Auf der Rangliste des «World Happiness Report» für 2025 steht Israel interessanterweise sehr weit oben. Trotz Kriegen, Terroranschlägen, dauerndem Stress, Raketenangriffen, Bombardierungen, Evakuierungen, Militärdienst, steter Bedrohung, internen Meinungsverschiedenheiten und internationalen Verurteilungen. Trotz allem ist Israel auf dieser Rangliste ganz oben, auf Rang acht. Vor der Schweiz (Rang zehn), weit vor den USA (23), England (29), Frankreich (35) und Italien (38).
Etwas in diesem – unserem – Land bewirkt offensichtlich, dass wir hier in Israel trotz allem glücklicher sind als in vielen anderen Ländern.
Die Gründe für dieses Glück, für diese Zufriedenheit und für diese Lebensfreude werden wohl vielfältig sein. Bei einem genaueren Blick auf die Daten des «World Happiness Report» sticht aber sofort hervor, dass vor allem in Bezug auf die «positive emotions» ein riesiger, signifikanter und bemerkenswerter Unterschied zwischen Israel und den allermeisten anderen Ländern besteht.In diesem Unterschied findet sich überraschenderweise ein direkter Zusammenhang zu unserer Parascha. An einer Stelle unseres Wochenabschnittes schreibt die Thora Aharon und seinen Söhnen – das heisst den «kohanim», den Priestern – vor, das Volk zu segnen: «So sollt ihr die Kinder Israels segnen (…): ‹Der Herr segnet und behüte dich› (…)» (4. B. M. 6, 23 ff.) In diesem Segen wünscht der Kohen jedem einzelnen im Volk, Gott möge ihn segnen und schützen, möge ihm wohlgesinnt sein und ihm Frieden geben.
Der Priester-Segen, «birkat kohanim», war integraler Bestandteil des Tempeldienstes in Jerusalem, solange der Tempel noch stand. Er ist aber bis heute auch Teil des täglichen Gebetes ausserhalb des Tempels. «Birkat kohanim» wird jeden Tag im Morgengebet gesprochen, am Schabbat und den Feiertagen auch im Mussaf-Gebet, und an Jom Kippur auch im Neila-Gebet.
Der Schulchan Aruch widmet den Vorschriften von «birkat kohanim» mehrere «simanim» («Paragraphen»), die genau festlegen, wie, wann, wo und von wem der Segen heute gesprochen wird (Orach Chaim §128 ff.). Im Schulchan Aruch selbst und in den Ergänzungen des Rema (Rabbi Mosche Isserles, 1525–1572) zum Schulchan Aruch finden sich hier einige Vorschriften, die uns zum Report zurückführen.
Der Schulchan Aruch hält fest, dass ein trauernder Kohen, ein Priester während der «schiwa», während der ersten Woche nach der Beerdigung eines nahen Verwandten, nicht «duchenen», also keinen Priestersegen, erteilen darf. Um den «birkat kohanim» geben zu können, muss der Kohen in einer freudigen Stimmung sein (ibid. Seif 43).
In diesem Kontext ergänzt der Rema, dass es in der Diaspora nicht üblich ist, täglich den Priester-Segen zu sprechen, sondern nur an den Feiertagen. Der Grund, den er dafür angibt, ist, dass im täglichen Leben ausserhalb von Israel kein Gefühl der Freude aufkommen kann, da die Juden da «mit Gedanken um ihr Überleben beschäftigt und belastet sind» (ibid. Seif 44).
Leider befinden wir Juden uns heute in vielen Ländern ausserhalb von Israel wieder in der Situation, die der Rema hier beschreibt. Die Lebensqualität und die Lebensfreude sind durch den wieder neu aufkommenden Antisemitismus, durch die Demonstrationen gegen Israel und vor allem durch die Angst vor physischen Angriffen enorm vermindert. Viele Juden weltweit fragen sich, ob sie weiterhin in ihrem Diaspora-Land bleiben oder nach Israel auswandern wollen.
Denn in Israel sind wir zu Hause. Wir kehren in unser Land zurück und sind wieder unter uns. Wir haben unsere eigene Regierung, unsere eigene Armee und können uns nun endlich wieder verteidigen und für unser Überleben kämpfen. All das verbindet uns hier sehr, gibt uns ein neues Lebensgefühl und stimmt uns sehr freudig. Das ist der Grund, warum wir in Israel täglich den «birkat kohanim» vornehmen. Und das wird einer der hauptsächlichsten Gründe sein, warum wir im «World Happiness Report» so weit oben zu finden sind.
In Israel können wir unsere positiven Gefühle wieder entwickeln. Gefühle der Zusammengehörigkeit, der tiefen gegenseitigen Verbindung. Gefühle der Freude und des Glücks, weil wir nun endlich wieder in der Lage sind, für unsere jüdische Zukunft kämpfen zu können und uns, wie im «birkat kohanim», wünschen können, hier zusammen in Frieden zu leben.
Sidra Nasso
29. Mai 2026
Israelische Lebensfreude
David Bollag