Der Premier hat dem ex-Chef von Shin Bet vorgeworfen, ihn nicht umgehend von den Hamas-Attacken am 7. Oktober informiert zu haben.
Gestern Mittwoch hat Ronen Bar in einer 134-seitigen Klageschrift Binyamin Netanyahu vorgeworfen, der Premier lüge und habe ihn verleumdet, um sich selbst zu schützen. Bar war bis zum Juni 2025 Direktor des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und erklärt in der Klage, er habe den Militärsekretär des Ministerpräsidenten sofort nach ersten Anzeichen für einen möglichen Angriff der Hamas-Terroristen angerufen, habe jedoch nicht über Netanyahus persönliche Nummer verfügt. Netanyahu hatte erklärt, er sei am Morgen des Hamas-Angriffs nicht von Bar alarmiert worden und behauptet, er hätte den Angriff verhindern können, wenn der damalige Shin-Bet-Direktor oder die Militärführung ihn an jenem frühen Morgen angerufen und geweckt hätten.
Bar wirft Netanyahu nun vor, Vorwürfe gegen ihn zu äussern, «von denen er wusste, dass sie falsch waren, mit dem Ziel, die Debatte von seiner eigenen Verantwortung für die Ereignisse des 7. Oktober abzulenken.» Tatsächlich aber habe Netanyahus Politik über mehrere Jahre hinweg «die von terroristischen Organisationen im Gazastreifen ausgehenden Gefahren erhöht».
Netanyahu hatte Bar im Zusammenhang mit dem Angriff «kriminelles Versagen» vorgeworfen. Dies stellt für Bar eine klagewürdige Verleumdung dar. Er fordert Schadensersatz von knapp einer Million Dollar.
Netanyahu reagiert am Mittwoch in einer von seiner Likud-Partei veröffentlichten Erklärung auf die Vorwürfe mit den Worten: «Ronen, ist das dein Ernst?». Bar habe sehr wohl über seine Telefonnummer verfügt und hätte ihn «sofort anrufen können, so wie es alle Sicherheitschefs tun… Wie viele Leben hätten wir retten können, wenn du nur rechtzeitig angerufen hättest?» Bar war im Juni 2025 – also über eineinhalb Jahre nach tödlichsten Angriffs in der Geschichte Israels – inmitten von gegenseitigen Schuldzuweisungen zurückgetreten und hatte stets betonte, Netanyahu vorab über die Bedrohung informiert zu haben.
Vor wenigen Tage hatte Avi Gil als ehemaliger Militär-Beauftragter Netanyahus gegenüber «Channel 12» erklärt, das Büro des Premiers habe «Aufzeichnungen im Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 gefälscht» – unter anderem durch die Änderung des protokollierten Zeitpunkts eines entscheidenden Telefonats.
Bereits im vergangenen Monat hatten das «Wall Street Journal» und andere Medien berichtet, Netanyahu sei in den Tagen vor dem 7. Oktober von Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel und dem Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohamed bin Zayed Al Nahyan, vor dem Angriff gewarnt worden (Link).