im Gespräch 26. Jun 2026

Für Zivilgesellschaft und Demokratie

Jaron Bernstein und Rachel Halpern stellen die Weichen für die Zukunft des NIF Schweiz.

Jaron Bernstein und Rachel Halpern haben den New Israel Fund Schweiz während rund acht Jahren im Co-Präsidium geführt – im Interview blicken sie auf bewegte Jahre und neue Herausforderungen.

tachles: Der New Israel Fund (NIF) gilt in Teilen der jüdischen Gemeinschaft als Reizthema – als antiisraelische Organisation linker, «selbsthassender» Juden. Wie geht man damit um?
Jaron Bernstein: Diese Wahrnehmung ist erstaunlich – und noch erstaunlicher ist, wie stark sich der NIF in den vergangenen Jahren in der Mitte der jüdischen Gemeinschaft verankert hat, auch finanziell. Wir erhalten heute allein in der Schweiz Millionenspenden von grossen Stiftungen jüdischer Familien und haben Millionenlegate erhalten. Das alles ist eine Entwicklung der letzten fünf Jahre. Die Zahl unserer regelmässigen Spenderinnen und Spender hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt. Entstigmatisierung durch Taten, nicht durch Reden über das Stigma – das war meine strategische Priorität.

Rachel Halpern: Der NIF ist zionistisch, er arbeitet ausschliesslich mit Organisationen innerhalb Israels und nicht in den besetzten Gebieten. Die jüdischen Menschen in der Diaspora identifizieren sich zunehmend mit den Werten des NIF und verstehen, dass die Kampagnen gegen den NIF nichts mit der Realität zu tun haben. Das spüren wir auch an unserem starken Wachstum in der Westschweiz in den letzten Jahren. Das Potenzial ist enorm.

Wie würden Sie dieses Potenzial beschreiben?
Jaron Bernstein: Der NIF ist die einzige Organisation – genauer: der einzige Fonds von Organisationen –, die sich innerhalb Israels für Demokratie, für Frieden und für eine echte «shared society» einsetzt. Und zwar als unabhängige Zivilgesellschaft, von unten gewachsen, nicht im staatlichen Auftrag. Das ist eine wesentliche Eigenschaft – gerade in einem Moment, in dem sich zwischen Regierung und Gesellschaft eine tiefe Kluft auftut. Israels Botschafter würde vermutlich Ähnliches sagen: «Auch wir setzen uns für Demokratie ein, Israel ist die einzige Demokratie der Region.»

Was antworten Sie ihm?
Jaron Bernstein: Der Unterschied liegt darin, dass wir die Menschen auf der Strasse direkt unterstützen. Wir fördern Organisationen, die Israelis selbst aufgebaut haben – keine staatlich organisierten Initiativen, keinen Ersatz für staatliche Ausgaben. Wir arbeiten für die Gesellschaft, nicht für die Regierung.

Wie lässt sich der NIF in einem nach wie vor demokratischen und wirtschaftlich erfolgreichen Land wie Israel überhaupt legitimieren?
Jaron Bernstein: Weil der israelische Staat genau in prodemokratische Strukturen nicht investiert. Die Geschichte des NIF beginnt Ende der 1970er Jahre, nach dem grossen Machtwechsel von der Awoda zum Likud im Jahr 1977. Bis dahin sah sich Israel als ein Sozialstaat, danach nicht mehr. Einen Diskurs über individuelle Rechte gab es kaum. 1979 floss erstmals Geld vom NIF an ACRI, die Association for Civil Rights in Israel. Bürgerrechte waren damals ein neues Konzept – das sagt viel aus.

Rachel Halpern: ACRI ist die älteste zivilgesellschaftliche Bürgerrechtsbewegungen Israels überhaupt.

Dann kam der 7. Oktober – ein Terroranschlag von beispiellosem Ausmass, und das unter einer rechtsextremen Regierung. Zwei Schnellzüge, die aufeinanderprallen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Jaron Bernstein: Der NIF musste zum ersten Mal in seiner Geschichte so etwas wie infrastrukturelle Nothilfe leisten. Die israelische Regierung bezahlte den Evakuierten eine Woche Hotelunterbringung – danach sprang der NIF ein und übernahm die Kosten für weitere Wochen. Das war eine absolute Ausnahme in unserer Geschichte, aber die Situation verlangte es. Nach rund einem halben Jahr kehrten wir zum normalen Betrieb zurück: unsere grundlegenden Werte über zivilgesellschaftliche Organisationen zu verwirklichen.

Rachel Halpern: Dazu war der NIF auch die erste Organisation, die mithalf, das Hauptquartier der Geiselfamilien aufzubauen. Wir sind bis zuletzt dafür eingestanden, dass alle Geiseln zurückkehren – während die Regierung oft Waffengewalt bevorzugte. Einav Zangauker, die Mutter von Matan, wurde durchgehend vom NIF unterstützt und hat letztes Jahr unseren Jahrespreis erhalten – die höchste Auszeichnung der israelischen Zivilgesellschaft.

In den vergangenen drei Jahren haben sich die Fronten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz verschärft. Viele sind nach rechts gerückt. Nehmen Sie das auch so wahr?
Jaron Bernstein: Ich sehe eine Verschiebung in alle Richtungen. Es gibt auch mehr jüdische Organisationen und Gruppierungen, die sich offen als nicht zionistisch, teils sogar als antizionistisch definieren – in den USA versteht sich mittlerweile nur rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung als zionistisch. Der NIF bleibt demgegenüber eine zionistische Organisation. Was sich in der Diaspora und auch hier in der Schweiz beobachten lässt, ist eine wachsende Kluft zwischen den offiziellen jüdischen Organisationen und einem immer grösseren Teil der jüdischen Bevölkerung. Jene Organisationen, die sich um die Jüdinnen und Juden und um deren Interessen hier kümmern, sollten sich zu Israel eigentlich konsequent gar nicht äussern. Sie müssen die Einführung der Todesstrafe in Israel nicht verurteilen – und ebenso wenig müssten sie die israelische Regierungspolitik hier in der Schweiz verteidigen.

An der Generalversammlung von nächster Woche treten Sie beide gleichzeitig als Co-Präsidenten des NIF zurück. Warum jetzt, und warum gemeinsam?
Jaron Bernstein: Weil es mit Jonathan Landau schlicht einen jüngeren und talentierteren Nachfolger gibt. Mit ihm haben wir jemanden gefunden, dem wir den NIF Schweiz nachhaltig anvertrauen können. Das ist eine ideale Gelegenheit für einen guten zukunftsorientierten Wechsel.

Rachel Halpern: Wir haben schon seit einer Weile gemeinsam mit dem Vorstand über die Zukunft des NIF Schweiz nachgedacht. Die ehrenamtliche Arbeit war enorm aufwendig. Wir haben eine Zeit des raschen Wachstums erlebt und hatten – Gott sei Dank – immer mehr zu tun, aber es brauchte viele persönliche Ressourcen. Inzwischen sind professionellere Instrumente und Prozesse aufgebaut, sodass das neue Präsidium auf einem soliden Fundament aufbauen kann. Als Vizepräsident wird Jacques de Haller es zudem mit seiner ausserordentlichen Erfahrung in gesamtschweizerischen und internationalen Organisationen ideal ergänzen.

Was kommt danach für Sie?
Jaron Bernstein: Wir bleiben beide im Vorstand und werden uns als ehemalige Präsidenten im Fundraising engagieren. So war es historisch immer: Ex-Präsidenten gehen ins Fundraising. Meine frei gewordenen ehrenamtlichen Ressourcen setze ich seit letztem Monat im Vorstand der JLG in Zürich ein.

Rachel Halpern: Ich werde zudem weiterhin kommunikativ mitarbeiten. Ich bin seit 2019 dabei – sieben Jahre. Jaron zwei Jahre länger. Es war eine intensive, bewegte Zeit. Aber ich bin überzeugt: Der NIF ist wichtiger denn je.

Gab es direkte Repressionen gegen den NIF Schweiz – etwa vonseiten der israelischen Botschaft?
Jaron Bernstein: In der Schweiz spüren wir das nicht. Wir werden nach wie vor an die jährliche Jom-Haatzmaut-Feier eingeladen. In Israel hingegen werden die Räume für die von uns geförderten Organisationen immer enger.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was sind die programmatischen Prioritäten?
Jaron Bernstein: Zunächst die israelischen Wahlen. Der NIF beschäftigt sich intensiv mit der Frage ihrer Fairness – mit Wählerunterdrückung und mit dem Kampf gegen Falschinformationen. Wir finanzieren Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, und wollen sicherstellen, dass sie gut aufgestellt sind. Langfristig bleibt der Schutz von Minderheiten in Israel zentral. Das war seit den Anfängen ein Kernthema des NIF: dass alle israelischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger gleich behandelt werden. Das Nationalstaatsgesetz hat daran grundsätzlich gerüttelt. Und mit Ministern wie Ben-Gvir ist die Behandlung von Minderheiten eine offene Wunde. Wir sehen, dass deren Benachteiligung und Delegitimierung auch die Fairness der Wahlen beeinflusst.

Könnte sich Israel in Richtung jener autoritären Staaten entwickeln, die es stets kritisiert hat?
Jaron Bernstein: Dann würde der NIF schlicht noch wichtiger.

Rachel Halpern: Und das Umfeld zugleich schwieriger. Der NIF und seine Partnerorganisationen werden direkt angegriffen. Konten wurden eingefroren – kurzfristig und mit fadenscheinigen Begründungen, aber das genügt, um Löhne nicht mehr zahlen zu können und Projekte zu stoppen. Aktivistinnen wurden bei Demonstrationen verhaftet und meist rasch und ohne Anklage wieder freigelassen. Das zeigt: Es war reine staatliche Schikane. Und das NGO-Gesetz, das Spenden mit bis zu 80 Prozent besteuern würde, hängt wie ein Damoklesschwert über uns.

Israels Regierung will mit einem neuen Gesetz die NGOs massiv einschränken. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Rachel Halpern: Die Regierung will Spenden von staatlichen Institutionen aus dem Ausland mit bis zu 80 Prozent besteuern und den Organisationen den Zugang zum Obersten Gericht verwehren – und damit unsere Arbeit erschweren. Letztlich ist das eine unsägliche Entwicklung, die aber gerade belegt, wie sehr es eine regierungsunabhängige Zivilgesellschaft braucht.

Yves Kugelmann