Martin Moszkowicz, neuer Verwaltungsratspräsident des Zurich Film Festival, im tachles-Interview über die Lage des Kinomarkts, seine Visionen für Zürich, die Debatte um Nahost und Kultur sowie die AfD-Erfolge in Deutschland.
tachles: Viele haben in den letzten Jahren vom Ende des Kinos gesprochen – erst die Streaming-Plattformen, dann Förderungskürzungen oder Streiks in Amerika. Wo steht der internationale Filmmarkt?
Martin Moszkowicz: Ich bin grundsätzlich Optimist, sonst wäre ich nie Filmproduzent geworden. Dass der Film am Abgrund stehe, hört man seit über 100 Jahren, und es hat sich bisher nie bewahrheitet. Gerade dieses Jahr ist geprägt von aussergewöhnlichen Kinoerfolgen – in Amerika eines der besten Box-Office-Jahre überhaupt, dazu grossartige Festival-Line-ups in Venedig, Toronto, San Sebastian und dann in Zürich. Ich glaube sogar, dass das Kino gerade in einer Zeit, in der uns Social Media mit beliebigen Inhalten überflutet, eine Sonderposition bekommt: Menschen suchen wieder etwas Aussergewöhnliches. Die Branche hat sich verändert, im Streamingmarkt mehr noch als im Kino. Aber der Kinomarkt zeigt sich robust.
Sie sind nun selbst in einen umkämpften Markt eingetreten: Festivals sind längst auch ein Konkurrenzgeschäft, gerade mit Locarno in der kleinen Schweiz. Sie wollen aus Zürich eine globale Marke machen. Was heisst das?
Zunächst: Ich bin sehr geehrt, dass mir dieses Amt angeboten wurde. Ich bin als Produzent immer gern nach Zürich gekommen, oft mit eigenen Filmen. Terminlich sitzt Zürich hervorragend: nach den Sommerfestivals Locarno und Venedig, vor den Winterfestivals Sundance und Berlin, am Beginn der Award-Season. Was mir immer gefallen hat: die starke Publikumsausrichtung, damit hat Zürich eine einzigartige Position in Europa. Ich hatte über die Jahre immer wieder Anfragen aus dem Festivalbereich und habe abgelehnt – aber dieses Festival hat besonderes Potenzial, nicht zuletzt, weil es zu grossen Teilen privat finanziert ist, was angesichts knapper öffentlicher Mittel immer wichtiger wird. Mir geht es darum, mitzuhelfen, aus Zürich strategisch eine weltweite Marke zu machen. Es soll kein neuer Wettbewerb entstehen; Zürich soll sich einfach noch stärker international positionieren.
Zürich setzt stark auf amerikanische Stars. Würden Sie sich mehr Fokus auf den europäischen Film wünschen?
Die Schweiz liegt in der Mitte Europas und ist eines der am stärksten international ausgerichteten Länder überhaupt. Mir persönlich hat die starke Verbindung zu Hollywood immer gefallen, das entspricht auch meiner eigenen Karriere – ich habe mein Leben lang auch englischsprachige Filme gemacht. Man darf Hollywood dabei nicht als rein lokal verstehen: Dort arbeiten Menschen aus der ganzen Welt, es ist das einzige Filmzentrum, das wirklich global relevant ist. Gleichzeitig hat das europäische Kino enorme Innovationskraft, gerade viele Schweizer Filmschaffende haben das gezeigt, bevor sie – wie Tim Fehlbaum oder Marc Forster – in Hollywood gearbeitet haben. Ich würde mir schon wünschen, dass noch mehr europäische Produktionen in Zürich in den Fokus rücken. Aber daran arbeitet das Team bereits.
Sie haben sich immer wieder zu Ihrer Familiengeschichte geäussert. Auffallend ist aber, dass Sie seit dem 7. Oktober pointierter und prominenter geworden sind – mit Ihrer eigenen Geschichte, mit Ihrer Sorge, mit Kritik am Umgang mit der Debatte um den Gaza-Krieg. Braucht dieser Diskurs einen Raum an Festivals?
Man sagt dem Zurich Film Festival (ZFF) nach, unpolitisch zu sein. Ich formuliere es positiver: Die Filme stehen im Zentrum. Das gilt auch für Cannes, das weltweit bedeutendste Festival – auch dort gelingt es sehr geschickt, dass sich keine Interessengruppe die Plattform aneignet. Bei einem ausgesprochen politisch orientiertes Festival hätte ich in keiner Funktion mitgemacht. Das ist die eine Ebene. Die andere: Wie sich Antisemitismus und Antizionismus heute darstellen, lässt mich buchstäblich nicht schlafen. Diese Art von internationalem Hass hätte ich mir vor fünf oder zehn Jahren nicht vorstellen können. Dass israelische Künstlerinnen und Künstler weltweit gecancelt werden, nur weil sie Juden beziehungsweise Israeli sind – und das sind meist gerade jene, die politisch überhaupt nicht der herrschenden israelischen Regierung nahestehen –, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Welcher amerikanische Filmemacher wird schon gecancelt, weil er Amerikaner ist und man mit Trumps Politik nicht einverstanden ist? Das treibt mich massiv um. Im Moment kämpfen wir gegen eine Welle aus Ablehnung und Hass, der man nur schwer begegnen kann.
Aber wenn ein Film wie «No Other Land», der vor zwei Jahren die grosse Debatte an der Berlinale auslöste, programmiert wird, dann hat man die Diskussion ja im eigenen Haus, ob man will oder nicht.
Es wäre naiv zu glauben, Kino sei nicht politisch – das ist es immer, in irgendeiner Form. An einem Festival sollte jeder Film, der qualitativ überzeugt, einen Platz haben, unabhängig von der politischen Haltung dahinter. Wogegen ich mich wehre ist, dass die Öffentlichkeit, die ein Festival erzeugt, für einen politischen Diskurs missbraucht wird, der mit den Filmen selbst nichts mehr zu tun hat. Einen kontroversen Film einzuladen, finde ich wunderbar, und die Diskussion darüber auch – wir müssen ohnehin mehr miteinander sprechen. Man kann die Politik nicht ausblenden, aber man kann sie filmbezogen halten.
Wir sprechen einen Tag nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, bei denen die AfD auf Regierungsebene Erfolge feiert. Ihr Vater war Auschwitz-Überlebender, Ihr Grossvater mütterlicherseits ein hochrangiges SS-Mitglied. Wie blicken Sie auf diese Tage?
Es ist noch früh für ein Fazit, weil unklar ist, wie sich Regierungsbildungen darstellen werden. Unabhängig davon: Ich finde es furchtbar, dass eine gesichert rechtsextreme Partei plötzlich Regierungsverantwortung in einem deutschen Bundesland übernehmen könnte. Aber man muss es einordnen – Deutschland ist ein grosses Land mit sehr unterschiedlichen Entwicklungen, es gibt einen grünen Oberbürgermeister in München, einen grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg. Ich bin skeptisch gegenüber Untergangsstimmung. Was ich mir wünsche: dass den etablierten Mitteparteien endlich etwas einfällt, wie sie dieser Unzufriedenheit begegnen – sie ernst zu nehmen heisst nicht, die Partei gutzuheissen, aber man darf jene, die aus Protest so gestimmt haben, nicht zur Seite drängen. Mir fehlt bei der Bundesregierung jede Art von charismatischer politischer Vision – so etwas wie Macron vor knapp zehn Jahren in Frankreich.
Sie betonen, dass das ZFF privat finanziert ist. Sie selbst kommen aus einer Branche, die stark von Förderfinanzierung abhängt. Mit einer erstarkenden AfD dürfte das zusätzlich unter Druck geraten. Sollen amerikanische Verhältnisse einziehen, in denen Förderung kaum mehr eine Rolle spielt?
Ich glaube, dass das deutsche System der Filmförderung erneuerungsbedürftig ist – so kann und sollte es nicht weitergehen, ich habe darüber auch vielfach geschrieben. Dieses System muss massiv renoviert werden, und zwar nicht nur, weil Fördergelder gekürzt werden – das Problem liegt tiefer. Gleichzeitig finde ich es richtig, wenn zusätzliche Quellen wie Private Equity eine Rolle spielen, das ist international längst üblich. Dafür braucht es aber Strukturen, in denen sich das für Investorinnen und Investoren lohnen kann. Wer sich heute an einem deutschen Film beteiligt, ist meist der Letzte, der sein Geld zurückbekommt – warum sollte er das tun, statt in eine Immobilie zu investieren? Genau da müssen wir ansetzen. Und wir brauchen keine mehrere Hundert deutschen Kinofilme im Jahr, von denen ein grosser Teil weder qualitativ noch kommerziell relevant ist.
Sie waren lange mit Constantin Film verbunden, das heute dem Basler Bernhard Burgener respektive der Highlight Communications gehört und, wie man liest, unter Druck steht. Ist das ein Beispiel dafür, dass das Private-Equity-Modell im deutschen Kontext eben doch nicht funktioniert?
Nur so viel: Highlight ist kein Private-Equity-Investor, sondern eine börsennotierte Gesellschaft. Als Gegenbeweis für mein Argument taugt das Beispiel also nicht. Zum Unternehmen selbst kann ich als ehemaliger Verantwortlicher nichts sagen. Ich verfolge die Entwicklungen aber aufmerksam.
In zwei Wochen beginnt Ihr erstes Festival als Präsident. Wo wollen Sie nach Doris Fiala einen eigenen Akzent setzen?
Zunächst möchte ich mich herzlich bei Doris Fiala bedanken für das, was sie für das Festival geleistet hat. Als Filmproduzent habe ich einen etwas anderen, sehr international geprägten Blick, und diesen Akzent werde ich einbringen. Ich habe noch nie ein Festival vertreten und bin selbst gespannt, was das konkret von mir verlangt. Ich bin nicht operativ tätig und nicht für die Filmauswahl zuständig, das liegt in etablierten Händen. Bei mir geht es darum, Kontakte einzubringen und im strategischen Bereich mitzuhelfen. Vor allem aber freue ich mich auf elf Tage grossartiger Filme.
Nun sind Sie ja eigentlich Filmproduzent: Woran arbeiten Sie gerade?
Ich habe rund anderthalb Dutzend Projekte in Entwicklung, darunter eine Verfilmung von «Tyll» von Daniel Kehlmann und eine Romeo-und-Julia-Verfilmung, die nächstes Jahr in Produktion geht. Ich bin zudem als Executive Producer an einer Verfilmung von Yasmina Rezas Theaterstück «Kunst» beteiligt. Insgesamt werde ich nächstes Jahr zwei, drei Filme produzieren – ich bin nicht mehr dafür verantwortlich, 12 bis 15 im Jahr herauszubringen. Das ist sehr komfortabel, und ich geniesse das Tempo, das ich mir selbst aussuchen kann.
Das ist wahrscheinlich der beste Beweis, dass Sie der richtige Präsident sind – viele reden über Filme, wenige machen sie.
Das hoffe ich sehr.