standpunkt 29. Mai 2026

Angst überwinden

Man kann einen angstvollen Abgesang auf das europäische Judentum anstimmen und sich im Anschluss dafür bemitleiden. Produktiver ist das Gegenteil: Ängste überwinden, Ärmel hochkrempeln, Identität festigen, Bündnisse schliessen, eine eigenständige Diaspora stärken – und den Mut aufbringen, sich von einer problematischen Israel-Verteidigung zu distanzieren.

Jüdisches Leben in Europa steht heute nicht vor einem Ende, sondern vor einer Neuorientierung. Die lange dominante Vorstellung, der Staat Israel sei der zentrale Bezugspunkt jüdischer Identität, verliert an Gültigkeit – und genau darin liegt eine produktive Verunsicherung. Sie eröffnet den Raum, jüdische Identität neu zu denken: nicht bloss als Reaktion auf äussere Entwicklungen, sondern als bewusste Verankerung in den demokratischen Gesellschaften Europas.

Weg vom Israelzentrismus. Jüdische Identität trägt sich in grossem Mass durch das, was vor Ort lebt – auch in schwierigen Zeiten: Wissen, Rituale, Gemeinschaft. Eine eigenständige europäische Diaspora ist keine Notlösung – sie ist eine eigenständige jüdische Lebensform mit jahrhundertelanger Geschichte. Es ist Zeit, sie selbstbewusst weiterzuentwickeln.

Die jüdische Tradition bietet dafür wichtige Voraussetzungen: intellektuelle Tiefe, kulturelle und religiöse Vielfalt, emotionale Berührbarkeit und eine bewährte Widerstandskraft. Diese Ressourcen sind keine Nostalgie – sie sind lebendiges Kapital. Bildung war stets eine tragende Säule jüdischer Kontinuität. Wer seine Geschichte und Tradition kennt, kann sich in einer polarisierten Öffentlichkeit behaupten und selbstbestimmt handeln. Und jüdisches Leben muss sichtbar, verbindend und divers sein – in Ritualen, Kultur und im individuellen ebenso wie im gemeinsamen Alltag.

Dazu braucht es einen inneren Bruch mit der allumfassenden Opferperspektive. Antisemitismus ist real, er ist gefährlich, und er muss entschieden bekämpft werden. Aber Bedrohtheit darf nicht zur primären Selbstbeschreibung werden. Ein Judentum, das sich vor allem über Verletzbarkeit definiert, verliert die Fähigkeit, gestaltend zu wirken. Und es läuft Gefahr, Antisemitismus instrumentell einzusetzen – als Abwehrschild gegen Kritik statt als ernst zu nehmende gesellschaftliche Herausforderung. Innerjüdisch und darüber hinaus. Das zeigt sich besonders im Umgang mit der muslimischen Diaspora. Wer pauschalen Verdacht sät, wer eine ganze Gemeinschaft für den Antisemitismus einzelner in Haftung nimmt, handelt nicht nur ungerecht – er höhlt die rechtsstaatlichen Prinzipien, auf die er selbst angewiesen ist, aus, und verliert den moralischen Kredit für die eigene Sache. Auch lässt er einen wichtigen Verbündeten allein.

Stärke entsteht durch ein lebendiges, vielseitiges Gemeindeleben im Innern und tragfähige Bündnisse nach aussen. Echte Stärke hält auch Meinungsverschiedenheiten aus – und genau daran mangelt es noch: Aus Angst vor Spaltung oder antisemitischer Vereinnahmung halten viele ihre Bedenken zurück. Das zeigt sich etwa daran, dass viele europäische Jüdinnen und Juden die Erosion rechtsstaatlicher Strukturen in Israel zwar mit wachsender Sorge verfolgen – und dennoch öffentlich schweigen. Dieses angstvolle Schweigen aber schwächt die eigene Position, statt sie zu schützen. Wer für Minderheitenschutz, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit eintritt, darf sich nicht auf die eigene Gemeinschaft zurückziehen, sondern muss Bündnisse mit gleichgesinnten Demokratinnen und Demokraten aktiv suchen und verlässlich pflegen.

Demokratie ist nicht nur Schutzraum für jüdisches Leben – jüdisches Leben kann auch einen wichtigen Beitrag zur Resilienz der Demokratie leisten. Eine Tradition, die Erfahrung als Minderheit, Rechtsreflexion und Dissens bewahrt hat, bringt in die pluralistische Gesellschaft etwas Wesentliches ein: Gedächtnis gegen das Vergessen, Differenzierung gegen Vereinfachung, ausgebautes Rechtsempfinden gegen Willkür und die Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten.

Vor diesem Hintergrund ist eine vernehmbare Kritik an der israelischen Regierungspolitik nicht nur legitim, sondern folgerichtig. Eine Regierung, die völkerrechtliche Grenzen missachtet, die Besatzung ausweitet und humanitäre Grundsätze offen verletzt – und ganze Bevölkerungsgruppen einem gewalttätigen Mob schutzlos ausliefert –, darf nicht mit jüdischer Solidarität rechnen und erst recht nicht mit jüdischer Identität gleichgesetzt werden. Diese Politik schweigend zu erdulden, schadet dem Judentum überall, auch in Europa – moralisch wie politisch. Solche Distanzierung ist keine Schwäche, sondern notwendig, um die Freiheit wiederzuerlangen, eigenständig zu denken und zu handeln. Genau dies braucht die Weiterentwicklung des Judentums in Europa.

Zukunft besteht dort, wo Identität gefestigt, Demokratie und Meinungsvielfalt gelebt, Wissen vertieft, Gemeinschaft erfahren und Solidarität praktiziert werden – und wo eine jahrtausendealte Tradition ungehemmt ihre ganze Kraft entfalten kann. Auch in Europa, jetzt.

Samuel Rom ist Psychologe und Psychotherapeut. Er leitete ein grösseres KMU und ist heute in zivilgesellschaftlichen Organisationen für Menschenrechte, Demokratie und Toleranz engagiert.

Samuel Rom