standpunkt 12. Jul 2019

Kein Vergleich zum Sommer 1982

Ein Sommer hat sich bei mir ganz besonders eingeprägt: jener von 1982. Vor 37 Jahren marschierte Israels Armee Zahal in den Libanon ein. Das erklärte Ziel der «Schalom legalil» – «Frieden für Galiläa» –genannten militärischen Operation war schon nach wenigen Tagen erreicht: Ein 40 Kilometer tiefer Sicherheitskordon, der den Norden Israels vom Terror der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) mit den regelmäs­sig abgeschossenen Katjuscha-Raketen befreite. Doch der erste Libanon-Krieg dauerte länger. Und endete in der Erinnerung vieler mit einem Mitte September 1982 von christlichen, mit Israel verbündeten Milizen angerichteten Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila. Zahal war dann längst in Beirut einmarschiert und hatte die PLO mit ihrer Galionsfigur Yasser Arafat übers Meer nach Tunesien vertrieben.

Bis heute ist nicht geklärt, wie es die inzwischen verstorbenen israelischen Verantwortlichen Menachem Begin (Ministerpräsident), Ariel Sharon (Verteidigungsminister) und Rafael Eitan (Generalstabschef) geschafft hatten, den Kollegen im Kabinett, den Angehörigen von Zahal und dem Rest der Welt das wahre Kriegsziel zu verheimlichen – die Vertreibung der PLO aus dem nördlichen Nachbarland.

Fakt ist: Menachem Begin war nach dem Libanon-Krieg ein gebrochener Mann und trat ein Jahr später mit den Worten «eni jachol od» – «ich kann nicht mehr» – zurück. Fast 700 gefallene israelische Soldaten und Tausende von toten libanesischen Zivilisten waren für den emotional veranlagten und seit November 1982 verwitweten Ministerpräsidenten des Schlechten zu viel. Mit diesem Schlechten musste es sich leben lassen. Im Heiligen Land und in der Diaspora.

Israel, einst der bewunderte David, war 1982 in der allgemeinen Wahrnehmung endgültig zum rücksichtslosen, aggressiven Goliath verkommen. Die im Prinzip unbestrittene – militärisch beschränkte – Aktion im Zedernland wurde zur Makulatur. Nicht nur Begin stürzte in eine Krise, das Land erlebte 34 Jahren nach der Staatsgründung eine äusserst aufwühlende Zeit. Der Riss durch die israelische Gesellschaft zeigte sich vor allem in der Friedensbewegung «Frieden jetzt», die gegen den Libanon-Krieg protestierte und den Rückzug der israelischen Truppen verlangte. «Frieden jetzt» organisierte die bis heute grösste Demonstration im Land, als am 25. September 1982 vor dem Rathaus in Tel Aviv 400 000 Menschen zusammenströmten. Dem demokratischen Charakter des Staates ist es zu verdanken, dass die tief geschlagenen Wunden nach und nach heilen konnten. Da gab es auch die mutig wahrgenommene Möglichkeit eines Obersten, sich während der militärischen Operation eines Befehls zu widersetzen. Eli Geva liess seine Panzerbrigade erst gar nicht in Beirut einfahren. Er musste in der Folge den Dienst quittieren. Da gab es jene israelischen Bürgerinnen und Bürger, die jeden Tag die Zahl der in Libanon getöteten Soldaten vor Begins Amtssitz in Jerusalem angeschlagen hatten. Da gab es die von der Regierung am 28. September 1982 eingesetzte Kahan-Kommission, welche zu untersuchen hatte, wie es unter den Augen von Zahal zum Gemetzel in Sabra und Schatila kommen konnte. Die Kommission machte Sharon indirekt verantwortlich. Er musste als Verteidigungsminister zurücktreten. Da gab es den Künstler Ari Folman, der mit seinem packenden dokumentarischen Trickfilm «Waltz With Bashir» sein Kriegstrauma als Soldat in Libanon verarbeitete.

Verglichen mit den damaligen und darauf folgenden Ereignissen ist heute fast so etwas wie Ruhe ins Land eingekehrt. Keine Intifidas, keine Terrorwellen mehr. Ironie der Geschichte: Für die derzeitige Ruhe ist genau jener entlassene Verteidigungsminister aus dem Jahr 1982 verantwortlich. Ariel Sharon hatte vor 37 Jahren die trügerische Vision eines befriedeten Küstenstreifens vom ägyptischen Alexandria bis zum libanesischen Tripoli. Deshalb war für ihn das Kriegsziel 1982 von Anfang an, die PLO auszuschalten. Allerdings hatte Sharon das in der Folge entstandene Vakuum nicht antizipiert. Mit der Hamas in Gaza und der Hizbollah in Libanon sind Nachfolge-Organisationen entstanden, die Israel gegenüber noch unversöhnlicher als die PLO unter Arafat auftreten.

Mit der Errichtung einer Mauer hatte Sharon den später während seiner Zeit als Ministerpräsident aufgeflammten tödlichen Terror nachhaltig eingedämmt. Mit dem Rückzug und der Räumung von Gaza hatte er bewiesen, dass es ihm ernst war mit Konzessionen im Hinblick auf eine Zweistaatenlösung. Diese ist heute weiter entfernt denn je. Aber es lässt sich in Israel derzeit so gut leben wie noch nie. Trotz Hamas-Raketen aus Gaza, trotz Hizbollah-Gefahr in Libanon, trotz iranischer Präsenz in Syrien, trotz zweier nötig gewordener Neuwahlen innerhalb von nur fünf Monaten. Alles kein Vergleich zum Sommer 1982.

Roger Weill war in den 1990er-Jahren Redaktions­leiter des «Israelitischen Wochenblatts» und der 
«Jüdischen Rundschau».

Roger Weill