Zwei jüdische Dichter und Holocaust-Überlebende treffen sich in Zürich zu einem Gespräch für die Ewigkeit – nun erinnert eine Gedenktafel daran.
Es gibt Gespräche, die für immer in die Kulturgeschichte eingeschrieben bleiben. Ein solches fand am 26. Mai 1960 in Zürich statt. Am vergangenen Montag luden Pfarrer Niklaus Peter und das Direktorium ins Hotel Storchen zu einer literarischen Zusammenkunft in Erinnerung an die Begegnung der jüdischen Dichter Paul Celan und Nelly Sachs.
Celan hat dieses Gespräch in seinem Gedicht «Zürich, zum Storchen» festgehalten – benannt nach dem Ort des Treffens mit Blick auf die Limmat und das Frauenmünster. Mit der Enthüllung einer Gedenkplakette, initiiert vom Theologen Karl-Josef Kuschel, erinnert auf der Terrasse des Storchen nun an diesen Austausch. In seiner Ansprache zeigte Kuschel die Dimension dieses Gesprächs über Gott und die Welt zwischen den beiden so wichtigen Dichtern. Celan bezeichnet die rund 30 Jahre ältere Sachs darin als seine «grosse Schwester» in Herkunft, Geist und Kunst.
Zur Einleitung des Nachmittags wurde Celans Gedicht «Zürich, zum Storchen» aus dem Band «Die Niemandsrose» gelesen – jenem Text, in dem der Dichter die inzwischen viel zitierten Zeilen an Sachs richtet: «Wir wissen ja nicht, weisst du, wir wissen ja nicht, was gilt.»
Trauma und Gott
In seinem Vortrag zeichnete Kuschel die Vorgeschichte der Begegnung nach. Nelly Sachs, aus einem jüdischen Berliner Elternhaus stammend, hatte 1940 mit ihrer Mutter durch die Flucht nach Schweden das Leben gerettet und dort unter ärmlichsten Bedingungen weitergeschrieben – zuletzt den Gedichtband «Flucht und Verwandlung» (1949). Im Frühjahr 1960 erreichte sie die Nachricht, ihr werde der Droste-Preis der Stadt Meersburg zuerkannt – als erst zweite Preisträgerin überhaupt. Die Ehrung bedeutete zugleich eine erste Rückkehr nach Deutschland, dem Land, in dem ihre nächsten Angehörigen ermordet worden waren. Der Briefwechsel mit Celan, seit 1954 im Gang, hatte sich in den Jahren zuvor verdichtet; bereits 1958 hatte Sachs ihrem Briefpartner ihren Glauben erläutert, geprägt von chassidischer Mystik. Celan dagegen, dessen Eltern 1942 ins Lager Michailowka in der Ukraine deportiert und ermordet worden waren, hatte mit der religiösen Tradition seiner Herkunft gebrochen.
Kuschel erinnerte daran, dass nur zwei Tage vor Sachs’ Anreise die Nachricht von der Festnahme Adolf Eichmanns in Argentinien öffentlich wurde – ein Ereignis, das die Vergangenheit auf beklemmende Weise gegenwärtig machte. Am Nachmittag des 26. Mai 1960 trafen sich Sachs und Celan schliesslich auf der Storchen-Terrasse, wie auch eine kurze Notiz in Celans eigenen Aufzeichnungen belegt. Im Zentrum des Gesprächs habe die Frage nach Gott nach der Shoah gestanden – für Celan, wie sein Gedicht zeige, nicht mehr Ort einer gemeinsamen Glaubensgewissheit, sondern, wie es im Gedicht heisst, «Sache» des Anderen. Erst der Schlussvers des Gedichts, in dem Celan ein Wort von Sachs zitiert, öffne das Gespräch noch einmal: ein Bekenntnis wechselseitigen Nichtwissens, das gerade darin – und nicht in vorschneller Gewissheit – die Möglichkeit halte, im Gespräch über Gott zu bleiben.
Nach dem Vortrag folgte die Lesung des Gedichts «Alles beginnt mit der Sehnsucht» von Nelly Sachs, eine Reflexion über die Sehnsucht als Grundzug des Menschseins und, so der Text, auch der Menschwerdung Gottes – was das der beiden Dichter Gespräch an diesem Spätsommertag in Zürich nochmals einfangen sollte.
Nobelpreis und ein letzter Brief
Der Experte für Exilliteratur Martin Dreyfus setzte den markanten Schlusspunkt. Er erinnerte daran, dass Nelly Sachs gemeinsam mit dem hebräischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon 1966, an ihrem 75. Geburtstag, in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennahm – für sie, wie sie in ihrer Dankesrede selbst sagte, der glanzvolle Höhepunkt eines an Höhepunkten nicht eben reichen Lebens; in ihrer kurzen Rede zitierte sie damals ihr Gedicht «In der Flucht». Dreyfus erinnert an Celans Ansprache zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 1958 und an seine Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1960, in der er vom Gedicht sprach, das «einsam unterwegs» sei und stets ein Gegenüber suche. Zum Schluss zitierte er aus einem Rosch-Haschana-Schreiben, das Celan im September 1961, zum jüdischen Neujahr, an Sachs geschrieben hatte, das das gemeinsame Schicksal, Trost und Freundschaft nochmals verdichtete: «Es ist sehr einsam geworden um uns, Nelly. Wir haben es nicht leicht. Aber hoffentlich bringt dieses Jahr auch uns anderes als das Vergangene. Alles Liebe.»
Am 20. April 1970 tauchte Paul Celan in die Pariser Seine ein, um nie wieder aufzutauchen. Am 1. Mai wurde sein Leichnam geborgen und am 12. Mai 1970 beerdigt. Am Tag, an dem seine «Grosse Schwester» versterben sollte. Die Gedichte wirken nun nach wie ein Echo in die Zukunft.