Ronald Lauder übt Kritik an Netanyahu und an Israels Entwicklung.
Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, warnt vor einer Wiederwahl Benjamin Netanyahus und rechnet mit seinem einst engen Freund ab. Im Interview mit «Haaretz» wirft der 82-jährige US-Milliardär dem israelischen Ministerpräsidenten vor, seine persönliche Macht über die Zukunft des Landes zu stellen. «Israel ist eine Demokratie, aber Netanyahu hält sich nicht an die Regeln der Demokratie», sagt Lauder. Was er inzwischen beobachte, erinnere ihn an eine Bananenrepublik.
Lauder kennt Netanyahu seit dessen Zeit als israelischer UNO-Botschafter in den 1980er-Jahren. Er öffnete ihm Türen in die amerikanische Politik und stellte den Kontakt zum Wahlkampfstrategen Arthur Finkelstein her. Zeitweise hätten sie täglich miteinander gesprochen. Nach Netanyahus Rückkehr nach Israel habe sich dieser jedoch verändert: Aus dem offenen Freund sei ein Politiker geworden, der seine Karriere allem anderen unterordne. Auch Sara Netanyahu habe auf eine Distanzierung gedrängt. Vollends zerstört worden sei das Verhältnis durch Lauders Beteiligung am Fernsehsender Channel 10. Laut ehemaligen Beratern des Unternehmers beschwerten sich Netanyahu und sein Umfeld wiederholt über die kritische Berichterstattung.
Besonders schwer wiegt Lauders Darstellung der geheimen Friedensverhandlungen mit Syrien Ende der 1990er-Jahre. Mit Netanyahus ausdrücklicher Zustimmung habe er während zehn bis fünfzehn Monaten zwischen Israel, Syrien und teilweise dem Libanon vermittelt. Gemeinsam mit Hafis al-Assad und dem libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri sei ein Zehnpunkteplan entstanden. Dieser habe einen israelischen Rückzug von den Golanhöhen vorgesehen. Für den Libanon sei vereinbart gewesen, dass die Hisbollah nur noch als politische Organisation bestehen sollte.
Nach Lauders Darstellung waren die Bedingungen mit Netanyahu abgestimmt. Dennoch habe dieser die Unterzeichnung zuletzt davon abhängig gemacht, dass zunächst Ariel Sharon zustimme. «Er hat die Politik dem Frieden vorgezogen. Er hat seine politische Zukunft über das Abkommen gestellt», sagt Lauder. «Er hat mich verraten.» Die beiden einzigen Exemplare der endgültigen Vereinbarung befänden sich in seinem Besitz. Netanyahu hatte früher bestritten, einem Rückzug von den Golanhöhen zugestimmt zu haben. Lauder widerspricht dem ausdrücklich.
Auch heute hält der Unternehmer eine Verständigung mit Syrien für möglich. Er habe Präsident Ahmed al-Scharaa getroffen und glaube, mit ihm ein Abkommen erreichen zu können. Voraussetzung sei jedoch eine israelische Führung, die die Zukunft des Landes an erste Stelle setze. Ohne ein eigenes Territorium für die Palästinenser werde es zudem keinen Frieden in der Region geben.
Mit Blick auf die gegenwärtige Regierung fordert Lauder, rechtsextreme Parteien künftig von der Macht fernzuhalten. Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich hätten enormen Schaden angerichtet. Sollten ihre Parteien erneut an einer Regierung beteiligt sein, sieht er Israels Zukunft düster. Besonders besorgt zeigt sich der langjährige Unterstützer der US-Republikaner über den schwindenden Rückhalt in Amerika: «Ihr habt die Demokratische Partei verloren, und ihr verliert gerade die Republikanische Partei.» Auch jüdische Gemeinden ausserhalb Israels fühlten sich vom Land zunehmend nicht mehr geschützt.
Wenn er in Israel wählen dürfte und sich entscheiden müsste, würde Lauder Gadi Eisenkot unterstützen. Dessen Glaubwürdigkeit schätze er, obwohl er ihn bislang nicht persönlich getroffen habe. Seine verbliebenen Immobilien in Israel habe er inzwischen verkauft oder verschenkt; eine Rückkehr plane er nicht. Dennoch betont Lauder: «Ich bin auch heute noch Zionist, ich liebe Israel immer noch.» Seine Kritik komme «aus Liebe und Sorge». Netanyahu nahm bis zur Veröffentlichung des Interviews nicht Stellung.