Was steckt hinter einer Woche mit antisemitischen Anschlägen.
Liège, Belgien. Nacht auf den 9. März: ein Anschlag auf die einzige Synagoge der Stadt im Grenzgebiet zu Deutschland und den Niederlanden. Trondheim, Norwegen, Abend des 12. März.: Um die Synagoge herum findet ein Polizei-Einsatz statt. nachdem ein verdächtiges Auto mit zwei Personen davor gesichtet wurde. Beide flüchten, wodurch offenbar ein Anschlag verhindert wird. Wenige Stunden später, Rotterdam, Niederlande, Nacht auf den 13. März: Brandanschlag auf die Synagoge im Norden der Hafenmetropole. Amsterdam, Niederlande, 14. März: Explosion vor einer orthodox-jüdischen Schule.
Kein Zweifel: die Ereignisse der zurückliegenden Woche schickten, nicht zuletzt unter dem Eindruck weiterer Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Nordamerika, in ungekannt kurzen Abständen jene Wellen der Angst über den europäischen Kontinent, auf die terroristische Anschläge abzielen. «Sehr hart angekommen» sei der Anschlag in Amsterdam bei der dortigen jüdischen Bevölkerung, wie Nathalie Leons, deren Kinder auf einer andere jüdischen Schule in der Stadt gehen, dem Lokalsender AT5 mitteilte. Dabei wies sie auf das hochgesicherte Ziel des Anschlags, deren massive Aussenmauer einen schlimmeren Schaden verhinderte.
Die gleiche jüdische Mutter hielt vor wenigen Wochen erst eine Ansprache im Amsterdamer Gemeinderat: darin erinnerte sie daran, dass die «schwer gesicherte Schule» ihrer Töchter geschlossen blieb, nachdem die Hamas in Folge des 7. Oktober 2023 zu weltweiten Angriffen auf Juden aufgerufen habe. In ihrer Strasse seien jüdische Bewohner damals aus Autos, die mit palästinensischen Fahnen herumfuhren, eingeschüchtert und «erkennbar jüdische Häuser» fotografiert worden. Sie selbst habe in dieser Zeit die Mesusa von ihrer Tür entfernt.
Mit der Anschlagswelle der letzten Woche, so scheint es, ist der nächste Schritt der Eskalation gesetzt und sind den Einschüchterungen nunmehr Taten gefolgt. Sowohl An- als auch die Schlagzahl der Attentate ist schwindelerregend; die Drohung der in den letzten zwei Jahren so regelmässig gehörten oder auf Demonstrations-Plakaten gelesenen Parole ‹Globalize the intifada› erfährt nun ihre konkrete Umsetzung. Und das bedeutet nicht nur, dass sich der Terror über verschiedene Länder ausdehnt, sondern sich jeweils in kleinere, feinere Verästelungen ausstreckt.
Nach dem Anschlag von Liège wies Eitan Bergman, Vizepräsident des Consistoire Central Israélite de Belgique (CCOJB) darauf hin, dass entsprechende Attacken normalerweise auf Hauptstädte gerichtet sind. Globalisierter Terror, das bedeutet in diesem Fall eine kleine, alternde Gemeinde von einigen Hundert Leuten, am äussersten östlichen Rand Belgiens, die von den weitaus meisten Stadtbewohnern in der Regel nicht einmal wahrgenommen wird. Auch Trondheim, bekannt für die nördlichste Synagoge der Welt, liegt in der Peripherie. Die Explosion vor der jüdischen Schule sendet unterdessen die Botschaft aus: nicht nur Gotteshäuser, sondern auch andere jüdischen Einrichtungen sind anvisiert.
Es lohnt sich, weitere Details der Ereignisse der letzten Tage aus der Nähe zu betrachten. Anders als die belgische Polizei nach der Attacke in Liège nämlich konnte die niederländische bereits kurz nach der von Rotterdam die Festnahme von vier Verdächtigen melden: junge Männer im Alter von 17 bis 19 Jahren aus der Stadt Tilburg, im Süden des Landes nahe der belgischen Grenze gelegen. Ihre Wohnungen wurden durchsucht. Arrestiert wurden sie in einem Auto, das unweit einer nicht genannten weiteren Synagoge durch ungewöhnliches Fahrverhalten auffiel.
Just in diesem Zustand des Aufatmens, in dem die Festnahme signalisiert, dass die akute Bedrohung vorbei ist, kommt es schon in der nächsten Nacht zu einem erneuten Anschlag, der die Hoffnung auf Beruhigung als Trugschluss entpuppt. Am folgenden Vormittag sagt David van Weel, Minister für Justiz und Sicherheit, in einer Pressekonferenz, mögliche Verbindungen zwischen den Tätern beider Anschläge würden untersucht. Er räumte ein, dass der Ablauf der Anschläge ähnlich sei.
Während der Minister sich hier sehr zurückhaltend äussert, werden in Medien längst die auffälligen Aspekte diskutiert, die nicht nur die Angriffe von Rotter- und Amsterdam miteinander, sondern auch mit jenem in Liège verbinden. Von allen dreien kursierten wenig später Videos in sozialen Netzwerken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit dramatischer, bedrohlicher Musik unterlegt sind, die Explosionen aus nächster Nähe filmen, eine Datum-Kennzeichnung und schliesslich das schwarzweisse Logo mit Maschinengewehr und dem Schriftzug ‹Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya›- etwa ‹Islamische Bewegung der Gefährten des Rechts›.
Ralph Pais, Sprecher des Jüdischen Informations- und Dokumentationszentrums (JID), sagte tachles, gerade die Tatsache, dass die Täter sich filmen und die Aufnahmen selbst publizierten, sei „äusserst besorgniserregend“. Es zeige, dass sie sich vogelfrei fühlten. Der European Jewish Congress (EJC) reagierte mit einem Statement. Sollten sich die Anzeichen bestätigten, gäben die wiederholten Bekennerschreiben «Anlass zu ernsthafter Besorgnis über ein koordiniertes Netzwerk, das jüdische Gemeinden in ganz Europa ins Visier nimmt».
Damit scheint es, dass sogenannte ‹schlafende Zellen› im Auftrag des Regimes in Iran mit einer Welle von Angriffen auf internationale jüdische Einrichtungen begonnen haben. Berichte von US-Nachrichtendiensten, die entsprechende ‹trigger messages› zur Aktivierung der Zellen abgefangen hätten, tauchten am gleichen Tag des Anschlags von Liège auf, unter anderem der Jewish Chronicle publizierte darüber.
Laut dem niederländischen Jura-Professor (Universität Leiden) und Publizist Afshin Ellian, einst aus dem Iran geflohen, sandte das iranische Regime 12 Stunden nach Kriegsbeginn diese Informationen über Kurzwelle an alle Agenten weltweit. Dies sei «der Befehl zum Ausüben von Anschlägen auf Dissidenten, jüdische Menschen und Einrichtungen, Amerikaner und andere westliche Bürger» gewesen, so schrieb Ellian auf X.
Auf der gleichen Plattform nennt der Terrorismus-Experte Peter R. Neumann, Professor für Security Studies am Londoner King´s College die Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (HAYI) eine «irakisch-schiitische Frontgruppe». Joe Truzman, Senior Research Analyst der Foundation for the Defense of Democracy (FFD) und Experte für das globale terroristische Netzwerk des Iran, übernahm die zuvor unbekannte Gruppierung zwei Tage nach dem Liège-Attentat die Verantwortung dafür. In einem weiteren Statement habe sie die «Krieger des Islam» aufgefordert ihre Religion zu verteidigen.
Im von der FFD publizierten Long War Journal hält Truzman fest, derzeit sei nicht klar, «ob es sich bei IMCR um eine echte, mit dem Iran verbundene Organisation, eine Tarnorganisation innerhalb des Netzwerks von Tätern der Islamischen Republik oder um einen Schwindel handelt». Zugleich sei das Online-Bekennerschreiben durch mit der «Achse des Widerstands» unterstützende Telegram-Kanäle weitläufig verbreitet worden. «Dies könnte eine Verbindung zwischen Ashab Al Yamin und Iran-bezogenen Proxy-Organisationen nahelegen», schreibt die Jerusalem Post.
In Amsterdam sucht die Polizei unterdessen nach zwei Verdächtigen des jüngsten Anschlags. Nachdem einer von ihnen, wie aus Kamera-Aufnahmen hervorgeht, einen Sprengsatz vor der Mauer platziert hatte, flüchteten die beiden auf einem Motorroller. Solche Details der Ausführung der Anschläge erinnern an die Auseinandersetzungen in der niederländischen Szene organisierter Kriminalität. Dabei werden Handlanger eingesetzt, um vor Hauswänden und Türen von Kontrahenten Explosive zu zünden. In den letzten beiden Jahren ging es jeweils um 1.500, bzw. 1.300 Fälle. Zahlreiche Fahrer von Motorrollern wiederum waren im Herbst 2024 auch an den organisierten Angriffen auf israelische Fussballfans nach dem Match Ajax Amsterdam gegen Maccabi Tel Aviv beteiligt.
Auch das israelische Aussenministerium sieht in seinem Kommentar zu den jüngsten Anschlägen eine Verbindung mit dem «Pogrom gegen Israelis im November 2024» und beklagt eine «Antisemitismus-Epidemie». Israels Präsident Herzog kritisierte unterdessen, es sei vollkommen inakzeptabel, dass «die historische jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden, die durch den Holocaust zerstört wurde und heute ein blühendes Zentrum jüdischen Lebens ist, noch immer mit gewalttätigem Antisemitismus zu tun hat».
David Beesemer, Vorsitzender des niederländischen Maccabi-Zweigs, reagiert in einer Kolumne auf der Website jonet.nl auf die Situation mit einer auffälligen Forderung: «Juden müssen sich bewaffnen. Nicht morgen. Nicht, wenn es noch schlimmer wird. Jetzt.» Damit meint Beesemer allerdings weder Pistolen, Messer oder Knüppel, sondern eine «mentale Bewaffnung», um sich nicht klein oder ängstlich machen zu lassen.
Im Nachbarland Belgien, einst schwer betroffen von den ISIS-Anschlägen der Zehnerjahre, wird derweil über einen erneuten Einsatz des Militärs zum Schutz jüdischer Einrichtungen diskutiert. Daneben sieht das Jüdische Informations- und Dokumentationszentrum (JID) eine «fundamentale Frage» nach landesweiter Koordination der Bekämpfung von Antisemitismus. In vielen anderen europäischen Ländern gebe es dazu bereits eine tatkräftige Struktur. «Belgien kann es sich nicht erlauben zurück zu bleiben.»