DIE LITERARISCHE KOLUMNE VON SIBYLLE BERG
«Der völlige Verzicht auf Hoffnung ist das, was das Unheil nur beschleunigen kann. Eines der Elemente, die das Unheil verzögern können, ist der Glaube daran, dass es abwendbar ist.»
Hans Jonas
Danach ist man immer schlauer, heisst es. Und es ist falsch, wie viele der alten Kalendersprüche. Danach ist davor und niemand scheint schlau geworden zu sein durch die Fehler, die Menschen machen. Sie werden wiederholt mit immer neuen Finessen, immer schneller aufeinander folgen Kriege, glauben Menschen geschickten Lügen, kommt der Judenhass, der Hass auf alles, was anders scheint und doch aus den gleichen Zutaten besteht, aus den Kellern. In denen liegt sie, die Dummheit, die Bequemlichkeit, und dann, danach, nach dem Krieg, der Katastrophe, nach dem Krieg in Gaza, den Morden der Hamas in Israel, der AfD-Wahl in Deutschland, der Wahl Donald Trumps oder Binyamin Netanyahus, fragen sich viele, wie das nur passieren konnte, was da wieder passiert ist, und Experten erklären, was da passiert ist, und ja, die Politik war schuld oder die Umstände waren es, danke schön, bis nächstes Mal.
Ja, die Politik war falsch, der Kapitalismus war falsch, das und jenes eine dumme Idee, und so rennt der Journalismus den geschaffenen Tatsachen hinterher, und auf jene, die visionär denken, hört keiner. Wissenschafter wie Wilhelm Heitmeyer erforschen den Faschismus und sein unaufhaltsames Erstarken in Deutschland seit 50 Jahren. Er beriet Regierungen, die nicht auf ihn hörten, so wie keiner auf Expertinnen hörte, die vor zehn Jahren vor einer nicht zu bändigenden KI warnten, so wie andere Wissenschaftlerinnen vor der Veränderung des Klimas warnten und wieder andere vor den Folgen von Kriegen, vor der Digitalisierung persönlichster Daten, vor Überwachung wurde gewarnt und vor der zunehmenden Abstumpfung und dem wachsenden Egoismus durch das kapitalistische System und warum gibt es so wenige ernstzunehmende Utopien, die dem kommenden Elend Alternativen entgegensetzen? Aus der Passivität zu treten ist schwierig, denn die Menschen haben so viel zu tun mit ihrem Leben, mit ihrer Familie oder der Einsamkeit, der Angst, dem Geld, dass ihre Kraft nur dazu zu reichen scheint, fassungslos auf Desaster zu starren. Und Kommentare zu lesen, Kommentare zu sehen in Filmen und Theatern, im Fernsehen. Was würde sich ändern, wenn man Utopie in den Schulen lehren würde, in Zeitungen darüber berichten würde, wie man zusammenleben könnte, wozu eine KI in der Lage wäre, wenn man sie selbst entwickeln wollte, wie Schulen und das Gesundheitswesen aussehen könnten, oder der Verkehr, und die Plätze, die den Menschen gehören. Eine Hoffnung könnte das Geben und eine Kraft entstehen, wider all dem Grauen der Dummheit und den Wiederholungen des Unheils.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.