Vergangenen Sonntag frönte ich dem Eskapismus. Während im Norden Israels wegen einer erneuten Drohnen- und Multikopterattacke der Hizbollah die Alarme schrillten, sah ich in Jerusalem das Finale der Eishockey-Weltmeisterschaft zwischen der Schweiz und Finnland auf dem Bildschirm. Während sich meine sicherheitspolitischen Spannungen durch das Eis abkühlten, erwärmte sich mein Herz. In diesem hatte Eishockey schon immer einen festen Platz. Bereits mein Grossvater ging in Basel zu Eishockeyspielen, zu einer Zeit, als die Spieler – und sogar der Torhüter! – noch keine Helme trugen. Mein Vater kommentierte für Radio Beromünster unter anderem Eishockeyspiele, und mich nahm er schon als kleinen Jungen regelmässig zur Kunsteisbahn St. Margarethen zu den Heimspielen des EHC Basel. So erweckte in mir das Verfolgen dieses WM-Finals, obwohl es nur in Zürich stattfand, gerade im Trauerjahr für meinen Vater Nostalgie und Sehnsucht.
Eishockey ist ein besonderer Sport. Erstens ist er sehr kampfbetont. Sogar das Interesse meiner kleinen Tochter, die das Finale teilweise gelangweilt mitschaute, wurde nicht etwa durch die Spielzüge, sondern durch die «coolen» Rangeleien zwischen den Spielern geweckt. Zweitens hat der Eishockeysport ein unglaublich hohes Tempo. Blitzschnell wechselt das Spielgeschehen von einer Richtung in die andere. Deshalb wundert es nicht, dass Eishockeyspieler nach durchschnittlich 50 Sekunden auf dem Eis zurück auf die Bank müssen, um sich auszuruhen und für den nächsten Einsatz Kraft zu tanken. Drittens hat Eishockey ein faszinierendes Strafsystem: Nach einem Foul erhält der Spieler nicht etwa eine gelbe Karte wie im Fussball, sondern er muss für zwei Minuten auf die Strafbank. Durch sein Vergehen schwächt er seine Mannschaft, die nun die nächsten beiden Minuten in Unterzahl spielen muss. Insofern hat die Strafe für ein Foul im Eishockey eine erzieherische Botschaft: Die Missetat eines Individuums hat nicht nur für ihn persönlich, sondern für seine ganze Gesellschaft tiefgreifende Konsequenzen.
Der letzte Punkt, nämlich das kollektive Bewusstsein, kommt im Eishockey auch auf anderer Ebene eindrücklich zum Ausdruck: In diesem Sport erhält ein Spieler für einen Assist, also für eine Vorlage, exakt denselben Scorerpunkt wie für ein geschossenes Tor! Diese Perspektive ist einzigartig: Gemäss der Eishockey-Philosophie ist ein genialer Pass genauso viel wert wie das blosse Einschieben des Pucks ins Netz des Gegners. Auch das Judentum ist in seinem Wesen ein Teamsport. Ein Robinson-Crusoe-Dasein wäre gemäss der Thora unerwünscht. Selbst der grösste Gelehrte ist isoliert unbedeutend. Nicht nur ist der Einzelne untrennbar mit der Gemeinschaft verbunden, auch kann er geistige Höhen alleine gar nicht verwirklichen.
Diese Verbundenheit des Individuums mit der Gemeinschaft, beziehungsweise seine Abhängigkeit von ihr, äussert sich im talmudischen Credo: «Ganz Israel bürgt füreinander» (Schewuot 39a). Dies ist die Grundlage des Gesamtkonzepts von «zedaka» («Wohltätigkeit»), die im Judentum eine zentrale Rolle einnimmt. Die Einbettung des Einzelnen im Kollektiv hat aber auch ganz konkrete Auswirkungen: So können die zentralsten Gebete und Rituale des Judentums nur im Rahmen eines Minjan, eines Dekorums von mindestens zehn Männern, durchgeführt werden. Dazu gehören die «keduscha», welche die Preisung der Heiligkeit Gottes im laut vorgetragenen Achtzehngebet sind, der Priestersegen und das «Kaddisch»-Gebet, das allgemeine sowie jenes für Verstorbene. Auch aus der Thora-Rolle wird ausschliesslich in einem Minjan vorgelesen.
Aber nicht nur auf der rituellen Ebene benötigt der Einzelne seinen Nächsten, sondern auch auf der intellektuellen. Seit eh und je erfolgt das traditionelle Studium des Talmuds nie allein, sondern im sogenannten Chawruta-System, wobei sich zwei Lernende im Lehrhaus gegenübersitzen, die Texte gemeinsam studieren und laut debattieren. Dieses gnadenlose, gemeinsame Auseinandernehmen und Diskutieren vertieft das Verständnis des Gelernten. Bereits im Bibelbuch Mischle heisst es: «Eisen schärft Eisen, so schärft ein Mensch das Angesicht seines Freundes» (Sprüche 27:17). Der Studienpartner ist nicht etwa ein Konkurrent, sondern das wichtigste Werkzeug des Talmudschülers, um die jüdische Erkenntnisleiter Sprosse um Sprosse zu erklimmen. Der Talmud legt diesen Bibelvers folgendermassen aus: «Dies kommt, um dir zu sagen: So wie bei den eisernen Werkzeugen das eine das andere schärft, wenn sie aneinandergerieben werden, so schärfen sich auch zwei Schriftgelehrte gegenseitig im Halacha-Studium» (Taanit 7a). Rabbi Akiwa wäre nie der grosse Rabbi Akiwa geworden, wenn er während der Jahre seines Thora-Studiums nicht scharfe, animierende und ihn zum Denken herausfordernde Lehrer und «chawrutot» («Studienpartner») gehabt hätte. Schlussendlich war er es, der Rabbi Akiwa wurde, einer der herausragendsten Weisen der Mischna, und metaphorisch blieb es ihm vorbehalten, viele «Thora-Tore zu schiessen». Aber hinter ihm stand eine ganze Reihe von «Assistgebern». Dies gilt für alle jüdischen Gelehrten aller Generationen.
Und vielleicht hilft uns Schweizern dieser «Assist»-Gedanke, um über die schmerzliche Finalniederlage unserer «Eisgenossen» gegen die Finnen etwas hinwegzukommen. Es stimmt, aus dem Goldtraum wurde wieder nichts, aber genauso wie im Eishockey und im Judentum nicht nur die Tore gelten, sondern auch die vielen Assists «zweiten Ranges», so hat gleichermassen eine Silbermedaille gehörigen Respekt und einen Ehrenplatz in der Vitrine verdient. Hopp Schwiiz!
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
05. Jun 2026
Der Assist im verlorenen WM-Finale
Emanuel Cohn