Der erste Zionistenkongress 1897 veränderte die jüdische Geschichte – der Basler Rabbiner Arthur Cohn spielte dabei eine zentrale Rolle.
Der erste Zionistenkongress in Basel im Sommer 1897 war ein historisches Ereignis von unbeschreiblichem Ausmass. Dass Theodor Herzl ausgerechnet die auf dem Papier nicht besonders bedeutende schweizerische Stadt Basel als Kongressort auswählte, war nicht sein ursprünglicher Plan. Eigentlich wollte er diesen wegweisenden Anlass in einer der zentralen deutschen Städte wie Frankfurt oder München durchführen, wo sowohl quantitativ als auch qualitativ wichtige jüdische Gemeinden existierten. Dort sprachen sich jedoch die sogenannten Protest-Rabbiner gegen die Durchführung eines Zionistenkongresses aus, da sich dieser gegen die traditionell-orthodoxe Anschauung zu richten schien, wonach die Erlösung ausschliesslich von Gott kommen möge, nicht jedoch der Initiative des Menschen obliege.
Herzl war von dieser Einstellung enttäuscht. Es war ihm ausserordentlich wichtig, dass alle Segmente der jüdischen Gesellschaft, also auch die Orthodoxie, Teil der zionistischen Idee würden. Schliesslich fand sich ein orthodoxer Rabbiner im deutschsprachigen Raum, der der Durchführung des Zionistenkongresses «in seinem Territorium» nicht abgeneigt war: Rabbiner Arthur Cohn aus Basel. Rabbiner Cohn war der «talmid muwhak», («herausragende Schüler») von Rabbiner Esriel Hildesheimer und seine halachischen Entscheidungen waren europaweit gefragt und respektiert. Während des Kongresses betonte Rabbiner Cohn die Wichtigkeit, dass das Einhalten der Gebote im Heiligen Land, wie zum Beispiel des Schabbats, für religiöse Juden gewährleistet werden müsse. Daraufhin versicherte ihm Herzl, nichts zu unternehmen, «was die religiösen Überzeugungen irgendeiner Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte».
Die Rückkehr zum Judentum
Diese Antwort an Rabbiner Cohn spiegelt Herzls berühmten Satz wider, den er gleich zu Beginn des Basler Kongresses geäussert hatte und welcher von den Kongressteilnehmern mit Applaus erwidert worden war: «Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland.» Selbstverständlich dürfen an dieser Stelle die berühmten Worte Herzls, die er im Anschluss an den Zionistenkongress im September 1897 in sein Tagebuch schrieb, nicht fehlen: «Fasse ich den Baseler Congress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es Jeder einsehen.»
Persönliche Erinnerungen
Am Schabbat vor dem Kongress wurde Herzl in der Basler Synagoge an der Leimenstrasse
24 zur Thora aufgerufen. Dieser «Aufruf» war nicht nur für Herzl persönlich ein einmaliges Ereignis, wie er es später in seinem Tagebuch beschrieb, sondern auch für alle Anwesenden. Die Begegnung mit wichtigen jüdischen Persönlichkeiten aus aller Welt, in deren Herzen die Sehnsucht nach Zion brannte, hat die Basler Juden zutiefst beeindruckt.
Einer von ihnen war mein Vater Marcus Cohn s. A., der Sohn des Basler Rabbiners. Er war während des Kongresses zwar lediglich sieben Jahre alt, nichtsdestotrotz liess er in seinen Erinnerungen die Besonderheit jener «magischen» Tage Revue passieren: «Besonders nahe fühlte sich mein Vater (Rabbiner Arthur Cohn – G. C.) naturgemäss den rabbinischen Persönlichkeiten, die zum ersten – und in grösserer Zahl auch zum zweiten – Kongress aus dem Osten nach Basel gekommen waren. Bis tief in die Nacht hinein sass mein Vater in seinem Studierzimmer mit ihnen zusammen und liess sich von ihren Gemeinden und von dem jüdischen Leben in ihren Städtchen erzählen. Für mich selbst stellten diese Besuche die erste Begegnung mit ostjüdischen Gelehrten dar, und der Eindruck war unauslöschlich tief. Ein kleines persönliches Erlebnis blieb mir besonders in Erinnerung: Einmal sollte, oder besser gesagt, durfte ich am späten Abend einen dieser ostjüdischen Rabbiner nach Hause begleiten. Er wohnte im bescheidensten Hotel von Basel, in der ‹Herberge am Nadelberg›. Befangen schritt ich neben dem grossen Rabbi her und blickte gelegentlich scheu und ängstlich zu ihm auf, bis er mich freundlich fragte, was ich gegenwärtig Jüdisches lerne. Ich nannte ihm die Gemara Beza (Talmudtraktat über die Festtagsgesetze – G. C.), aber seine weitere Frage, an welcher Stelle ich gerade halte, konnte ich nicht beantworten und ich schämte mich sehr. Da fing er zu meiner grössten Überraschung an, die Gemara Beza auswendig zu zitieren, bis er an die Stelle kam, wo ich gerade im Unterricht hielt. Tief erstaunt und voller Ehrfurcht vor solch lebendigem jüdischem Wissen zog ich heim.»
Überraschende Verbündete
Während des gesamten Kongresses fühlte man in der Stadt Basel eine beeindruckende Atmosphäre. Rabbiner Arthur Cohn fasste in einem Artikel im bekannten orthodoxen Organ «Israelit» seine Gedanken zu diesem legendären Anlass zusammen. Darin setzt er sich zuerst mit seinen ursprünglichen Bedenken – und jenen seiner Amtskollegen – auseinander, welche im Zionismus eine gewisse Gefahr für das traditionell-religiöse jüdische Leben zu erkennen glaubten. Rabbiner Cohn hatte jedoch einen besonderen Ansatz, was seine Weitsicht unterstreicht: So bejahte er die Besiedlung Palästinas, da sie der «Judennot in Osteuropa», von der am Kongress viel gesprochen wurde, hoffentlich ein Ende setzen könne. Auch sah Rabbiner Cohn in der zionistischen Bewegung interessanterweise einen Mitkämpfer in der Debatte gegen die Reformbewegung: «Die Zionisten sind die geeigneten Verbündeten der Orthodoxie im Kampf gegen die Reform (...). Was ist denn bei der Reform anders als die Nachahmung des Christentums in unserer Synagoge? Nun denn, der Zionist liebt alles Jüdische und hält alles Unjüdische seinem Kreise fern. Kein Zionist wird die hebräischen Gebete abschaffen und durch deutsche ersetzen wollen (…).» Im Zentrum dieses Artikels von Rabbiner Cohn steht der Eindruck, den der Kongress, Herzls Persönlichkeit und die zionistische Bewegung auf ihn machten: «Wenn wir hören und durch Augenschein uns zum Teil selbst überzeugten (…). Das ist eine gewaltige und starke Volksbewegung, die nicht von Einzelnen in so kurzer Zeit hervorgerufen werden kann, sondern die ihre tiefen, mächtig wirkenden Gründe haben muss.» Zwischen diesen Zeilen lässt sich die Überzeugung des Basler Rabbiners heraushören, dass der historische Erfolg des modernen Zionismus, der in Basel seinen formellen Anfang nahm, auch dank der tiefen Verbindung mit der jüdischen Tradition zustande kam.
Eine Autorität über Basel hinaus
An dieser Stelle möchte ich zwei Briefe zitieren, welche im Nachlass von Rabbiner Cohn gefunden wurden, der kürzlich der Nationalbibliothek in Jerusalem übergeben wurde. Der erste stammt von Rabbiner Elijahu Rabbinowitz, dem Herausgeber orthodoxer Schriften in Osteuropa, der dem Basler Rabbiner nach dem Kongress schrieb: «Ich möchte hoffen, dass mein verehrter Kollege mir verzeiht, dass ich ihn belästige, und dies auch noch während des Kongresses, bei welchem er auch ohne mich voll beschäftigt ist. Aber was soll ich tun, sind doch die Augen aller gesetzestreuen Juden in unserem Land auf ihn gerichtet, da nur von ihm klare und wahrheitsgetreue Berichte in Erfahrung gebracht werden können. War er doch der Erste, der noch während des ersten Kongresses für unsere gerechte Sache einstand und sich so einen ewigen Namen unter allen gottesfürchtigen Juden in unserem Lande, die ihn alle schätzen und verehren, erwarb.» Dieser Brief zeigt, welch wichtige Instanz Rabbiner Cohn für die orthodoxe Judenheit in ganz Europa darstellte.
Der zweite Brief ist von Pfarrer Henri Mojon, dem ersten Schweizer Präsidenten des 1920 gegründeten Missionsbundes «Licht im Osten». Mojon schreibt unter anderem: «Sie haben, wie mir scheint, den Nagel auf den Kopf getroffen, indem Sie an die ‹Zionisten› die Frage stellten, wie es denn aber in dem künftigen ‹Judenstaat› (um Dr. Herzls Ausdruck zu gebrauchen) z. B. mit der Freiheit der Religionsübung, speziell mit der freien Ausübung des Sabbatgebotes, stehen werde (...). Glauben Sie mir, dass mein Interesse am ‹Zionismus› aus einer warmen Liebe zu Israel fliesst, einer Liebe, die mir meine teuere christgläubige Mutter schon in frühester Jugend eingeflösst hat.» Diese bewegenden Worte zeigen, dass Rabbiner Cohn auch für nicht jüdische Menschen und insbesondere Geistliche eine verehrte Persönlichkeit sowie eine zentrale Adresse war, was die neuesten Entwicklungen in der jüdischen Gesellschaft betrifft.
Persönlicher Dankesbrief
Zum Schluss dieser Ausführungen möchte ich einen persönlichen Dankesbrief, den Theodor Herzl nach Ende des ersten Kongresses an Rabbiner Arthur Cohn schrieb, zitieren. Darin kommt die besondere Beziehung zwischen diesen beiden doch so verschiedenen jüdischen Führungspersönlichkeiten zu Ende des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck, die sich dank des ersten Zionistenkongresses in Basel formte: «Eure Ehrwürden, (...). Die hohe Aufrichtigkeit Ihres Verhaltens auf dem Baseler Congress wird uns allen unvergesslich bleiben. Ohne unwürdige Concessionen haben wir uns zueinander gefunden, das ist vielleicht eine der schönsten Errungenschaften dieser Tage, die der Geschichte der Juden angehören (...). In aufrichtiger Verehrung, Ihr ergebener Th. Herzl.»
Gabriel Cohn ist der Enkel von Rabbiner Arthur Cohn. Event: Anlässlich des 100. Todestag von Rabbiner Arthur Cohn, spricht Moshe Baumel über sein Leben und Wirken. Sonntag, 22. März, 17.00 Uhr, Gemeindesaal, Israelitische Gemeinde Basel. Leimenstrasse 24. Anmeldung online.