zürich 17. Jul 2026

Vision mit Fragezeichen

Die Organisation Chazon möchte Brücken zwischen Menschen bauen und Polarisierung entgegenwirken – was das im Detail bedeutet, muss sich noch zeigen.

Mit Chazon entsteht an der Universität Zürich eine neue studentische Organisation, die sich als Gegenpol zur zunehmend polarisierten Debattenkultur versteht – und Fragen aufwirft.

Die im Oktober 2025 gegründete Organisation bezeichnet sich laut Statuten als politisch unabhängig und konfessionell neutral. Im Mittelpunkt stehen eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Politik, insbesondere jüdischer Geschichte, Antisemitismusprävention sowie dem Nahostkonflikt. Geplant sind Vorträge und Diskussionsveranstaltungen.

Die Gründerin und Präsidentin Minami Christeler, Bachelor-Studentin der Betriebswirtschaft und Osteuropastudien an der Universität Zürich, beschreibt Chazon – hebräisch für «Vision» – als Antwort auf die zunehmend polarisierte Debattenkultur an der Hochschule. «Wir wollen Brücken bauen», sagt sie gegenüber tachles. Ziel sei ein Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Ansichten «auf Augenhöhe» diskutieren könnten.

Nicht jede Meinung
Im Gespräch mit tachles entsteht jedoch ein differenzierteres Bild. Christeler betont zwar, Chazon sei «keine jüdische Organisation», «für alle offen» und «nicht pro Israel». Auf die Frage, ob der hebräische Name der Organisation Studierende mit anderen politischen Ansichten abschrecken könnte, antwortet sie jedoch: «Wer schon ein Problem mit einer Sprache aus dem Nahen Osten oder dem jüdischen Hintergrund der Gründer hat, ist bei uns sowieso falsch.» Auch gelte: «Qualität geht definitiv vor Quantität.»

Auch die geplanten Events zeichnen ein ambivalentes Bild. Zwar sollen sie unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen, eingeladen würden zunächst jedoch Professoren «die die gleiche Meinung haben wie wir». Wie breit das Spektrum innerhalb der Organisation tatsächlich ist, bleibt ebenfalls offen. Chazon zählt derzeit sechs Mitglieder mit jüdischem, christlichem und atheistischem Hintergrund. Zwar wünsche man sich Studierende mit anderen Ansichten, nennt auf Nachfrage jedoch nur einen Studenten, der zeitweise dabei gewesen, später aber wieder ausgeschieden sei.

Offizielle Anlaufstelle?
Besonders widersprüchlich sind die Aussagen zur Rolle von Chazon beim Thema Antisemitismus. Im Gespräch mit tachles erklärt Christeler zunächst, die Universität Zürich habe die Organisation angefragt, als offizielle Anlaufstelle für antisemitische Vorfälle zu dienen.

Genau diesen Eindruck vermittelte Chazon auch öffentlich. In einem inzwischen gelöschten Instagram-Beitrag bezeichnete sich die Organisation als «die offizielle Anlaufstelle für Antisemitismus an der Universität Zürich». Im selben Beitrag hiess es: «Durch unsere Vereinbarung mit der Universität können Studierende, die Antisemitismus erleben, Vorfälle über uns melden und so die Universität direkter und effizienter erreichen».

Die Universität Zürich weist diese Darstellung jedoch entschieden zurück. Auf Anfrage von tachles schreibt sie, es sei ihr «nicht bekannt, dass Chazon als Meldestelle für antisemitische Vorfälle an der UZH fungiert». Es bestünden bereits universitäre Stellen dafür. Kurz nach der Anfrage von tachles wurden die entsprechenden Beiträge auf dem Instagram-Kanal von Chazon gelöscht.

Mehr Fragen als Antworten
Daraufhin relativiert Christeler gegenüber tachles ihre Aussagen. Man sei sich «nicht einig, wie wir das ausgemacht hatten». Deshalb wolle sie das Thema vorerst «weglassen». Eine Zusammenarbeit könne «ja noch passieren».

Warum Chazon diese Aufgabe übernehmen sollte, bleibt dennoch offen. Auf den Hinweis, dass sich mit der Schweizerischen Union Jüdischer Studierender bereits eine etablierte Organisation für jüdische Studierende einsetzt, entgegnet Christeler, Chazon wolle das bestehende Angebot lediglich «komplementieren». Die Organisation beschäftige sich mit jüdischer Geschichte, Kultur, Politik und Antisemitismus. Der Nahostkonflikt habe «ja schon sehr viele antisemitische Vorfälle ausgelöst». Deshalb mache es «auf jeden Fall mehr Sinn, dass wir uns darum kümmern als ein anderer Verein».

Als eigentliche Aufgabe beschreibt Christeler weniger eine Meldestelle als Präventionsarbeit. Antisemitismus müsse kein ausschliesslich jüdisches Thema sein. «Auch nicht jüdische Personen dürfen dabei sein und darüber lernen oder darüber diskutieren, was Antisemitismus ist und was nicht.»

Im Herbst will sich Chazon an der Universität Zürich offiziell vorstellen. Ob es der Organisation dann gelingt, ihren Anspruch und ihre Rolle klarer zu definieren, wird sich zeigen.

Emily Langloh