USA – Venezuela 07. Jan 2026

«Richter Hellerstein ist piepegal, was Leute von ihm denken»

Der Richter von Maduro ist der 92-jährige jüdisch-orthodoxe Alvin Hellerstein.

Die Klage gegen Nicolás Maduro wird in New York City vor einem 92-jährigen Richter verhandelt, der fest in seinem jüdisch-orthodoxen Glauben verwurzelt ist.  

Der historische und ausserordentlich umstrittene Strafprozess der Trump-Regierung gegen den nach New York City entführten, venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro wird von dem 92-jährigen Richter Alvin Hellerstein geführt, der für einem eigenwilligen Charakter, eine unorthodoxe Verhandlungsleitung – und Stolz auf seinen jüdische Glauben bekannt ist. Hellerstein wurde von Bill Clinton in Manhattan eingesetzt und hat den Prozess am Montag aufgenommen. Entsprechend gewaltig ist das Medieninteresse. 

Dabei wird klar, dass Hellerstein in Fachkreisen ein enormes Ansehen geniesst und allgemein als geistig auf der Höhe beschrieben wird: «Er bemüht sich sehr, das Richtige zu tun. Er hat nur seine ganz eigene Vorstellung davon, was das ist», wird ein ehemaliger Bundesstaatsanwalt zitiert. Hellerstein sei «einfach alt und altmodisch, macht die Dinge auf seine eigene Weise und schert sich nicht darum, was andere von ihm denken». Hellerstein wurde in der Bronx geboren und hat an der Columbia Law School in Upper Manhattan studiert. 

Die Maduro-Klage ist bei Hellerstein gelandet, weil er bereits einen Prozess gegen ein anderes Mitglied des Regimes in Caracas geführt hat. Er hat zudem bei wichtigen Fällen gegen Trump oder dessen Regierung entschieden, darunter in den Anklagen wegen angeblicher Schweigegeldzahlungen an die Pornodarstellerin Stormy Daniels. Im letzten Mai hat er es der Trump-Regierung verboten, Einwanderer nach dem Gesetz über feindliche Ausländer ohne Verfahren abzuschieben. 

Hellerstein gilt als unabhängiger Kopf bis hin zu Sturheit und weicht mitunter vom üblichen Prozedere ab, indem er Staatsanwälte direkt anruft und zu Anträgen befragt. Zudem sei er auf zügige Verfahren bedacht. Das Maduro-Verfahren dürfte sich jedoch aufgrund komplexer Fragen angefangen bei staatlicher Souveränität über Jahre hinziehen.

Hellerstein ist orthodox und hat den Tora-Vers «Tzedek, tzedek tirdof» – «Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du anstreben» – an der Wand seiner Amtsräume anbringen lassen. Er hat ausführlich über die Rolle seiner jüdischen Identität in seinem Leben und seiner Karriere gesprochen, darunter sein Engagement für Dissidenten in der ehemaligen UdSSR, seine Tätigkeit als Präsident und Vorsitzender einer Stiftung für jüdische Bildungsarbeit und seine wöchentlichen Tennismatches mit drei Rabbinern. 

Nach seinem Jurastudium, diente er in der juristischen Abteilung der US-Armee und war mehrere Jahrzehnte in einer Anwaltskanzlei tätig, bevor er 1998 von Präsident Bill Clinton zum Bundesrichter ernannt wurde. E hat sich 2020 an einem Podcast an seine schwierigen Anfänge erinnert: «Als jüdischer Junge, der sich bei Anwaltskanzleien bewarb, stiess man auf sehr starke Diskriminierung – teilweise offen, meistens aber unterschwellig… Selbst der Eintritt in eine jüdische Kanzlei führte zu einem Statusverlust.» Dennoch war ein tieferes, auf seinen Glauben fussenden Rechtsverständnis zentral für sein Wirken – eine Hinwendung zu Angeklagten als ganze, komplexe Menschen, um deren Handlungen vollständiger zu erfassen und zu verstehen.

Hellerstein schrieb 2013 in der Touro Law Review: «Ich möchte nicht, dass man mir nachsagt, ich hätte auf eine bestimmte Weise geurteilt, weil ich ein orthodoxer Jude bin, und ich möchte nicht das Gefühl haben, dass meine jüdische Erziehung oder meine Werte mich dazu veranlassen, auf die eine und nicht auf die andere Weise zu urteilen.» Aber dann fügte er hinzu: «Meine Urteile aus dreizehn Jahren Richtertätigkeit sind mein Vermächtnis. Sie spiegeln alles wider, was mich beeinflusst hat … ja, alle meine Lebenserfahrungen und natürlich meine jüdische Erziehung und meine jüdischen Werte.» Gleichwohl betont der Richter: «Doch über all diesen Einflüssen steht eine Kategorie an erster Stelle – die Verfassung, die Gesetze und die Präzedenzfälle, denen ich als Richter zu folgen und die ich zu wahren geschworen habe.» 

2020 wurde er während der Hohen Feiertage von Rabbiner Philip Moskowitz an der Synagoge in Boca Raton gefragt, welchen Rat er als Richter im Vorfeld von Jom Kippur geben würde: «Sie sind in einer viel besseren Position als ich, um solche Vorschläge zu machen… Ich bin mir bewusst, dass ich für mein Handeln Rechenschaft ablegen muss. Ein Teil meiner Verantwortung gilt dem Berufungsgericht, wo meine Urteile aufgehoben werden können, und das geschieht auch oft. Ein anderer Teil gilt den direkt am Verfahren beteiligten Personen. Und drittens muss ich Gott Rechenschaft ablegen. Mein Lebenszweck ist es, ein so guter Richter wie möglich zu sein, und ich muss um Kraft und Weisheit bitten, um diese Aufgabe zu erfüllen» (Link).
 

Andreas Mink