standpunkt 15. Mär 2019

Feminismus als Purimlektion

Purim ist ein ausgelassenes Fest, Trinken und Brüche mit Regeln und Anstand gehören dazu. Aber das Buch Esther erzählt eine traditionelle Geschichte, die Frauen nur mit den schädlichsten Stereotypen zeichnet. Dies gilt zumindest auf den ersten Blick insbesondere für die Darstellung der Königinnen Esther und Waschti. In der traditionellen Lesart der Purim-Geschichte kann die bescheidene Königin Esther (ihr Name bedeutet «versteckt») das jüdische Volk durch ihre milde Art und Annahme ihres Schicksals retten. Die energische Königin Waschti ist ihr Gegenpol. Sie ist in einem ungünstigen Moment offenherzig und muss dann die Konsequenzen tragen.

An Purim erntet Königin Waschti dadurch traditionell nur eine kurze Erwähnung, bevor sie schnell verbannt (oder je nach den Interpreten getötet) wird. Doch zuvor wird sie noch wegen Ungehorsams gegen den persischen König Achaschwerosch denunziert. Wir wissen nur, dass Waschti schlecht, böse, mutwillig oder ungehorsam war. Aber wir halten niemals inne, um nach der genauen Natur ihres Ungehorsams zu fragen. Dann greift auch schon Esther, das Gegenteil der unfolgsamen Waschti, in das Geschehen ein und rettet den Tag. Doch wie sehr traditionelle Interpretationen Waschti auch verunglimpfen, so hat die «böse» Königin doch etwas Ermutigendes an sich. Anstatt über Waschtis Rolle hinwegzugehen oder sie einfach als «die böse Königin» zu betrachten, sollten wir sie feiern und als Beispiel für eine starke Frau hochhalten. Eine Frau, der nicht davor bange ist, sich selbst zu behaupten – und dies nicht einmal vor einem König.

In Wahrheit verkörpern Esther und Waschti beide eine Lektion der Ermächtigung für Frauen, die nicht positiver sein könnte: Nur wenn wir den freien Willen ausüben, werden wir wirklich frei von der Gewalt des Patriarchats sein. Um Waschti zu verstehen, müssen wir uns daran erinnern, dass ihr Ungehorsam in ihrer Weigerung lag, vor dem König mit nur einer Krone auf dem Haupt zu tanzen. Dies hat der trunkene König nach sieben Tagen Feiern von ihr verlangt. Waschtis Ablehnung hat Achaschwerosch verärgert.

Es scheint, dass Waschti von den männlichen Würdenträgern um sie herum so gefürchtet wurde, dass sie verbannt wurde. Damit sollte sie gehindert werden, andere Frauen dazu anzustiften, den Männern in ihrem Leben ebenfalls nicht zu gehorchen. Waschtis Macht war greifbar. Sie hat sich nicht einmal vor einem König verbeugt und trat für sich und ihre Würde ein. Waschti wurde als eitle, selbstsüchtige Frau betrachtet, die nur an ihrer eigenen Schönheit interessiert war. Einige Kommentatoren sagen, dass sie in früheren Fällen zum Tanzen bereit gewesen war, aber diesmal aufgrund der Lepra rebellierte. Dies mutet jedoch keineswegs stimmig an. In dem kritischen Moment dieser Geschichte hat Waschti eine Entscheidung getroffen. Und hielt sie daran fest.

Diese Episode ist sicherlich ein Beispiel, dem wir als Frauen folgen sollten. Selbst angesichts der anfänglichen Vereinbarung haben wir immer das Recht und die Macht, unsere Meinung zu ändern und unser Wohlbefinden in einer Situation neu zu bewerten. Waschti ist die menschliche Verkörperung dieser Wahl und dieser Macht.

Dies soll die Rolle von Esther in der Purimgeschichte oder ihre aus feministischer Warte positiven Qualitäten nicht schmälern. Esther wächst dagegen über ihre angeborene Unterwürfigkeit hinaus und wird zur Heldin. Dabei befand sie sich sicherlich in einer schwierigen Lage. Sie weiss, dass sie eine als eigensinnig und ungehorsam charakterisierte Königin ersetzen soll. Und sie tritt in die Geschichte nicht nur als Ersatz für die ehemalige Königin, sondern auch als Kritik an sämtlichen Qualitäten ihrer Vorgängerin ein. Am Ende wird Esther durch Gehorsam und Passivität gerettet. Aber ihre heroische Tat wird erst dadurch möglich, dass sie diese Qualitäten als Maske benutzt.

Bis sie diese Eigenschaften bewusst ins Spiel bringen kann, muss Esther eine erhebliche Entwicklung leisten. Sie beginnt die Geschichte als unglaublich unterwürfige Figur. Dies gilt für ihre Hinnahme der Edikte des Königs, aber auch für ihren Alltag mit Mordechai. Erst als sie zwischen die konkurrierenden Forderungen beider Männer gerät, befreit sich Esther und findet ihre eigene Stärke. Um dies zu tun, muss sie den strengen Brauch, erst dann «zum König zu gehen, wenn dies verlangt wird», mit der Aufforderung von Mordechai in Einklang bringen, vor den König zu treten und für die Juden zu plädieren.

Die Wahrheit sieht jedoch so aus, dass es nicht nur einen bestimmten Weg gibt, eine starke, feministische Figur zu sein. So kann Waschtis Schroffheit ebenso als Vorbild für heutige Frauen dienen wie Esthers Rücksicht und Takt. Es ist genau dieses Vorgehen, das die beiden Frauen auf eine Art und Weise verbindet, die wir oft übersehen. Waschtis Verbannung ging direkt aus Folge ihrer Entscheidung hervor, nicht vor dem König zu erscheinen. Esthers Triumph bestand darin, dass sie vor dem König erschien, ohne gerufen worden zu sein. Nun kann man zwar behaupten, dass Esther Anweisungen folgte, als sie auf den Wunsch Mordechais für die Juden eintrat. Aber sie tat sie dies auf ihre eigene Weise: Sie entwickelte einen Plan, ergriff die Initiative, setzte ihre eigenen Fähigkeiten und ihr Urteilsvermögen ein. So brachte sie die Situation schliesslich unter Kontrolle und wurde zur Retterin.

Es ist wahr, dass Esther in vielerlei Hinsicht die Heldin dieser Geschichte ist. Aber sie konnte dies erst werden, nachdem sie ihre Qualitäten als mutige, selbstbewusste Frau wiederentdeckte, die sie zuvor mit solcher Anstrengung unterdrückt hatte. So bilden Waschti und Esther in letzter Konsequenz keine polaren Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Beide verkörpern die Stärke und den Mut, die wir uns als Frauen aneignen und weiter tragen wollen. Dabei ist es zweitrangig, dass die Manifestation dieser Qualitäten ebenso unterschiedlich ist wie der Weg, auf dem Königinnen dazu gelangt sind.

Emily Ray Baraf ist Journalistin und lebt in New York.

Emily Ray Baraf