standpunkt 05. Jun 2026

Ein unbeugsamer Einzelgänger

Es war zu vermuten gewesen: Daniel Jositsch gibt nicht auf. Der erfolgreiche Rechtswissenschaftler, Professor und Ständerat hatte die Zürcher Sozialdemokraten zum Offenbarungseid gezwungen – standen sie noch zum erfolgreichsten Ständerat aller Zeiten oder wollten sie ihn loswerden? Das Resultat war äusserst knapp und fiel gegen ihn aus. Aber Jositsch sieht seine Niederlage demokratisch und auch offenbar gelassen: «Es war eine Mehrheit.» Schmerzt ihn der Ausgang der, Berichten zufolge, hitzigen Diskussion? Lakonisch meint er, es sei keine Scheidung. Aber es ist für ihn der Austritt aus seiner Partei. Er kann im Übrigen beurteilen, was er da sagt – eine Scheidung hat er immerhin hinter sich, und auch, was eine Trennung bedeutet, emotional vor allem, weiss er ebenfalls.

Aber einen Jositsch lässt auch eine sozialdemokratische Partei nicht einfach im Regen stehen, auch wenn sie teilweise dies noch so gerne möchte. Diese Woche am Donnerstag, mitten in der Frühjahrssession der eidgenössischen Räte in Bern, tat der kämpferische Einzelgänger, was viele Beobachter vermutet hatten: Er gab seinen Austritt aus seiner Partei bekannt und gleichzeitig seine erneute Kandidatur für den Ständerat, die im nächsten Jahr fällig wird. Beides konnte die Auguren keineswegs überraschen.

Daniel Jositsch hat für sein politisches Mandat sein Pensum als Professor an der Universität Zürich reduziert. Und er hat geschafft, was nicht alle vor ihm schafften – er wurde dreimal im ersten Wahlgang im Kanton Zürich zum Ständerat gewählt. Seine Stimmen betrugen beinahe eine Viertelmillion, was bedeutend mehr war, als die sozialdemokratischen Stimmen ergaben. Die Beliebtheit beim Stimmvolk entsprach jedoch nicht unbedingt seinem Ansehen in der eigenen Partei. Die Sozialdemokratische Partei (SP) des Kantons Zürich glitt mit den Jahren teilweise nach links, was sozialliberalen Politikern wie Daniel Jositsch und vor ihm Mario Fehr nicht entsprechen konnte. Fehr ist in allen Abstimmungen als Polizeidirektor der beliebteste Magistrat des Kantons. Auch er hat die SP verlassen und politisiert seither als Parteiloser. Diesen Weg scheint nun auch Daniel Jositsch zu wählen. Es darf vermutet werden, dass ihm dieser Entscheid bei seiner bisherigen Wählerschaft nicht schaden wird. Es sieht so aus, als werde ihn die Nationalrätin Jacqueline Badran ersetzen. Doch auf ihren Wahlerfolg würden nicht alle Beobachter ihr Geld setzen. Aber dieser Ausgang bleibt abzuwarten.

Jositsch ist ein Politiker des Alleingangs. Zumindest, was seine bisherige Partei betrifft. Das haben ihm, wie sich diese Woche zeigte, viele Genossen übelgenommen, aber Jositsch scheint dies nicht von seinem Weg abzubringen. Er fand auch Zeit, sich im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich zu engagieren.

Der ausgeladene Zürcher SP-Politiker scheint genau zu wissen, was er vorhat. Seine beinahe 100 Delegierten, die im Showdown für ihn stimmten, sieht er im Moment keineswegs als seine für alle Zeiten Verbündeten an. Er scheint erleichtert, dass er für seinen einsamen Wahlkampf nicht mehr an eine Partei gebunden sein wird. Er denkt offenbar bereits jetzt an die kommende Legislatur, die er erneut als Ständerat des Kantons Zürich bestreiten möchte. Wann will er seinen Wahlkampf als Parteiloser beginnen? Jositsch lacht und sagt: «Morgen!»

Gisela Blau ist Journalistin und lebt in Zürich.

Gisela Blau