Reichtum schützt nicht vor Konflikten – Family-Office-Berater Philippe J. Weil erklärt, warum Vermögen vor allem an Familienfragen scheitert.
tachles: Sie sind in der Schweiz aufgewachsen und leben heute in Israel. Wieso veröffentlichen Sie jetzt ein Buch zum Thema Familie und Vermögensverwaltung?
Philippe J. Weil: Ich habe vor über 40 Jahren im Schweizer Private Banking angefangen und mich fast mein ganzes Berufsleben mit Privatvermögen beschäftigt. Als Banker und später als Gründer eines Family Office merkte ich aber relativ früh, dass die eigentlichen Sorgen meiner Kunden nicht in erster Linie mit Vermögensallokation oder Rendite zu tun haben. Was sie nachts wachhält, sind die Kinder, die Schwiegerkinder, die Frage des Erbens, die Weitergabe des Vermögens und die Sorge, dass die nächste Generation sich durch Reichtum nicht mehr entwickeln könnte. Diese qualitativen Fragen sind für viele Familien viel drängender als die quantitativen. Seit Anfang der 2000er Jahre habe ich mich deshalb immer stärker mit Übergängen zwischen Generationen, mit Familienverfassungen und mit Governance beschäftigt. Seit 2017 verwalte ich selbst kein Geld mehr, sondern berate Familien dabei, wie sie mit Vermögen besser umgehen. Im selben Jahr habe ich ein Buch auf Hebräisch publiziert und dann 2019 auch auf Englisch. Es war aber immer auch mein Traum, ein Buch in meiner Muttersprache zu veröffentlichen.
Sie schreiben im Buch, oft scheitere Vermögen nicht an falschen Investments, sondern an emotionalen und kommunikativen Problemen. Ist das die eigentliche Pointe Ihrer Arbeit?
Ja. Family Office wird oft sehr eng verstanden, als Verwaltung von Geld und Vermögenswerten. Für mich ist der Begriff umfassender. Ich verstehe ihn als holistischen Dienst an der Familie. Es geht nicht nur darum, welches Finanzinstrument gekauft wird oder ob ein Portfolio gut strukturiert ist. Es geht darum, wie eine Familie als System funktioniert. Meine Aufgabe ist nicht Unternehmensberatung im engeren Sinn, sondern dafür zu sorgen, dass Familienmitglieder gesehen werden, dazugehören und in geordneten Prozessen miteinander sprechen können. Wir schauen also weniger auf das Unternehmen, sondern eher auf die Familie mit ihrem Unternehmen und mit ihrem Vermögen.
Family Offices sind ja überall – wie definieren Sie diese Büros?
Man muss zuerst zwischen Single Family Office und Multi Family Office unterscheiden. Ein Single Family Office wird für eine einzige Familie gegründet. Dort werden typischerweise Vermögenswerte ausserhalb des Unternehmens verwaltet, also etwa liquide Portfolios, reale Investitionen und auch das Private wie Eigenheime, Ferienhäuser und Kunst. Auch die administrativen Aufgaben werden für die Familie erledigt. Ein Multi Family Office bietet ähnliche Dienstleistungen für mehrere Familien an. Ein wichtiger Unterschied zeigt sich bei der Vergütung: Ein Multi Family Office arbeitet oft prozentual auf dem verwalteten Vermögen, während ein Single Family Office eher auf Retainer-, Salär- oder Bonusbasis organisiert ist. Die Grundaufgabe bleibt aber dieselbe: Man kümmert sich um die Familie und um ihr Vermögen.
Sie schreiben in ihrem Buch darüber, dass gerade wohlhabende Menschen oft nicht über Geld sprechen. Worauf führen Sie das zurück?
Geld ist generell ein Tabu, nicht nur bei Reichen. In vielen Familien wird nicht offen besprochen, wie viel die Eltern verdienen, wie hoch die Hypothek ist oder welche Versicherungen bestehen. In vermögenden Familien wird darüber oft noch weniger gesprochen, weil das Geld scheinbar kein akutes Problem mehr ist. Gerade das kann aber problematisch werden. Wer keinen offenen Umgang mit Geld pflegt, vermittelt den Kindern auch kein Verständnis dafür. In einfacheren Verhältnissen gibt es oft ein klareres Budget und damit auch ein deutlicheres Bewusstsein dafür, was möglich ist und was nicht. In vermögenden Familien fehlt diese sichtbare Grenze häufig.
Welche Rolle spielen die Eltern im Umgang mit Vermögen?
Eine sehr grosse. Wenn Eltern zeigen, dass sie verantwortungsvoll und haushälterisch mit Vermögen umgehen, lernen Kinder das früh. Wenn Eltern hingegen im Überfluss leben, aber gleichzeitig Zurückhaltung von ihren Kindern verlangen, entsteht ein Widerspruch. Man kann nicht einen Lebensstil vorleben und von der nächsten Generation einen anderen erwarten. Deshalb ist es wichtig, dass Familien nicht nur über Vermögen verfügen, sondern auch eine Struktur und eine Haltung dazu entwickeln. Jede Familie für sich.
Es geht um Fairness und Gleichheit. Wie kann das in Familien praktisch aussehen?
Während des Lebens müssen Eltern nicht immer alles exakt gleich verteilen. Eine Tochter möchte vielleicht ein teures MBA-Studium machen, ein Sohn eine Lehre beginnen. Das ist nicht automatisch unfair, sondern spiegelt unterschiedliche Lebenswege. Auch Geschenke oder Unterstützung können situativ verschieden ausfallen. Beim Erben aber, so meine ich, muss Gleichheit herrschen. Dort sollte klar sein, dass alle Kinder gleich behandelt werden. Man soll nicht beim Nachlass noch offene Rechnungen begleichen oder alte Konflikte austragen.
Trotz klarer Testamente kommt es immer wieder zu heftigen Erbstreitigkeiten. Warum?
Weil sich die gesellschaftlichen Realitäten verändert haben. Menschen werden heute viel älter, und entsprechend wird auch viel später geerbt. Die nächste Generation ist dann längst erwachsen. Deshalb funktioniert das alte Top-down-Modell schlechter. Eltern sollten wichtige Entscheidungen nicht bis zu ihrem Tod aufschieben, sondern ihre Vorstellungen frühzeitig mit der Familie, die oft schon selbst Verantwortung trägt und mitreden will, besprechen. Solche Gespräche schaffen nicht automatisch Harmonie, aber sie reduzieren Missverständnisse.
Ihr Buch handelt von einem Elitenproblem. Sie selbst stammen aus einer privilegierten Familie. Wie blicken Sie persönlich auf die Fragestellung?
Es betrifft sicher vermögende Familien, aber die Fragen dahinter reichen weiter. Mich interessiert besonders, wie Reichtum mit Verantwortung verbunden werden kann. Für mich ist Philanthropie ein grosses Thema. Ich beschreibe im Buch fünf Kapitale: das finanzielle Kapital, das menschliche Kapital der Familie, das intellektuelle Kapital, das soziale Kapital und das spirituelle Kapital. Familien sollten sich nicht nur über Geld definieren, sondern über Werte, über ihre Rolle in einem sozialen Umfeld und über die Frage, was sie hinterlassen wollen. Gerade sehr grosse Vermögen verlangen nach einem Wertekompass.
Sie argumentieren für gesellschaftliche Verantwortung von Vermögen.
Ja. Wer privilegiert ist, hat auch Verpflichtungen. Eine Familie, die in einer Region wirtschaftlich prägend ist, gehört auch zum sozialen Gefüge dieser Region. Daraus entsteht Verantwortung. Das kann sich in Philanthropie, in sozialem Engagement, in Kulturförderung oder in anderen Formen des Zurückgebens ausdrücken. Es geht darum, dass eine Familie nicht nur erinnert werden will, weil sie viel Geld hinterlassen hat, sondern auch wegen der Werte, für die sie stand.
Wie stehen Sie zur politischen Frage nach Steuern auf Vermögen und Erbschaften?
Ich bin der Meinung, dass man Steuern zahlen muss. Wer Steuern zahlt, hat in der Regel zuvor auch Erfolg gehabt. Ich sehe Vermögens- und Kapitalgewinnsteuern grundsätzlich positiver als eine zusätzliche Erbschaftssteuer, wenn auf Einkommen und Vermögen bereits Steuern entrichtet wurden. Gleichzeitig finde ich klar: Wer viel hat, schuldet der Gesellschaft etwas. Nichts zu bezahlen und zugleich von gesellschaftlichen Strukturen zu profitieren, halte ich für falsch. Ich würde nie raten, nur aus Steuergründen an einen Ort zu ziehen, an dem man gar nicht leben will. Die Frage muss zuerst sein: Wo fühlt man sich zu Hause, wo ist die Familie, wo will man leben?
Philippe J. Weil: In guten Händen. Wie das Family Office Mensch und Kapital in Einklang bringt. Murmann Verlag, Hamburg 2026.
Der tachles-Podcast mit Philippe J. Weil ist zu hören auf www.tachles.ch/podcasts/problem-geld.