Daniela Fariba Vorburger löst Rolf Blumenfeld als Präsidentin der Jüdischen Gemeinde St. Gallen ab – ein Gespräch über Generationenwechsel und die Zukunft einer kleinen Einheitsgemeinde.
tachles: Sie sind die dritte Präsidentin der Jüdischen Gemeinde St. Gallen. Sie folgen auf Rolf Blumenfeld, der das Amt viele Jahre innehatte. Was hat Sie motiviert, dieses Amt zu übernehmen?
Daniela Fariba Vorburger: Der aktuelle Vorstand der Jüdischen Gemeinde St. Gallen, einer Einheitsgemeinde, ist ein lange bestehender Vorstand in der Formation, wie er am Sonntag bestätigt worden ist. Rolf Blumenfeld ist als Präsident und als Vorstandsmitglied altershalber zurückgetreten, alle anderen Mitglieder des ehemaligen Vorstands sind wiedergewählt worden. Wir sind mehrheitlich eine sehr junge Gruppe: Der Vorstand besteht heute nach der Wahl aus mehreren Frauen und einem Mann. Wir verzeichnen also einen Generationen- und Genderwechsel im Vorstand. Wir haben die vielen Aufgaben, die unser ehemaliger Präsident innehatte, auf unsere Schultern verteilt, weil wir alle berufstätig sind und Kinder und Familien haben. Die Frage, wer das Präsidium übernehmen wird, wurde lange diskutiert und schlussendlich im Konsens entschieden, dass ich das Präsidium und somit formell die Verantwortung übernehmen würde. Das habe ich auch gerne getan, denn ich bin überzeugt, dass wir die Aufgaben in kollegialer Zusammenarbeit gemeinsam gut bewältigen werden.
In der Jüdischen Gemeinde St. Gallen sind die Finanzen weniger ein Problem, aber St. Gallen zieht vielleicht weniger jüdische Menschen an als vor 100 Jahren. Sie haben also ein Zukunftsproblem. Was ist Ihr programmatisches Ziel?
Das wichtigste Anliegen ist, dass wir den Mitgliedern ein Gemeindeleben bieten, das ihren Bedürfnissen entspricht. Zum Glück sind in den letzten Jahren viele Kinder in unserer Gemeinde geboren worden, die nun im Kleinkind- und Kindergartenalter sind. Deshalb bieten wir vermehrt Veranstaltungen für junge Familien an. Gleichzeitig haben wir eine Überalterung und müssen auch den langjährigen Mitgliedern ein Angebot geben, damit sie sich weiterhin in ihrer Gemeinde zuhause fühlen.
Welche Modelle der Mitgliedschaft gibt es für gemischt-religiöse Beziehungen, da St. Gallen ja ein offenes, orthodoxes Rabbinat hat?
Wir sind nach wie vor eine nach orthodoxen Massstäben funktionierende Gemeinde. Wir haben momentan keine Möglichkeit, nicht jüdische Partner aufzunehmen. Bei Chagim und Festivitäten im Gemeindesaal nehmen gemischte Ehepaare immer gemeinsam teil. Sie sind und fühlen sich auch sehr willkommen – das ist uns sehr wichtig. Aber es ist nach wie vor so, dass gemäss unseren Statuten nur halachisch jüdische Menschen Mitglieder der Gemeinde sein können.
St. Gallen liegt an der historischen Schweizer Fluchtgrenze. Ihr Gemeindearchiv seit der Gründung 1863 wurde nun dem Archiv für Zeitgeschichte der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich übergeben (vgl. Kasten). Weshalb dieser Schritt?
Wir hatten Dokumente seit dem Gründungsjahr 1863 in unserem Archiv und diese seit geraumer Zeit auch in feuerschutzsicheren Schränken bei uns aufbewahrt, aber es ist wichtig, dass relevante Akten der Forschung zugänglich gemacht werden. Es ist eine relevante Zeitspanne für jüdische Gemeinden in der Schweiz, gerade weil wir sehr grenznah sind und die Jüdische Gemeinde St. Gallen in den Kriegsjahren eine zentrale Rolle für viele Flüchtlinge gespielt hat. Das Archiv für Zeitgeschichte ist ein super Partner für ein solches Projekt, und wir sind sehr dankbar, dass es das so gut übernommen hat.
Nach der Pandemie kam der Nahost-Konflikt, in manchen Städten stärker als in anderen. In St. Gallen hat man weniger von Protesten gehört. Wie ist die Situation bei Ihnen?
Ja, das stimmt, und darüber sind wir sehr froh. Wir haben das Gefühl, dass die Jüdische Gemeinde St. Gallen weniger im Fokus stand als Gemeinden in Zürich oder anderen Städten. Wir stellen aber fest, dass sich auch unsere Mitglieder verstärkt um ihre eigene Sicherheit sorgen. Wir haben einen sehr guten Kontakt zur Politik inklusive der Polizei und dem nicht jüdischen Umfeld, den wir sehr schätzen und intensiv pflegen. Dieser Austausch scheint uns eine gewisse Sicherheit zu geben.
Viele jüdische Gemeinden stellen sich heute existenzielle Fragen, vor allem demografischer Natur. Wie sehen Sie die nächsten Jahre?
Viele Gemeinden haben Existenzängste. Ich erinnere mich, dass die Angst auch bei uns gross war, als ich 2022 in den Vorstand eintrat – vor allem hinsichtlich der Frage, ob ein Generationenwechsel in der Führung stattfinden würde. Dieser ist nun zum Glück gelungen und wir können auch weiterhin von Neuzugängen sprechen. Letztes Jahr zählten wir sechs neue Mitglieder. Die St. Galler Gemeinde betreut zudem vier Kantone, dazu kommt das Einzugsgebiet des nahen Auslands. Daher befürchte ich nicht, dass die Gemeinde in naher Zukunft grundsätzlich schrumpfen wird.