Sidra Lech Lecha 23. Okt 2026

Die erste und die zweite Alija

In religiös-zionistischen Kreisen wird oft betont, dass der erste Zionist nicht etwa Theodor Herzl war, sondern rund dreieinhalb Jahrtausende vor ihm Erzvater Abraham. Diese Behauptung wurzelt im Beginn unseres Wochenabschnitts mit Gottes Aufruf «Lech lecha» («geh hinweg»), welcher den Auszug Abrahams aus Charan in die ungewisse, aber von Gott verheissene Zukunft im Lande Kenaan in die Wege leitet.

Ein kleines, aber wichtiges Detail wird dabei jedoch gerne übersehen. Der bombastischen Ouvertüre des Beginns unserer Sidra folgt nämlich rund zehn Verse später eine abrupte Antiklimax: «Es war eine Hungersnot im Land, da zog Abram nach Ägypten hinab, denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land» (1. B. M. 12:10). So schnell? Beim ersten Problem, bei der ersten Hürde, mir nichts dir nichts das Gelobte Land verlassen? Wo ist der religiöse Eifer geblieben, der bei der Alija, der Einwanderung ins Heilige Land, noch so stark zugegen war? So hastig wird Gottes Wille beiseite geschoben?

Wir sind nicht die ersten, denen Abrahams Verhalten fragwürdig erscheint. Bereits Ramban (Nachmanides, 13. Jahrhundert) betrachtete Abrahams Entschluss, das Gelobte Land zu verlassen, als groben Fehler: «Indem er das Land verliess, in welchem Gott ihn zu leben beorderte – selbst wenn es eine Hungersnot gab –, sündigte Abraham, denn Gott hätte ihn vor einer Hungersnot gerettet.» Nicht nur kritisiert Ramban unseren Erzvater vehement wegen scheinbaren Mangels an Gottvertrauen, er sieht in seiner Tat gar den Ursprung für spätere historische Entwicklungen: «Indem Abraham das Land Israel in Richtung Ägypten verliess, besiegelte er das Schicksal seiner Nachkommen, der Kinder Israel, im Exil in Ägypten unter Pharao leben zu müssen.» Diese Anschauung basiert auf dem mystisch-historiosophischen Konzept «maasse awot siman labanim», wonach die Taten der Vorväter ein Vorzeichen für ihre Nachkommen bedeuten.

Wie wir wissen, blieb Abraham nicht für immer in Ägypten. Weitere zehn Verse nach Abrahams «jerida», dem Verlassen des Landes Israel, lesen wir von einem Happy End: «Dann ordnete Pharao seinetwegen Leute an, die ihn, seine Frau und alles, was ihm gehörte, fortgeleiten sollten. Und Abram zog aus Ägypten hinauf (in den Süden Israels) (...)» (12:20; 13:1). Bei der Lektüre dieser Zeilen kann man sich eines Lächelns über den Sinn für Humor der Thora nicht verkneifen. Als nämlich Gott Abraham nach Israel schickt, verlässt dieser das Gelobte Land gleich wieder. Nachdem jedoch der Bösewicht Pharao den Juden aus dem Exil nach Erez Israel vertrieben hat, bleibt Abraham für immer im Heiligen Land. Vielleicht lässt sich dies als halbironischer Hinweis verstehen, dass der beste Garant für eine «gelungene Alija» nach wie vor nicht etwa grosse spirituelle Ideale, sondern Antisemitismus ist.

Wenn wir die beiden Alijot Abrahams, die von Gott initiierte aus Charan und die von Pharao veranlasste aus Ägypten, vergleichen, lässt sich ein wesentlicher Unterschied konstatieren. In Bezug auf die erste Alija heisst es: «Da zog Abram weg, wie Gott es ihm gesagt hatte, und mit ihm ging Lot (...). Abram nahm seine Frau Sarai mit, seinen Neffen Lot und all ihre Habe, die sie erworben hatten (...) und sie wanderten nach Kanaan aus» (12:4–5). Mutet es nicht etwas seltsam an, an welcher Stelle Abrahams Frau Sarah bei diesem Unternehmen figuriert? Erst im zweiten Vers, inmitten des gesamten Anhangs. Dazu heisst es, dass Abraham sie «mitgenommen» hat, zusammen mit seinem Besitz. Wie ein Objekt. Weit vor ihr, zusammen mit Abraham, wird der Neffe und Geschäftspartner Lot erwähnt.

Im Gegensatz dazu heisst es in Bezug auf Abrahams zweite Alija aus Ägypten: «Und Abram zog aus Ägypten hinauf, er und seine Frau, und alles was ihm gehörte, und Lot mit ihm, in den Negev. Abram hatte einen sehr ansehnlichen Besitz an Vieh, Silber und Gold» (13:1–2). Hier sieht die Realität schon ganz anders aus: Sarah wird zuerst und zusammen mit Abraham erwähnt, lange vor Lot, und der Besitz wird erst einen Vers später beschrieben. Es scheint, als ob sich Sarahs Rolle und ihr Status geändert hätten. Nach der ägyptischen Erfahrung war sie nicht mehr ein Objekt, sondern sie hatte sich langsam, aber sicher zur «First Lady» gemausert.

Es mag wiederum einen ironischen Anschein haben, dass Abraham die Eifersucht anderer Männer benötigte, um sich der Grösse seiner Frau erst bewusst zu werden (siehe Vorfälle in Ägypten). Aber ohne diese Erkenntnis wäre die zweite Alija nach Israel ohne jegliche Substanz gewesen. Denn nur mit einem Lebenspartner, den Abraham vollumfänglich als selbständige Persönlichkeit respektierte, nur auf der Basis einer stabilen und harmonischen Beziehung sowie intakter Familienverhältnisse, konnte der zweite Alija-Versuch eine Erfolgsgeschichte werden. Bei der ersten Alija war Abraham durchaus nicht weniger «zionistisch», aber er war auf existenzieller Ebene allein. Da mag es zwar den Neffen Lot gegeben haben, aber es fehlte Abraham eine «eser kenegdo» («ein wahre Teilhaberin»), die ihm gegenüber und an seiner Seite stand und gewillt war, zusammen mit ihm diesen idealistischen Weg in Liebe zu beschreiten.

Es ist schwer für eine Familie, eine grosse Vision zu verwirklichen (und erst recht die zionistische!), wenn der innere Kern der Familie in dieser schwerwiegenden Entscheidung unausgeglichen oder gar zerstritten ist. Wenn man aber den Lebenspartner nicht auf die Alija-Expedition einfach «mitnimmt», sondern diese erhabene Herausforderung Hand in Hand aufgrund einer Beziehung des gegenseitigen Respekts und gemeinsamer Ideale wählt und zusammen meistern will, dann können einem auch die grössten wirtschaftlichen Probleme nichts anhaben.

Den Kern der ersten Alija bildeten die Geschäftspartner Abraham und Lot, mit Sarah unter «ferner liefen». Den Kern der zweiten Alija bildete das Liebespaar Abraham und Sarah, mit dem gesamten Besitz, inklusive Lot als letzte Priorität. Nur die zweite Alija war mit Erfolg gesegnet.
 

Emanuel Cohn