Nadine Reichenthal war sieben Jahre lang mit einem gläubigen Juden verheiratet und verlor ihren Mann 1982. Als Französin und Mutter eines kleinen Kindes wurde sie vom Staat unter Vormundschaft gestellt. «Damals war in der Schweiz der Mann das Familienoberhaupt, und eine Frau galt – anders als in Frankreich – als unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Damals gab es keinerlei Betreuungsangebote für berufstätige Frauen, und nur dank meiner ehemaligen Klassenkameradinnen und dieser Solidarität unter Frauen konnte ich unseren Lebensunterhalt bestreiten.» Einige Jahre später befreite die Reform des Eherechts die Frauen aus dieser Bevormundung. Die charakterstarke, ausgebildete Ökonomin, die einige Jahre als Dozentin an der Universität Lausanne und der Universität Genf tätig war, wurde zu einer Schlüsselfigur des Unternehmertums in der Westschweiz. Sie begleitet innovative Entwicklungsprojekte in der Schweiz und international, beispielsweise in Burkina Faso, Tansania oder Bangladesch. Sie setzt sich für die wirtschaftliche Selbstbestimmung von Frauen und für weibliche Führungskräfte ein und hat insbesondere durch die Anerkennung bereits erworbener Kompetenzen zur Schaffung des eidgenössischen Fachausweises für das Management von kleinen und mittleren Unternehmen beigetragen, der ursprünglich für die Ehefrauen von Handwerkern gedacht war. Zudem stand sie zehn Jahre lang an der Spitze des Clubs der Unternehmerinnen, bevor sie den Vorsitz des im Mai 2026 in Lausanne gegründeten Vereins der Universalistischen Feministen und Feministinnen übernommen hat, den sie heute innehat. Ihr zweiter Ehemann, ein inzwischen verstorbener Christ aus dem Tessin, begleitete sie in der Folge sowohl in ihrem jüdischen Glauben bei der Gründung des Gan Chlomo und der Marx-Schule in Lausanne als auch in ihrem feministischen Engagement. Auf kommunaler Ebene engagiert sie sich in ihrer Gemeinde St. Sulpice bei Lausanne.
Nadine Reichenthal
19. Jun 2026
Opfer einer patriarchalischen Schweiz
Redaktion