Talmud heute 19. Jun 2026

Katars Lektion in der 94. Minute

Die ganze vergangene Woche war ich traumatisiert vom späten Ausgleich Katars gegen die Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-Weltmeisterschaft (WM). Die hochfavorisierte Schweiz war überlegen, mit 70 Prozent Ballbesitz und 26 Torschüssen. Sie führte 1:0 und hätte schon zur Pause 5:0 führen müssen. Aber das zweite Tor wollte nicht fallen, man wähnte sich in Sicherheit und dachte, den knappen Vorsprung über die Zeit schaukeln zu können. Die arabischen Aussenseiter schnupperten zunehmend an der Sensation; und tatsächlich, in der vierten Minute der Nachspielzeit schlug es im Schweizer Tor ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel: der unfassbare Ausgleich Katars, sein erster Punkt in der WM-Geschichte!

Je mehr ich über dieses Fussballspiel reflektiere, desto stärker realisiere ich, wie weise unsere Weisen waren. Die Realität, dass man sich zu früh freuen und seinen Vorteil in der letzten Sekunde verspielen kann, widerhallt nämlich sowohl in biblischen als auch in talmudischen Quellen:

Das wohl prägnanteste biblische Äquivalent zur Fussballweisheit «Juble nicht vor dem Schlusspfiff» ist: «Wer den Panzer anlegt, rühme sich nicht wie der, der ihn ablegt» (1 Könige 20:11). Der biblische Hintergrund ist folgender: Ben-Hadad, der mächtige König von Aram, belagerte Samaria mit einer gigantischen Armee von 32 Königen. Er war sich seines Sieges so sicher, dass er an Achav, den König Israels, eine arrogante Botschaft schickte. Er prahlte, dass seine Armee so riesig sei, dass der Staub von Samaria nicht einmal ausreichen würde, um die Hände all seiner Soldaten zu füllen. Daraufhin entgegnete ihm König Achav die oben zitierte Antwort. Mit anderen Worten: Feiere nicht, wenn du die Rüstung vor der Schlacht anziehst, als hättest du sie nach dem Sieg schon abgelegt. Dann war der «Spieltag» angesagt: Ben-Hadad war sich so siegessicher, dass er mit seinen verbündeten 32 Königen in den Zelten sass und sich betrank (20:16). Völlig unerwartet startete eine kleine, junge Eliteeinheit Israels einen Überraschungsangriff «und ein jeder schlug seinen Mann, so dass die Syrer flohen und Israel ihnen nachjagte. Ben-Hadad aber, der König von Syrien, entrann auf einem Pferd mit den Reitern» (20:20). Die Schweizer Nationalspieler liefen gewissermassen in Ben-Hadads Fussstapfen und müssen sich die Kritik der Überheblichkeit ankreiden lassen. Der katarische Überraschungsangriff kurz vor Schluss liess nicht lange auf sich warten, und prompt fiel der schmerzhafte Gegentreffer in der 94. Minute.

Eine weitere Quelle, die mit dem unverhofften Katar-Coup korrespondiert, rankt sich um die Gestalt König Hiskijas: «Selbst wenn ein scharfes Schwert am Halse liegt (...)». Dieser wurde todkrank, worauf ihm der Prophet Jeschajahu alles andere als gute Nachrichten zu vermitteln hatte: «So spricht der Ewige: Bestelle dein Haus; denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben!» (2 Könige 20:1). Gemäss dem Talmud weigerte sich Hiskija jedoch, dieses Urteil als endgültig zu akzeptieren. Er sagte zum Propheten: «Sohn des Amos, beende deine Prophezeiung und geh! So wurde mir aus dem Hause meines Ahnherrn überliefert: Selbst, wenn ein scharfes Schwert am Hals eines Menschen liegt, soll er sich nicht vom Gebet um Erbarmen abhalten lassen» (Berachot 10a). Hiskija sollte recht behalten. Er gab nicht auf und warf Körper und Seele in das Gebet: «Er aber wandte sein Angesicht gegen die Wand, betete zu Gott und sprach: ‹Ach, Ewiger, gedenke doch, dass ich in Wahrheit und von ganzem Herzen vor dir gewandelt und getan habe, was gut ist in deinen Augen!› Und Hiskija weinte sehr» (20:2–4). Gott konnte beim Anblick dieser echten Tränen nicht gleichgültig bleiben. «Als aber Jeschajahu noch nicht zur mittleren Stadt hinausgegangen war, erging das Wort Gottes an ihn und sprach: ‹Kehre um und sage zu Hiskija, dem Fürsten meines Volkes: So spricht der Ewige, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet erhört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund machen (...)›» (20:4-5). Auch die katarischen Fussballer hatten das Schweizer Messer am Hals. Aber sie gaben nicht auf, warfen alles in den letzten Angriff und wurden belohnt.

Die dritte Quelle entstammt dem Mischna-Traktat Awot und war eines der Bonmots des Gelehrten Rabban Gamliel: «Glaube nicht an dich selbst bis zu deinem Todestag» (Sprüche der Väter 2:4). Auf unsere WM-Party übertragen würde dies bedeuten: Wähne dich nicht in Sicherheit bis zum Schlusspfiff! Die Eidgenossen haben diese Warnung leider nicht zu Herzen genommen. Niemand, in keinem Stadium und in keinem Stadion, ist vor einer dramatischen Wendung im letzten Moment sicher. Im allerletzten Spielzug Katars fehlte bei den Schweizern die nötige Disziplin. Man liess den Gegner gewähren und prompt fiel der Ausgleich. Alle bis anhin erreichten Errungenschaften waren dahin.

Retrospektiv muss ich der katarischen Fussballnationalmannschaft eigentlich dankbar sein. Dank ihr verstand und verinnerlichte ich bis in mein Knochenmark wegweisende ethische Botschaften, die sich in Bibel und Talmud verbergen und die ich bis zu jenem ärgerlichen Ausgleich in der 94. Minute kaum ernst genommen habe. Ach, dieses blöde Gegentor!

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn