die Begründung ist technischer, nicht inhaltlicher Art: Was dem menschlichen Auge ohne Hilfsmittel wie Mikroskop nicht sichtbar ist, hat keinen halachischen Wert. So machen beispielsweise Mikroben das Wasser nicht unkoscher oder überzählig im Rahmen eines IVF-Zyklus befruchtete Eizellen (Zygoten) dürfen bedenkenlos entsorgt werden. Inhaltlich bleibt aber die Thora beim Grundsatz, dass wir unserer Umwelt im Kontext der «keduscha», der Heiligkeit, begegnen sollen. Und dieser Begriff wird als Basis für den Umgang mit allen Mizwot angesehen – ja er gilt als Lebensmotto. In diesem Sinn auch in Bezug auf Embryonenforschung: Sine es einfach die Forschung, das Mögliche, die Überschreitung von Grenzen, welche faszinieren, oder ist es der Wunsch nach Erkenntnis, der Verbesserung der Conditio humana, oder geht es gar darum, vom göttlichen Funken auch in der hohen Wissenschaft ergriffen zu werden? Damit liegt nämlich der ethische Grundsatz in unserer zutiefst persönlichen Einstellung, nämlich im Entscheid, Gutes oder weniger Gutes zu tun. Wenn wir uns dem Guten verpflichten, dann werden wir Lebendiges bewirken («uwacharta bachajim»). Ansonsten machen wir uns – gerade bei diesem grenzwertigen Experiment – tatsächlich zum Affen.

Refoel Guggenheim ist Kinderarzt mit eigener Praxis in Zürich.

Refoel Guggenheim