sidra nitzawim/wajelech 04. Sep 2026

Einfache Juden

Der Chassidismus, eine ganz neue Bewegung im Judentum des 18. Jahrhunderts, hat sich in kurzer Zeit und mit grosser Geschwindigkeit in fast ganz Osteuropa verbreitet. Einer der Hauptgründe für diese überraschend schnelle Verbreitung lag darin, dass der Chassidismus auch einfache Menschen angesprochen hat. Während vor der Zeit des Chassidismus nur gelehrte und reiche Juden für wichtig galten und Anerkennung fanden, hat der Chassidismus bewusst auch einfache Menschen angesprochen und ihnen grosse Wichtigkeit beigemessen.

Der Chassidismus vertritt die Ansicht, dass jeder Jude von Wichtigkeit ist, unabhängig davon, ob er gut lernen kann oder nicht, unabhängig davon, ob er reich ist oder nicht. Jeder Jude kann auf seine persönliche Art Gott dienen und kann ein reiches, erfülltes, religiöses jüdisches Leben führen. Das hat weite Kreise des Judentums angesprochen und dem Chassidismus zu grosser Verbreitung verholfen.

Um auch einfache Juden gut erreichen zu können, um die geistigen Inhalte des Judentums auf einfache Art verständlich zu machen, hat es sich im Chassidismus unter anderem verbreitet, dass Geschichten erzählt werden. Die chassidischen Rebbes bringen den Chassidim die Thora auch dadurch bei, dass sie ihnen Geschichten erzählen. Diese Geschichten illustrieren die abstrakten Inhalte des Judentums auf konkrete Art und machen sie dadurch gut und leicht verständlich.

In der reichen chassidischen Tradition finden sich Geschichten zu sehr vielen Teilen und Abschnitten der Thora. Es soll hier eine Geschichte erzählt werden, die sich auf unsere Parascha bezieht, die gleichzeitig aber auch die Wichtigkeit, die der Chassidismus jedem Juden beimisst, auf eindrückliche Weise zum Ausdruck bringt.

Ein Chassid namens Munja Monisohn, ein reicher Diamantenhändler, hat einmal seinen Rebben, den Rebbe Raschab von Lubawitsch (1860–1920), besucht. Der Chassid wusste, dass sein Rebbe die einfachen Leute sehr schätzte und lobte, und fragte ihn deshalb, warum er denn daraus eine so grosse Geschichte mache, warum ihm das so wichtig sei. Der Rebbe antwortete ihm, dass sich in den einfachen Menschen viele gute Eigenschaften fänden und sie alle sehr wertvolle Menschen seien. Der Chassid erwiderte, dass er das nicht sehen könne.

Der Rebbe schwieg dazu nur, fragte den Chassid aber, ob er seine kostbaren Diamanten mit sich gebracht habe. Monisohn antwortete, er habe sie bei sich, und breitete sie stolz vor dem Rebben auf einem Tisch aus. Dabei wies er auf einen besonders wertvollen Diamanten hin und sagte: «Dieser Diamant ist etwas ganz Ausserordentliches.» Der Rebbe erwiderte darauf, dass er das nicht sehen könne. Da wandte sich der Chassid an seinen Rebben und sagte, man müsse eben etwas von Steinen verstehen, um sehen zu können, wie wertvoll ein Diamant sei.

«Auch jeder Jude ist etwas ganz Ausserordentliches und besonders Wertvolles», sagte darauf der Rebbe; «man muss aber etwas von Menschen verstehen, um es sehen zu können.»

Mit dieser leicht verständlichen Geschichte illustriert die chassidische Tradition ihre zentrale Auffassung, dass jeder Jude, sei er auch ein noch so einfacher Mensch, in ihren Augen von grosser Wichtigkeit ist, wertvoll ist und Wertschätzung verdient. Doch was hat das nun mit unserer Parascha zu tun?

Die chassidische Geschichte wird in direkten Zusammenhang mit unserer Parascha gebracht. Zu Beginn unserer Parascha, die Teil der langen Abschiedsrede von Mosche vor dem Volk ist, richtet sich Mosche an das ganze Volk: «Ihr steht heute alle vor Gott.» (5. B. M. 29, 9) Um zu betonen, dass er sich an das gesamte Volk richtet, erwähnt er die verschiedensten Teile des Volkes. Er nennt die führenden Personen, die Stammesältesten, die Weisen, Frauen, Kinder, wie auch die Fremden im Volk. Ganz speziell aber erwähnt er die Holzfäller und die Wasserschöpfer (ibd. Vers 9 f.).

In den Augen des Chassidismus ist dies ein klares und direktes Zeichen dafür, dass Mosche hier sehr bewusst zum Ausdruck bringen will, dass auch und speziell die einfachen Menschen integraler Teil des jüdischen Volkes sind und deshalb direkt angesprochen werden sollen. Mosche ist sich der Wichtigkeit der einfachen Menschen sehr bewusst.

Das bedeutet, dass der Chassidismus uns mit der Geschichte und ihrem Bezug auf unsere Parascha zu verstehen geben will, dass die Wertschätzung der einfachen Menschen nicht erst im Chassidismus entstanden ist, sondern schon bei Mosche zu sehen ist.

Das bestätigt die grundlegende These und Ansicht des Chassidismus, dass er nicht ein neues Judentum schafft, sondern dass er beabsichtigt und es ihm gelingt, die grundlegenden jüdischen Werte, die schon seit Mosche Teil der jüdischen Tradition sind, wiederzuentdecken und im Judentum zu verbreiten.
 

David Bollag