Sidra Schemot 09. Jan 2026

Die Achtung des persönlichen Raumes

Mit schwarzem Feuer auf weissem Feuer soll die Thora ursprünglich geschrieben worden sein. Die Räume zwischen den Buchstaben, Worten und Zeilen gehören also genauso zur heiligen Thora, wie der eigentliche Text. Dort haben etwa die kreativen Deutungen Platz, welche das Judentum auszeichnen und einmalig machen. Die Weisen nahmen neue Auslegungen durch ernsthafte Schüler nicht nur billigend in Kauf. Sie waren vielmehr der tiefen Überzeugung, dass sich die Geheimnisse der Thora fortlaufend offenbaren. Sie scheuten selbst vor Interpretationen eines Verses ausserhalb des Kontextes nicht zurück, um eine innovative Lehre zu unterstützen welche darauf abzielt, eines der Grundsätze des Judentums zu veranschaulichen, nämlich: «Die Wege der Thora sind Wege der Lieblichkeit, und all ihre Pfade Frieden.» [Spr 3,17]

Unser Wochenabschnitt erzählt von Moses, der sich beim Berg Horeb fasziniert einem Dornbusch nähert, der in Flammen steht, aber nicht verbrennt. Aus dem Dornbusch ruft Gott ihm zu: «Nähere dich nicht weiter. Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, an dem du stehst, ist heilig» [Ex 3,5]. Natürlich bezieht sich der Ausdruck «Admat Kodesch» – ein Begriff, der kaum zu übersetzen ist und nicht einfach «heiliger Boden» bedeutet – auf den Ort der Offenbarung, den Berg Sinai, wo das jüdische Volk dereinst die Zehn Gebote erhalten würde. Moses soll ehrfürchtig die Schuhe ausziehen, da nicht nur die unmittelbare Stelle der Offenbarung heilig wurde, sondern der ganze Berg, nachdem dort «Gottes Einwohnung auf Erden» («Schechina») erschienen ist [vgl. Nachmanides zur Stelle]. Doch auch ausserhalb des Kontextes, so scheint mir, offenbart Gottes Bemerkung eine kraftvolle Idee. Der Ort, an welchem der Nächste steht, ist heilig und muss respektiert werden, genauso wie ich erwarten darf, dass der Ort, an welchem ich stehe, geachtet wird. Die Heiligkeit des persönlichen Raumes ist als Konzept tief im Judentum verankert und manifestiert sich gleichermassen im kabbalistischen Schöpfungsmythos, in symbolträchtigen Ritualen und in konkreten Geboten.

Die Kabbala erzählt, dass mit der Schöpfung der Welt ein Akt der «Einschränkung Gottes» («Zimzum») einherging. Gott zog sich zurück, um den notwendigen Raum zu schaffen, in dem etwas anderes erst entstehen kann. Unsere Welt ist dieser heilige Raum, den Gott uns als Geschenk überlässt, indem er ein wenig zurücktritt. Dies trifft nicht etwa auf Gottes allgegenwärtige Liebe zu, sondern auf den Gott, der sich in zwischenmenschliche Affären einmischt. Gott ist immer und überall da. Aus Gott heraus entsteht alles. Unser von Gott verliehener freier Wille erlaubt uns allerdings, Elemente der Allgegenwart Gottes aus Bereichen unseres Lebens auszuschliessen. Die Achtung des persönlichen Raumes scheint als Modell für die Beziehung zwischen Menschen überhaupt – ganz besonders zwischen Menschen unterschiedlicher Macht – zu gelten. Man tritt nicht einfach unerwartet in das Haus seines Freundes, ja nicht einmal als Eigentümer in sein eigenes Haus, um die private Sphäre des Nächsten nicht zu verletzen [vgl. Nidda 16b]. Umgekehrt müssen wir den Raum respektieren, den Gott für sich beansprucht. Das Innerste des «Mischkan» («Stiftszeltes»), das Allerheilligste, ist Ausdruck dieses Raumes. Wer diesen Ort zur falschen Zeit, mit der falschen Absicht oder im falschen Kontext betritt, stirbt [vgl. Lev 10,1–2 und II Sam 6,6–7]. Ganz anders verhält es sich mit demjenigen, der von Gott eingeladen wird, das «Mischkan» zu betreten, um den Raum zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu einem bestimmten Zweck zu teilen, wie etwa der Hohepriester am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Genau das ist die Bedeutung des hebräischen Wortes «Mischkan». Es geht um einen Ort, an dem gemeinsam verweilt, kommuniziert und interagiert wird. Dieselbe Wurzel erscheint im Begriff «Schechuna» («Nachbarschaft») und natürlich in «Schechina» («Gottes Einwohnung auf Erden»). Die «Schechina» erscheint immer dann, wenn wir mit Gott oder untereinander eine heilige Kooperation eingehen, etwa, indem zwei Menschen gemeinsam Thora lernen [vgl. Sprüche der Väter 3,2] oder sich liebend begegnen [vgl. Sota 17a]. Entsprechend heisst der Ort, an welchem das «Mischkan» steht, «Ohel Moed», was nichts anderes als «Zelt der Begegnung» heisst. Zeitweilig begegnen wir uns, doch ist dieses Miteinander keine Lizenz dafür, jederzeit und überall einzudringen, wie es mir beliebt. Dieses Verhalten hat nichts gemein mit dem Teilen des Raumes, sondern mit der Eroberung des Raumes. Ich nenne es «Space Invasion», in Anlehnung an eines der ersten Computerspiele überhaupt. Im wahren Leben geht es nicht darum, den anderen einzunehmen. Vielmehr müssen wir immer wieder zurücktreten, um Platz für den Nächsten zu machen. Dieser Respekt macht den Raum zu einem heiligen Raum, unabhängig, ob es sich um einen Tempel, ein Haus, eine Beziehung, unsere Umwelt oder unseren Planeten handelt. Immer, wenn wir uns einschränken, um das Licht eines anderen heller leuchten zu lassen, bauen wir einen «Mischkan».

Die «Chuppa» («Traubaldachin»), unter welcher sich Braut und Bräutigam an einer jüdischen Hochzeit verbinden, symbolisiert dieses Konzept. Der Bräutigam geht seiner Braut entgegen, um sie in seinen Raum zu geleiten. Sie umkreist ihn sieben Mal, um ihn in ihrem Raum willkommen zu heissen. Die «Chuppa» steht auch für den Regenbogen, das Symbol des ersten Bundes des Lebens. Ein Regenbogen besteht aus verschiedenen Farben. Jede einzelne Farbe ist einmalig und steht für sich. Es ist kein Farbengemisch, sondern eine Harmonie der Farben, die irgendwie zusammenzuarbeiten scheinen und gemeinsam ein Muster schöpfen, welches keine der einzelnen Farben für sich allein tun könnte. Die «Chuppa» zeigt, worum es in der Liebe, ja überhaupt in zwischenmenschlichen Beziehungen geht. Nicht um Geben und Nehmen, sondern um Teilen und Annehmen.

So manche Gemeinschaft – jüdische nicht ausgenommen – ist wie ein Dorf und zeichnet sich durch andauernde Space Invasion aus, indem wir tun und lassen, Lebensanschauung und Denkweise des anderen durchleuchten. Eine heilige Gemeinschaft zeichnet sich aber dadurch aus, dass wir die Bedürfnisse und Eigenständigkeit des Nächsten achten und dass wir diese simple und gleichzeitig herausfordernde Regel verinnerlichen: Der Ort, an welchem du stehst, ist heilig.

Michael Goldberger schrieb von 2001 bis 2012 Sidrabetrachtungen für tachles. Erschienen sind diese im Buch «Schwarzes Feuer auf weissem Feuer: Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte», woraus dieser Text stammt.

Rabbiner Michael Goldberger