Streik 25. Feb 2026

Wem gehört das Gedenken?

Natascha van Weezel
Schriftstellerin und Filmemacherin Natascha van Weezel.

In Amsterdam wird heute an einen Streik erinnert, mit dem Arbeiter vor 85 Jahren gegen Razzien und Deportationen der jüdischen Bevölkerung protestierten. Die Auswahl der Sprecher sorgt dabei im Vorfeld für Streit.

Dass die Schriftstellerin und Filmemacherin Natascha van Weezel in Amsterdam geboren wurde und aufwuchs, hängt sehr wesentlich mit dem Februar-Streik zusammen. Dieser Protest gegen die ersten Razzien der deutschen Besatzer gegen die jüdische Bevölkerung, der sich von Amsterdam aus über die Umgebung ausbreitete, fand vor genau 85 Jahren, am 25. und 26. Februar 1941 statt, initiiert von der damals illegalisierten Communistische Partij van Nederland (CPN).

Nach der Befreiung kamen Van Weezels Grosseltern, die als polnische Juden einst aus Berlin und Wien in die Niederlande geflohen waren und sich rechtzeitig vor den Deutschen in die Schweiz hatten retten können, zurück nach Amsterdam. Warum, erklärten sie der Enkelin auf ihre Frage hin später so: «Dies war das einzige Land in Europa, in dem Zehntausende Bürger in Aufstand kamen. Das taten sie extra für uns. In so einem Land willst du doch leben?» 

Von der weit verbreiteten Kollaboration und dem Verrat jüdischer Menschen durch ihre nicht-jüdischen Mitbürger für ein paar Gulden erfuhr Van Weezel erst viel später. Trotzdem, so schrieb sie dieser Tage in der Amsterdamer Tageszeitung «Het Parool». War sie «dank der warmen Geschichten meines Opas über den Februar- Streik immer davon durchdrungen, dass es auch Menschen gibt, die sich selbst in den furchteinflössendsten Situationen selbstlos füreinander einsetzen».

Durchdrungen von der Erinnerung an den Februar- Streik ist auch das kollektive Gedächtnis der niederländischen Hauptstadt, die von Alteingesessenen wie Zugezogenen gerne liebevoll «Mokum» genannt wird. Diesen Namen gab Amsterdam ihre jüdische Bevölkerung, die vor dem Holocaust zehn Prozent der Einwohner ausmachte. Zwar werden die jährlichen Gedenkfeiern in der Regel von höchstens ein paar Tausend Menschen besucht, doch im Selbstverständnis und historischen Bewusstsein Amsterdams ist das Datum und das, was damals geschah, ein fester Referenzpunkt. 

Dennoch- oder vielleicht gerade darum- ist das Gedenken ausgerechnet in diesem Jahr besonders umstritten. Was in erster Instanz an Tofik Dibi lag, einem ehemaligen Abgeordneten der Partei GroenLinks und heute einer der prominentesten Figuren der antirassistischen Links-Partei BIJ1. Dibi, bekannt als ausgesprochen pro-palästinensisch und Befürworter eines Israel- Boykotts, wünschte einst per Tweet pro- israelischen Demonstranten Magenprobleme. Der Gewerkschafts-Dachverband FNV lud Dibi zunächst als Sprecher seiner eigenen Gedenkveranstaltung im Stadthaus ein, die vor dem öffentlichen Teil im ehemaligen jüdischen Viertel Amsterdams stattfindet.

Zumal in jüdischen Kreisen sorgte das für viel Kritik. Das Israel- Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI)sprach von einem «Fehltritt» und nannte Dibi «keinen Verbinder, sondern jemand, der spaltet». Vorgeworfen wird ihm nicht zuletzt, die orchestrierte Gewalt gegen Maccabi Tel Aviv- Fans nach einem Europacup- Match in Amsterdam 2024 zu leugnen und die «Judenjagd», von den pro-palästinensischen Tätern selbst so genannt, stattdessen zur «Araberjagd» umgedeutet zu haben. 

Ende Januar lud man Dibi wieder aus. Das Gedenken des Februar- Streiks, so eine FNV- Stellungnahme, sei «eine wichtige Tradition für die Niederlande und die Gewerkschaftsbewegung», bei der es um «all die tapferen Menschen, die 1941 ihre Arbeit niederlegten und gegen die deutschen Besatzer wegen der Verfolgung ihrer jüdischen Kollegen und Stadtgenossen» gehe. Zudem handele es sich um «eine Reflexion über Widerstand gegen heutige Ausgrenzung und Diskriminierung». Dagegen sei eine Gedenkveranstaltung nicht der richtige Ort «um politische Kontroversen der Gegenwart zu schlichten».

Reflektieren über die Gegenwart: ja; deren Konflikte austragen: nein! Das gewerkschaftliche Statement drückt damit aus, wie umkämpft und brisant dieses Erinnern ist, und wie viel Nuancierungsvermögen in diesem Umfeld vonnöten sind. Die Kernfragen, um die es hier geht, sind kein Alleinstellungsmerkmal des Februar- Streiks, sondern recht allgemein: um wessen Gedenken handelt es sich, sprich: welche heutigen Akteure erinnern an welche geschichtlichen? Werden die historischen Ereignisse und ihre Opfer instrumentalisiert oder bagatellisiert, wenn man einen Bezug zur Gegenwart oder anderen Zeiten herstellt?

Um sie in diesem Fall zu beantworten, hilft ein Blick auf den Kontext des Februar-Streiks und der Art, wie er erinnert wurde. Jair Strander, Vorsitzender des Comité Herdenking Februaristaking 1941 betont gegenüber tachles, schon vor dem Streik, der sich gegen die Judenverfolgung richtete, hätten niederländische Kommunisten gegen Lohnkürzungen protestiert. Das Gedenken an den Streik sei insofern immer zwischen Kommunisten und Stadtverwaltung umkämpft gewesen. Daneben hätte es sich aber auch zu einem «politische Hochamt» linker Aktivisten in den Niederlanden entwickelt, die zu diesem Anlass über die Jahre jeweils manifestiert hätten, «wofür und vor allem wogegen sie jeweils kämpften». 

Vor diesem Hintergrund ist es zunächst nicht verwunderlich, dass die postkolonialen Inhalte der letzten Jahre und zumal der Fokus auf den Nahost- Krieg sich auch im Gedenken an den Streik widerspiegelten. Vom völligen Fehlen jeglicher Nuancierung kündeten dann wiederum die teils drastischen antizionistischen Äusserungen- etwa der Aufruf zu einer «Februar- Intifada» im Rahmen einer lokalen Gedenkveranstaltung im stark migrantisch geprägten Amsterdamer Westen vor zwei Jahren. Die Edition 2024, als Aktivisten das israelische Vorgehen im Gazastreifen mit der Judenverfolgung in Verbindung brachten, war ein Negativbeispiel dafür, wie die besagte Reflexion über Vergangenheit und Gegenwart zu einer politischen Instrumentalisierung der Opfer führen kann.

Sie ist- nicht nur, sondern vielmehr im Rahmen der latent angespannten Stimmung in Amsterdam im Zusammenhang mit den Geschehnissen in Israel und Palästina- der Grund dafür, dass auch in diesem Jahr bereits im Vorfeld die Zeichen auf Konflikt stehen. Mit der Ausladung Tofik Dibis war dieser längst nicht beendet, denn auch das bereits genannte Komitee, das die öffentliche Gedenkfeier organisiert, am Monument für den streikenden Dockarbeiter und gleich hinter der berühmten portugiesischen Synagoge, hat einen umstrittenen Sprecher eingeladen. 

Mitte Februar wurde bekannt, dass man neben dem GroenLinks- Dezernenten Rutger Groot Wassink auch Jerry Afriyie, einer der profiliertesten antirassistischen Aktivisten der Niederlande, als Sprecher eingeladen hat. Freilich fiel auch Afriyie in der Vergangenheit mit stark anti- israelischen Aussagen auf, weshalb die Kuppel- Organisation Centraal Joods Overleg sich in einem Brief an das Organisationskomitee beschwerte und forderte, Afriyie durch einen anderen Sprecher zu ersetzen.

Die Vorsitzenden Chanan Hertzberger und Hans Weijel werfen ihm vor, er habe Juden unter anderem als «Opfer, die drohen das Monster zu verkörpern, vor dem sie einst fliehen mussten» genannt - eine Aussage, die «fundamental gegen den Geist des 25. Februar 1941 verstösst». Auch habe Afriyie gefordert, Juden könnten «nicht länger wegzuschauen, während Israel im Namen deines Glaubens oder deiner Geschichte ein ganzes Land kolonisiert».

Weil es an diesem Tag im Kern um die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzer gehe, frage die Gedenkveranstaltung um «äusserste Sorgfalt im Ton, Kontext und Auswahl der Sprecher.» Anstelle von Afriyie möchte das CJO jemanden sehen, der «keine Kontroversen aufruft, sondern mit Einfühlungsvermögen die Botschaft des Februarstreiks übermitteln kann, in einer Stadt wie Amsterdam, wo ein Aufruf, aufzustehen gegen Antisemitismus leider bittere Notwendigkeit ist.» 

Das organisierende Komitee hält freilich an Afriyie fest und betont dessen Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in den heutigen Niederlanden. Und so könnte es an diesem Mittwoch einmal mehr eine unruhige Gedenkveranstaltung werden. In sozialen Medien kursierte kurz zuvor eine Idee, während der Rede Afriyies die israelische Nationalhymne anzustimmen.

Tobias Müller