standpunkt 27. Mär 2026

Links-rechts-Verwirrung

Institutionen in Amerika, die sich mit Antisemitismus befassen, begehen institutionelles Fehlverhalten. Während der Antisemitismus auf der rechten Seite explodiert, unter anderem in der gesamten Regierung von Donald Trump und in populären rechten Online-Foren, konzentrieren sich diese Institutionen und Organisationen unverhältnismässig stark auf linke Antizionisten und muslimische Politiker. Gleichzeitig spielen sie weisse Suprematisten, Holocaust-Leugner und christliche Nationalisten herunter, wenn sie diese, von denen viele in republikanischen politischen Kreisen aktiv sind, nicht gleich ignorieren.

Mit der Veröffentlichung der neuesten Epstein-Akten und dem Beginn des Iran-Kriegs ist das, was bereits eine Epidemie war, zu einer Plage geworden. Wie Arno Rosenfeld vom «Forward» dargelegt hat, haben die inkohärenten Begründungen für den Krieg viele (meiner Ansicht nach grösstenteils fälschlicherweise, wenn auch nicht ganz unbegründet) zu der Schlussfolgerung geführt, dass Amerika in einen Krieg Israels hineingezogen wurde – eine Sichtweise, die schnell in antisemitische Verschwörungstheorien abgleitet sowie in antisemitische «Rache»-Angriffe von Islamisten, Muslimen und anderen Arabern, wie die Mordversuche im Temple Israel in West Bloomfield, Michigan, zeigen.

Unsere Institutionen lassen uns im Stich. Antisemitismus ist im gesamten politischen Spektrum zu finden, doch während die Anti-Defamation League (ADL) ihre «Never is Now»-Konferenz abhält, konzentrieren sich ihre Agenda und ihre Veröffentlichungen unverhältnismässig stark auf die Linke. Unsere Gemeinschaft muss sich ernsthaft einer Selbstreflexion unterziehen und ihren Kurs ändern.

Es ist schockierend, wie weit verbreitet antisemitische Ansichten unter jungen Konservativen sind, darunter viele, die für die Regierung arbeiten. Eine Studie des konservativen Manhattan Institute vom November 2025 ergab, dass «fast vier von zehn Mitgliedern der aktuellen GOP glauben, die Geschehnisse des Holocaust Heutzutage sei stark übertrieben werden oder nicht so stattgefunden haben, wie Historiker es beschreiben». Vor allem jüngere Männer vertreten diese Meinung. In einer anderen Umfrage stimmten 64 Prozent der jungen Konservativen im Alter von 18 bis 34 Jahren mindestens einer antisemitischen Aussage zu.

Eine weitere erschreckende Beobachtung stammt von dem amerikanischen Schriftsteller und Journalisten Rod Dreher, welcher berichtete, dass «zwischen 30 und 40 Prozent» der jungen Republikaner in Washington Fans von Nick Fuentes seien. Selbst junge Christen würden «bis zum Hals im Antisemitismus» stecken und nutzten ihn als sozialen Lackmustest.

Dreher kommt zu dem Schluss, dass die «Groyper» real sind und konservative Netzwerke erheblich unterwandern. Groyper ist die Selbstbezeichnung einer Bewegung rechter und christlicher Nationalisten, die Nick Fuentes folgen. Irrationaler Hass auf Juden ist ein zentraler Kern ihrer Überzeugungen.

Gewiss gibt es auch auf der Linken Antisemitismus. Aber es gibt nichts Vergleichbares zum Ausmass des rechten Antisemitismus und dessen Nähe zu politischer Macht. Ein paar Beispiele zeigen dies sehr deutlich: Kingsley Wilson, Pressesprecherin des Verteidigungsministeriums, verbreitete eine alte antisemitische Lüge über Leo Frank, welcher 1913 von einem antisemitischen Lynchmob umgebracht wurde. Für ihre Aussagen im Netz erhielt sie Zuspruch. Paul Ingrassia, amtierender Generaljustiziar, äusserte Sympathien für rechtsextreme Positionen und bezeichnete Nick Fuentes als «echten Dissidenten».

Auch offizielle Social-Media-Konten staatlicher Institutionen verbreiten wiederholt Slogans aus neonazistischen Kontexten. Ebenso zeigen Chatgruppen der Young Republicans regelmässig offenen Rassismus und antisemitische Inhalte, einschliesslich Witzen über Gaskammern. Und dies berücksichtigt noch nicht einmal Aussagen von Elon Musk.

Es gibt jüdische Stimmen auf der rechten Seite wie Laura Loomer und Ben Shapiro, doch ihre Existenz beseitigt das Problem nicht und führende Republikaner haben Forderungen, Antisemiten auszugrenzen, ausdrücklich zurückgewiesen. Bei diesen Beispielen geht es nicht um Einzelfälle. Es handelt sich um einen systemischen Trend im Kontext von Ethnonationalismus, christlichem Nationalismus und einer «America First»-Politik. Antisemitismus ist kein Nebeneffekt, sondern ein integraler Bestandteil dieser Entwicklung.

Antisemitismus ist auch ein fester Bestandteil des rechten Internets. Prominente Plattformen bieten Verschwörungstheoretikern Raum, die behaupten, Juden kontrollierten Medien oder würden den Holocaust instrumentalisieren. Rechter Antisemitismus ist Teil der digitalen Alltagskultur.

Doch die ADL ist zu sehr damit beschäftigt, sich auf die Linke zu konzentrieren. Warum ist das so? Ein Grund liegt in den Prioritäten proisraelischer Spender, die Ressourcen auf Themen lenken, die sie persönlich betreffen, statt auf die grössten Bedrohungen. Kritik an Israel wird häufig pauschal als Antisemitismus gewertet, was die Prioritäten verzerrt. Zweitens sind viele Spender politisch rechts orientiert oder unterstützen die israelische Regierung stark. Die Vorteile dieser Nähe scheinen für sie die Risiken zu überwiegen. Drittens fehlt vielen Entscheidungsträgern das Verständnis für Online-Kulturen, in denen sich Antisemitismus rasant verbreitet. Begriffe, Codes und Plattformen bleiben ihnen oft fremd.

Antisemitismus ist online allgegenwärtig und wird durch Algorithmen verstärkt. Phänomene wie QAnon zeigen, wie schnell sich solche Inhalte in den Mainstream verschieben können. Die ADL weiss über diese Entwicklungen Bescheid, doch ihre Prioritäten spiegeln dies nicht wider. Die Bedrohung von rechts wird systematisch unterschätzt.

Rabbi Jay Michaelson ist Kolumnist bei «The Forward» und Autor der Kolumne «Both/And with Jay Michaelson». Er hat zehn Bücher verfasst und wurde 2023 von der New York Society for Professional Journalists für seine Beiträge ausgezeichnet.

Jay Michaelson