Talmud heute 01. Apr 2026

Der Dankbarkeitsverstärker

Der Seder, das traditonelle und traditionsreiche Festmahl am ersten Abend des Pessachfestes, hat viele besondere Bräuche. Einer davon ist das Verzehren von «marror», Bitterkraut. Gerne prahlen junge und erwachsene Kinder bezüglich der Menge von «marror», die sie am Sederabend zu verdrücken vermochten. Das Gefühl, wie die Schärfe des Meerrettichs die Mundhöhle bis hinauf zur Nase in Beschlag nimmt, gehört zu meinen penetrantesten Kindheitserinnerungen. Was hat es mit dem «marror» auf sich?

Der Terminus «marror», beziehungsweise dessen Pluralform «merrorim», kommt in der Thora auschliesslich im Kontext des Pessachlammes vor, mit welchem das Bitterkraut gegessen werden soll: «Und sie sollen in derselben Nacht das Fleisch essen, am Feuer gebraten, mit ungesäuertem Brot; mit Merorim, bitteren Kräutern, sollen sie es essen» (12:8). Maimonides (1135-1204) zieht daraus folgende halachische Konsequenz: «Das Essen von Marror ist kein separates biblisches Gebot, sondern es ist an das Essen des Pessachopfers gebunden. Es ist ein biblisches Gebot, das Fleisch des Pessachlamms zusammen mit Matzot und Bitterkraut zu essen. Später wurde durch die Gelehrten verfügt, dass man «marror» an diesem Abend auch alleine essen soll, selbst wenn man kein Pessachopfer hat». Die hauptsächliche «Berufung» des «marror» verwirklicht sich demnach nur, wenn es mit dem Pessachlamm zusammen gegessen wird. Hat man jedoch kein Pessachopfer, was auf unsere Zeit zutrifft, so soll man zwar «marror» alleine essen, man erfüllt damit aber nicht mehr ein biblisches, sondern lediglich ein rabbinisches Gebot. Man rutscht dann sozusagen von der ersten in die zweite Liga ab.

Rabbi Chaim Attar (1696–1743) schreibt in seinem kabbalistisch angehauchten Thora-Kommentar «Or hachajim» («Licht des Lebens») folgenden revolutionären Gedanken zur Bedeutung von «marror»: «Es ist der Wille der göttlichen Weisheit, dass die Israeliten die Grösse und neuerlangte Freiheit betonen sowie die Tatsache, dass niemand mehr über sie herrscht. Dementsprechend ist auch das Gebot zu verstehen, Bitterkraut zu essen, isst man doch normalerweise einen Braten zusammen mit etwas Scharfem, denn dies kommt dem Geschmack der Speise zugute und so wird sie auch der Speisende in vollkommener Freude essen» («Or hachajim» zu 12:8). Rabbi Attar ändert die Sichtweise auf «marror» um 180 Grad. Nicht an die Bitterkeit Ägyptens soll uns das Bitterkraut erinnern, vielmehr soll es das Geschmack des Pessachlamms verbessern, komme es doch «dem Geschmack der Speise zugute», wenn man «einen Braten zusammen mit etwas Scharfem» esse! Die Aufgabe des «marror» ist also analog zu jener des Senfs bei einem Hotdog oder von Meerrettich zu Gefillte Fisch. Sowohl Senf als auch Meerrettich sind alleine eher ungeniessbar. Isst man sie jedoch zusammen mit einem Stück Fleisch beziehungsweise Fisch, dann werden sie nicht nur selber geniessbar, sie werten damit auch den Geschmack der ganzen Speise auf. Diese revolutionäre und doch so einleuchtende Interpretation Rabbi Attars lässt das Gebot des Verzehrs des Pessachlamms mit dem Bitterkraut in einem völlig anderen Licht erscheinen. Das «Menu» des historisch ersten Pessachabends sollte den bis dann versklavten Israeliten die neu erlangte Freiheit nicht nur vor Augen führen, sondern auch buchstäblich durch den Magen gehen lassen. Ein Festmahl sollte es sein, welches die Bitternis der ägyptischen Sklavenschaft in unerkannte Höhen hievt.

Die Aufgabe des «marror» bestand also darin, ein Geschmacksverstärker zu sein. Dies erklärt auch den Usus des alten Mischna-Gelehrten Hillels, der in der Pessach-Haggada unter der Rubrik «Korech» geschildert und nachgeahmt wird: «So tat Hillel zur Zeit, als der Tempel stand: Er nahm das Pessachopfer, Matza und Bitterkraut zusammen und ass sie vereint, um zu erfüllen, was gesagt wird: ‚Mit Matzot und Bitterkraut soll man es essen‘ (4. B.M. 9:11).» Die damalige Matza war - im Gegensatz zur heute verbreiteteten, trockenen und harten «Keks»-Matza - weich, biegbar und flauschig. Das Wort «korech» heisst auf hebräisch «umwickeln» und weist auf ein biegsames ungesäuertes Brot hin, in welchem das Fleisch des Pessachlamms sowie das Bitterkraut zusammengelegt und so gegessen wurde. In diesem «Schwarma-Sandwich» kam die Aufgabe des «marror» als wesentlicher Geschmacksverstärker so richtig zur Geltung.

Mit der Zerstörung des Tempels ging dem «Pessach-Menu» auch dessen Hauptzutat, namentlich das Pessachlamm, verloren. Und so hat sich auch die Natur des «marror» wesentlich verändert. Vom Geschmacksverstärker wurde es zum Kraut der Bitternis. Auf der metaphorischen Ebene steht das Pessachlamm für eine Zeit, in welcher eine unabhängige jüdische Nation mit dem geistigen Zentrum in Jerusalem intakt war. Demgegenüber steht das «marror» für die dunklen Jahre des Exils, deren Bitternis noch manche bittere Tränen leidender Juden hinzugefügt wurden. Wenn man nun

«marror» alleine isst, oder analogerweise – wenn man das Exil separat betrachtet, so ist dies in der Tat eine traurige, bittere, unappetitliche Erfahrung. Isst man jedoch «marror» zusammen mit dem Pessachlamm, odervergisst man in einer Epoche der Erlösung die Jahre des Exils nicht, so würdigt man die nationale und geistige Eigenständigkeit umso mehr – und so schmeckt das Pessachlamm auch besser.

Israel hat in den letzten zweieinhalb Jahren unglaublich viel durchgemacht und viel «marror» gegessen. Aber die Botschaft des «marror» ist eben, dieses nicht separat zu betrachten, sondern in einen Kontext zu stellen. Zweieinhalb Jahre nach dem Angriff der Hamas auf Israel sieht dessen geopolitische Lage unvergleichlich besser aus. Die erlebte Bitternis lässt das gegenwärtige Gefühl der Erlösung vor existenziellen Bedrohungen in einem anderen Licht erscheinen und wirkt nicht nur als Geschmacks-, sondern auch als Dankbarkeitsverstärker.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn