Am Schabbat vor Pessach ist es üblich, als Vorbereitung auf das «Fest der Freiheit» eine «Drascha» («Lernvortrag») zu halten, in dem über Pessach gesprochen wird. Es gibt auch einen Brauch, an diesem Schabbat schon einen Teil der Haggada zu studieren, um sich bereits Gedanken zum Seder-Abend zu machen. Deshalb wollen wir uns hier mit einem integralen Teil der Haggada und seiner weit über die Haggada und über Pessach hinausreichenden Bedeutung befassen.
Eine Mischna, die wir während des Seders auch zitieren, schreibt vor, an diesem Abend das Hallel zu lesen beziehungsweise zu singen. Das Hallel besteht aus sechs Kapiteln der Tehilim (Psalmen), den Kapiteln 113–118, und ist primär ein Lob und Dank an Gott. Die Mischna formuliert es so: «Wir sind verpflichtet, demjenigen zu danken und zu loben (…), der uns (…) herausgeführt hat von der Knechtschaft in die Freiheit» (Pesachim 10, 5).
Das Hallel wurde schon zu Zeiten des Tempels an Pessach gesungen, während man das Pessach-Opfer darbrachte und während man es ass. Heutzutage wird das Hallel am Seder-Abend in manchen Gemeinden schon während des Gottesdienstes in der Synagoge gebetet.
Das Hallel des Seder-Abends trägt auch den Namen «ägyptisches Hallel», da zu Beginn des zweiten Abschnittes ausdrücklich vom Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten die Rede ist. Dessen Bedeutung geht aber weit über Pessach und weit über den Auszug aus Ägypten hinaus. Es ist so bedeutend, dass Rabbi Jossi im Talmud erklärt, er wünsche sich, zu denjenigen zu gehören, die «jeden Tag das Hallel sagen» (Schabbat 118b). Der Talmud erläutert dazu, dass damit nicht das ägyptische Hallel gemeint sein kann. Das wäre nicht angebracht, da dieses Hallel für Pessach und andere besondere Tage bestimmt ist. Rabbi Jossi meint damit vielmehr, dass das ägyptische Hallel einen Prozess in uns in Gang setzt, der für jeden Tag unseres Lebens von Bedeutung ist. Das Hallel an Pessach bringt in uns die Fähigkeit hervor, ein Gefühl des Dankes zu entwickeln. Es befähigt uns dazu, danken zu können. Die Erinnerung an den Auszug aus der Knechtschaft in die Freiheit und unser Dank dafür erweitern und vertiefen damit den Blick auf unser menschliches Leben. Deshalb wünscht sich Rabbi Jossi, jeden Tag ein Hallel zu sprechen, jeden Tag Lob und Dank in seinem Gebet zu Gott zum Ausdruck zu bringen.
Der Talmud (ibid.) kommt zum Schluss, dass mit dem «täglichen Hallel» andere Kapitel der Psalmen gemeint sind, und zwar die Kapitel 145 bis 150, «psuke desimra», «Verse des Singens»). Auch diese Kapitel beinhalten primär Lob und Dank an Gott und sind tatsächlich Teil des täglichen Morgengebetes. All diese Kapitel – ausser Kapitel 145 – beginnen und enden mit dem Wort «Halleluja» («Lobet Gott»). «Halleluja» und «Hallel» teilen sich dieselben Stammbuchstaben, wodurch die Ähnlichkeit zum Inhalt des Hallels auch auf diese Art direkt zum Ausdruck kommt. Auch Kapitel 145 – das wichtige und berühmte, sogenannte «Aschre» – beinhaltet einige Worte mit diesen Stammbuchstaben und gehört deshalb auch zu dieser Gruppe.
Das tägliche Hallel und die täglich gesprochenen Psuke desimra führen uns vor Augen, dass die Befreiung aus Ägypten uns dazu ermächtigt hat, das Gefühl der Dankbarkeit in uns zu entwickeln. Dieses Gefühl ermöglicht es uns, zu verstehen, dass unsere Existenz und alles, was dazu gehört, nicht eine Selbstverständlichkeit sind. Erst die Befreiung aus der Knechtschaft durch Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, die volle Bedeutung unseres Lebens zu erkennen und Gott und anderen Menschen dafür dankbar zu sein.
In unserer Generation erleben wir, dass eine andere relevante und interessante Aussage des Talmud zum Hallel zur Anwendung kommt. Im Traktat Pesachim (117b) sagt der Talmud voraus, dass das Hallel auch gesprochen werden wird, «wenn [die Juden in der Zukunft aus dem Exil] erlöst werden». Und wirklich, am Jom Haatzmaut, am Unabhängigkeitstag, der an die Gründung des Staates Israel erinnert, und am Jom Jeruschalajim, der an die Befreiung der Altstadt Jerusalems erinnert, an den Tagen also, an denen wir feiern, dass nun alle Juden der ganzen Welt wieder die Möglichkeit haben, aus dem Exil nach Israel zurückzukehren, an diesen beiden Tagen wird heute das Hallel gebetet.
Die Gründung des Staates Israel ist keine Selbstverständlichkeit. Unser Volk hat 2000 Jahre darauf gewartet. Es ist von grösster und ausserordentlicher Bedeutung, dass wir Juden nun wieder unser eigenes Land haben und jeder Jude, der will, in dieses Land zurückkehren kann. Mit dem Hallel am Jom Haatzmaut und am Jom Jeruschalajim drücken wir aus, dass wir uns dieser Bedeutung voll bewusst und äusserst dankbar dafür sind.
sidra zaw
27. Mär 2026
Die Freiheit, zu danken
David Bollag