bern 11. Sep 2026

Eine Minute Erinnerung

Tim Enderlin, Madeleine Schuppli, Marieke Kruit, Ignazio Cassis, Salomé Gutscher, Andrea Steegmüller, Jannik Giger, Isabel Koellreuter, Franziska Schürch und Rahel Zaugg (v. l.).

Das Schweizer Memorial nimmt Gestalt an – in Bern soll «unfolded minute» künftig an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Auf der Berner Casinoterrasse soll künftig nicht nur gesehen, sondern auch gehört werden. «unfolded minute» heisst das Siegerprojekt für den Schweizer Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus. Im Zentrum steht eine gefaltete Wand aus Stahl, deren Form der Schweizer Landesgrenze nachempfunden ist. Eingefräste Zungen werden durch kleine Hämmer zum Klingen gebracht. Mehrmals pro Stunde ertönt eine einminütige Klangfolge, als Umkehrung der klassischen Schweigeminute.

Jede dieser Minuten soll für das Leben eines Opfers des Nationalsozialismus stehen und anders klingen. «Jedes Leben bekommt eine eigene Melodie», erklären die Kulturwissenschaftlerin Franziska Schürch und die Historikerin Isabel Koellreuter gegenüber tachles. Gemeinsam mit Jannik Giger, Rahel Zaugg, Salomé Gutscher und Andrea Steegmüller gehören sie zum Siegerteam. Rein rechnerisch liessen sich aus den vorgesehenen Tönen Klangfolgen erzeugen, die sich über einen praktisch unbegrenzten Zeitraum nicht wiederholen. Auch der Name «unfolded minute» spielt mit diesem Gedanken des Entfaltens, ebenso wie mit der gefalteten Form der Klangwand.

Klangwalk
Die Casinoterrasse ist aber kein abgeschiedener Gedenkort. Menschen überqueren sie, sitzen im Café oder gehen ins benachbarte Hotel. «Es gibt viele Spaziergänger, die einfach durchlaufen», sagt der Historiker Jacques Picard gegenüber tachles. Gerade deshalb hält er die Entscheidung für den Klang für interessant: «Mit dieser Klangwand haben sie eine Antwort darauf gefunden.»

Picard, emeritierter Professor der Universität Basel und Experte für jüdische Geschichte und Erinnerungskultur, sieht darin keine neue Form des Gedenkens. Auch das Kindermemorial in Yad Vashem oder das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin arbeiteten mit Klang. «Von daher ist es in Bern mutig und gut, dass man sich entschieden hat, mit Klang zu arbeiten», sagt er. Das korrespondiere auch mit dem schwierigen Standort.

Schürch und Koellreuter wollten bewusst etwas schaffen, «das gehört wird und nicht übersehen werden kann». Gleichzeitig darf der Alltag auf der Terrasse nicht verschwinden. Hinzu kommt der Denkmalschutz, der bauliche Eingriffe stark begrenzt. Auch das Baugesuchsverfahren steht noch bevor.

Hinter der Melodie
Wer stehen bleibt, soll allerdings mehr erfahren als eine abstrakte Klangfolge. Zwei digitale Bildschirme sollen einzelne Biografien erzählen und insbesondere deren Verbindung zur Schweiz sichtbar machen. Schürch und Koellreuter nennen als Beispiel einen Menschen, der von Schweizer Behörden ausgewiesen wurde und später in einem Konzentrationslager ums Leben kam. Dabei soll deutlich werden, dass hinter solchen Schicksalen konkrete Entscheidungen standen: «Das war ein Behördenentscheid, den hätte man auch anders treffen können.»

Ein kleines Forum für rund 30 Personen soll Führungen, Gespräche und Veranstaltungen ermöglichen. «Die Vermittlung ist sehr wichtig – die braucht es», betonen Schürch und Koellreuter. Rund 80 Jahre nach Kriegsende und mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen gehe es darum, die Erinnerung wachzuhalten und Menschen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen.

Mehr als Bern
Für Picard liegt der entscheidende Punkt ohnehin ausserhalb der Stahlwand. «Das Memorial ist ja mehr als nur die Casinoterrasse», sagt er. «Man kann nicht nur an einem einzelnen Ort erinnern, so wichtig das ist. Es muss vernetzt sein.» Denn «unfolded minute» ist nur ein Teil des Schweizer Memorials. Daneben soll in Diepoldsau im St. Galler Rheintal das «Vermittlungszentrum Flucht» entstehen, hinzu kommt ein gesamtschweizerisches Netzwerk von Institutionen und Initiativen. Gerade dieses Netzwerk hält Picard für zentral. Denn an Erinnerungsorten an die Schoah fehlt es in der Schweiz nicht: Rund 70 existieren bereits, etwa auf dem jüdischen Friedhof in Bern, in Riehen oder bei der jüdischen Gemeinde in Genf. Der Unterschied: «Die sind alle nicht eidgenössisch und nicht staatlich. Das ist eine ganz andere Dimension», sagt Picard. Statt mit dem neuen Memorial bestehende Gedenkorte zu ersetzen, sollten diese Teil des Netzwerks werden und schweizweit sichtbar sein. So könnte der Erinnerungsort in Bern weniger als einzelnes Denkmal, denn als Ausgangspunkt einer vernetzten Erinnerungskultur wirken.
 

Emily Langloh