kunsthandel in der SCHWEIZ 14. Jan 2022

Streiter für die Moderne

Das impressionistische Ölgemälde «Die vier Bäume», gemalt von Camille Corot, schmückt das Cover des neuen Buches von Elisabeth Eggiman Gerber.

Ein neues Buch beleuchtet den modernen Kunsthandel in der Schweiz und das Wirken jüdischer Kunsthändler und Galeristen Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts.

Jüdische Kunsthändler und Galeristen stehen im Zentrum dreier ineinander greifender Phänomene, die im 20. Jahrhunderts von enormer Relevanz waren: die nach neuen, freien Formen des Ausdrucks strebende Kunst, die plurale jüdische Identität und die vom Antisemitismus getriebene Vernichtungspolitik der nationalsozialistischen Herrschaft. Gerade in der Schweiz potenzierte sich die aus diesem Gemenge resultierende Sprengkraft. Die Schweiz war Anziehungspunkt und dann auch Zuflucht für Künstler, Kunsthändler sowie Sammler – die massgeblichen Akteure auf dem Kunstmarkt. Und sie war eine Drehscheibe für den Handel auch mit Raubkunst und für Geschäfte mit Werken der Moderne, die als «entartete Kunst» etikettiert, aus den Museen entfernt und so ebenfalls auf den Markt gespült wurden.

Letzteres mit allen Ambivalenzen, die dies mit sich bringt: Rettung von Kunstwerken vor Zerstörung und Einlagerung von Besitztum in die Flucht Getriebener einerseits, teils dubiose Geschäftemacherei andererseits. Dieses komplexe Thema hat Elisabeth Eggimann Gerber wissenschaftlich aufgearbeitet. Mit ihrem Buch «Jüdische Kunsthändler und Galeristen. Eine Kulturgeschichte des Schweizer Kunsthandels» liegt nun eine Studie vor, die sich mit der spannungsreichen Beziehung zwischen Produzenten (Künstlern), Verkäufern (Kunstgaleristen) und Käufern (Sammlern) beschäftigt, mit Motiven, Vorgehensweisen und strategischen Anpassungen der Marktteilnehmer, mit Rechtsstreitigkeiten und ungeschriebenen Gesetzen der schillernden Kunstszene, mit den historischen Umständen, in denen die Beteiligten agierten, mit den Laufbahnen der Galeristen und ihren Schicksalen. Geistige Inspirationsquelle für die Moderne war die Kunstwelt um 1900 im damals tonangebenden Paris. Von dort eroberte der Impressionismus, dessen Werke von Galeristen wie Cassirer in Berlin präsentiert wurden, als Exportschlager Deutschland, die Schweiz, Europa und die Welt. Der Kulturexport wurde breit rezipiert. Er befeuerte die Entwicklung von Künstlern von Max Liebermann bis Pablo Picasso, der durch das Engagement jüdischer Kunsthändler wie Berthe Weill, Léon Bollag, Ludwig Schames, Daniel-Henry Kahnweiler, Alfred Flechtheim, Heinrich Thannhauser, Paul Rosenberg und Siegfried Rosengart und durch Schweizer Sammler zum Künstler des 20. Jahrhunderts schlechthin avancieren sollte: im Westen stilisiert zum Genie und Lebemann, im Osten erhoben zur Galionsfigur des Kommunismus. Den Beginn dieses Kapitels Schweizer Kunstgeschichte, das Eggimann Gerber betrachtet, markiert unter anderem das Bild, das das Cover des Buches schmückt: Das impressionistische Ölgemälde «Die vier Bäume», gemalt von Camille Corot. Mit diesem Werk schliesst sich zugleich ein Kreis: Der Rüstungsindus-trielle und Kunstmäzen Emil G. Bührle, dessen Sammlung seit der Neueröffnung des Neubaus des Kunsthauses Zürich im Oktober alte und neue Fragen aufwirft, hatte es 1937 in der Zürcher Galerie Aktuaryus erworben.

Als sich jüdische Kunsthändler für die moderne Kunstrichtung einsetzten, gerieten sie in einen Konflikt. Einen Konflikt zwischen eigener Begeisterung für die Bildsprache und die Stilmittel der Moderne einerseits und dem Geschmack der solventen Kundschaft, dem konservativ denkenden Publikum, das Altmeisterliches, Idealisierendes oder Nationales erwartete, andererseits. Die Kunstanbieter erhoben den Gestaltungsanspruch, eine selbst bestimmte «Kulturagenda» zu verfolgen. Mit ihrer Arbeit und ihrem kuratierten Angebot dachten sie auch, das arrivierte und bisweilen behäbige Bürgertum, ihre Kunden, zu mehr ideeller Offenheit zu bewegen, was durchaus fruchtete. Indem Händler und Galeristen Kunstschaffende mit kunstinteressierten Eliten zu neuen Gruppen verbanden, übten sie grossen gesellschaftlich Einfluss aus. Zugleich erschwerte die Auffassung des irritierten Pu-blikums, moderne Kunst, speziell die Grotesken des Expressionismus, sei ein krudes Ergebnis krankhafter Wahrnehmung, die Akzeptanz des Neuen. Die Erwartung, Kunst möge Gesehenes möglichst naturgetreu und schön wiedergeben, mündete in die Abwertung ausdrucksbetonter Werke als «entartet» und den Ausverkauf des «Degenerierten».

Demgegenüber stiess das Verpönte in Amerika auf Bewunderung und einen aufgeschlossenen Absatzmarkt: Unzählige Werke landeten via Schweiz in den USA. Mit ihrem Einsatz für unliebsame Kunst gingen die Galerie-Betreiber als Promotoren ein Risiko ein. Den deutschen Kunsthändler Alfred Flechtheim etwa fesselten die Arbeiten Picassos – für den sich in Paris die Amerikanerin Gertrude Stein in ihrem legendären Salon stark machte – derart, dass er, einer der prominentesten Förderer der Avantgarde in der Weimarer Republik, einen öffentlichen Kampf auf sich nahm. Der machte ihn weithin bekannt, aber diskreditierte ihn auch.

Exemplarische Karrieren
Die Lebenswege, die die Autorin in ihrem Buch nachzeichnet, sind beispielhaft und doch jeder für sich einzigartig. Die Brüder Gustave und Léon Bollag waren die ersten jüdischen Kunsthändler schweizerisch-jüdischer Herkunft. Geradezu symptomatisch für die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die Biografie der Thannhausers als Ausnahme-Kunsthändler. Justin Thannhausers Vater war der Kunsthändler Heinrich Thannhauser, der 1909 in München die Moderne Galerie eröffnet, 1913 die erste grosse deutsche Picasso-Ausstellung und 1911 die Premiere der «Blauen Reiter» ausgerichtet hatte. Er wechselte von München nach Luzern, Berlin, Paris und schliesslich nach New York und starb 1976 in Bern. Schon 1963, wenige Jahre nachdem das Guggenheim-Museum sein spektakuläres Frank-Llyod-Wright-Gebäude eingeweiht hatte, hatte Mäzen Thannhauser den New Yorkern Werke seiner hochkarätigen Sammlung übergeben. Das Buch befasst sich auch mit der Stiftung Rosengart in Luzern: Dank einer Schenkung der Stifterin Angela Rosengart sind im Museum Rosengart etliche Meisterwerke der Klassischen Moderne und des Impressionismus zu sehen. Mit mehreren Künstlern der Moderne war Rosengart befreundet, vor allem mit Picasso, der sie mehrmals porträtierte. 1978 schenkten Angela Rosengart und ihr Vater Siegfried der Stadt Luzern acht Meisterwerke des Spaniers und legten damit das Fundament für das Luzerner Picasso Museum, das sie mit weiteren Schenkungen bereicherten.

Die Galerie des jüdischen Kunsthändlers Toni Aktuaryus nimmt im Buch eine besondere Stellung ein. Nicht nur weil der an Wechseln reiche Lebensweg der 1927 in Zürich geborenen und 2020 in Chicago verstorbenen Gründertochter Yvonne Dunkleman-Aktuaryus ein exemplarischer ist und Elisabeth Eggimann Gerber eine persönliche, im Buch beschriebene Beziehung zu Dunkleman-Aktuaryus hatte, die gewissermassen der Auftakt ihres Buches war. Toni Aktuaryus hatte 1924 in Zürich eine Galerie eröffnet. Im Bemühen, der Schweizer Kunstszene neue Impulse zu verleihen, begann das Haus, sich mit Zeitgenossen wie Cuno Amiet, Ernst Morgenthaler und Ernst Ludwig Kirchner zu vernetzen und überdies junge Talente wie Alberto Giacometti auszustellen. Mit Innovationen wie einer eigenen Zeitschrift und viel besuchten Vernissagen-Events ging die Galerie auch in puncto Öffentlichkeitsarbeit neue, sehr erfolgreiche Wege. Die Galerie Aktuaryus wurde zudem eine wichtige Anlaufstelle für aus Deutschland Vertriebene, die ihre Sammlungen zu Geld machen mussten, um ihre Flucht zu finanzieren. Ein guter Kunde war auch Emil G. Bührle, der dort 1936 erste Bilderkäufe getätigt hatte. Im Juli 1941 verkaufte Aktuaryus ihm beispielsweise einen Gauguin aus der Sammlung des 1940 verstorbenen jüdischen Kaufhauskönigs Max Emden aus Hamburg, um einen weiteren gewichtigen Namen ins Spiel zu bringen. Kostspieligere Werke erstand Bührle auch bei Siegfried Rosengart in Luzern, der die dortige Filiale der Thannhauser-Galerie übernahm.

Transatlantischer Neubeginn
Die Dichte von Namen jüdischer Akteure, die die Autorin in ihrem instruktiven Buch aufführt, verdeutlicht auch, wie eng der Markt in der Schweiz mit der Zeit wurde. Da es nur wenige solvente Grosskunden gab, die sich Hochpreisiges leisten konnten, wuchs zwangsläufig der Konkurrenzdruck unter den Händlern. Mobilität erwies sich als eine Trumpfkarte. Die jüdischen Kunsthändler waren aufgrund ihres Bildungshorizonts – eine Kombination aus höherer Schulbildung, kaufmännischer Ausbildung, Kulturaffinität und Mehrsprachigkeit – sowie ihrer Flexibilität, ihrer Reisen und der ihnen möglichen Rückgriffe auf ein überregionales Verwandtschaftsnetzes dafür prädestiniert, ihre Antennen transnational auszurichten. Sie gingen aber mit ihrer Weltoffenheit das Risiko ein, in Konflikt mit dem Begriff der Nationalkultur zu geraten.

Walter Feilchenfeldt, der 1919 in Berlin in den Kunstsalon von Paul Cassirer eingetreten war, den er nach Cassirers Tod 1926 auch geleitet hatte, Feilchenfeldt, dem später die Flucht in die Schweiz gelang und der 1948 in Zürich die Kunsthandlung Walter Feilchenfeldt gründete, war einer der ersten, der vor Raubkunstgut warnte. Er riet 1939 davon ab, auf der Auktion bei Fischer in Luzern Objekte zu erwerben, die unter nationalsozialistischer Herrschaft deutschen Museen entwendet worden waren. Waffenhändler Bührle schlug dies in den Wind. Er nahm 1939 an der Auktion bei der Galerie Fischer in Luzern teil, an der als «entartet» deklarierte Werke aus deutschen Museen unter den Hammer kamen. 1942 schloss er ein Gegengeschäft: Fischer verkaufte französische Impressionisten an Bührle und beteiligte sich im Gegenzug an der Altmeister-Sammlung Coray, in die Bührle investiert hatte. In den Kriegsjahren wurde der Kunsthändler Fritz Nathan in St. Gallen zu Bührles engstem Berater. Nach dem Krieg lief New York Paris als Nabel der Kunstwelt den Rang ab. Emigranten, die in die neue Welt gekommen waren, hatten mitunter Bilder von deutschen Expressionisten mitgebracht: Ernst Barlach, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Paul Klee. Galerien wie Feilchenfeldt stellten diese Maler aus und verhalfen ihnen auf dem amerikanischen Markt zum Durchbruch. Ein besonderer Kunde des Hauses war Erich Maria Remarque, der nach dem Erfolg seines Weltbestsellers «Im Westen nichts Neues» eine exquisite Gemäldesammlung mit exzellenten Werken französischer Impressionisten wie Paul Cézanne, Edgar Degas, Vincent van Gogh, Pierre-Auguste Renoir und Honoré Daumier aufbaute und diese im amerikanischen Exil erweiterte. Umgekehrt drangen aus Amerika Impulse nach Europa. Die Kunst brach zu neuen Ufern auf, weg von der reinen Schönheit und belastender Tradition, hin zur Spannung, zum Action Painting. Zum Jetzt. Aus diesem transatlantischen Austausch erwuchs ein neuer Zeitgeist. Die alte Welt hatten dem wenig entgegenzusetzen.

Katja Behling