«So stirbt also die Freiheit. Unter tosendem Applaus.»
George Lucas
Die Kunst also. Sie kann und darf alles sein. Sie kann Schönheit sein, und Utopie, Gegenentwurf, eine Erweiterung der Denkräume oder einfach schlecht. Eines muss sie im Moment aber sein: politisch. Sonst zählt sie nicht, sonst ist sie alt, überholt, sinnlos. Heute scheint sich Kunst Protesten unterordnen zu müssen, gegen die die Stille der Kunst kaum eine Chance hat. Da ist aber auch was los, vor der Tür – Bilder werden mit Zeug bespritzt, um auf irgendetwas hinzuweisen, Aufführungen und Ausstellungen werden niedergebrüllt, ein Publikum an der Kunstbetrachtung gehindert, aber es ist ja für den guten Zweck, gegen Kriege, gegen Umweltzerstörung, gegen schlechte Politik.
Kunst, die in vielen Fällen den Staat ohnehin kritisiert oder von einer besseren Welt erzählt, wird zum Austragungsort von politisch motiviertem Aufruhr. Die Botschaften der Kunst werden von Anliegen, egal welcher Art, unhörbar gemacht. So wird eben oft die Kunst zum Protest, aber in laut.
Oft ist Kunst nun Agitation und Propaganda, Aktionismus und Aufschrei. Sie beinhaltet im Moment entweder moralische Belehrung, inklusive offener Briefe, die man ins All sendet, Statements, öffentliche Theater-Tribunale, Haltung, Glockenschlegel, Kreischen. Die gute aktuelle Kunst grenzt aus, schliesst aus, verhindert. Das muss sie ja, sonst kommt keiner, sonst liest keiner, schaut keiner.
Kunst war schon immer ein einfacher Gegner. Bücher lassen sich verbrennen, Aufführungen niederbuhen, Subventionen wegkürzen. Das ist, was gerade weitgehend von Protesten befreit in den westlichen Ländern passiert.
Kunst ist kaum geschützt. Man kann Bühnen und Lesungen stürmen, man kann Kunst ignorieren und sie leicht zerstören. Kunst, der Austragungsort aller aktuellen Lagerbildungen, kann falsche Haltungen, was auch immer das ist, ignorieren, boykottieren, bis nur noch eine gute Kunst übrigbleibt, die gute Menschen bestätigt, ihre Haltung und Meinung untermauert. Der Heimatfilm der Jetztzeit, die gegenständliche ordentliche Malerei in Zeiten der Dauererregung.
Es ist wohl sehr viel schwieriger, die eigentlichen Verantwortlichen für unsere aktuelle Lage sichtbar zu machen, zu verunsichern, anzuprangern. Die Rüstungsfirmen, die Aktionäre von Kriegsmaterial, Umweltgifte, Produzenten von Plastikverpackungen wie Migros und Coop in unserem Fall, all diese Megamaschinen der Weltzerstörung könnte man anprangern, anschreien. Mit offenen Briefen fluten, wie auch Regierungen, die den ehemaligen letzten Freiraum in unserer überwachten Demokratie – die Kunst – vom Geheimdienst überwachen lassen (wie in Deutschland aufgeflogen) oder in grossem Schwung durch dramatische Budgetkürzungen verunmöglichen, bis nur der Heimatfilm übrigbleibt, das harmlose Musical, der 3D-van-Gogh-Event. Und wenn die Kunst vielleicht verschwunden ist, kaputtdemonstriert und demontiert, das Publikum verschwunden, weil es Kunst mit Netflix verwechselt, wenn nur noch ESC und Heimatfilme die Menschen von all dem Dreck in der Welt der Politik, der Manipulation, der Ausbeutung ablenken, dann wird es den wenigsten auffallen, denn wir werden uns die Freude an Kunst abgewöhnt haben. Wir werden vergessen haben, dass sie der letzte anarchistische Freiraum war.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
29. Mai 2026
Die gute Kunst
Sibylle Berg